Der Teufelsgrat: Jeder ernsthafte Alpinist kennt seinen Namen. Und die meisten wissen auch, wie er aussieht: fünf wilde Zacken, aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur, ein beständig steiles Auf und Ab in etwa 4000 Meter Höhe. Alles andere als leichte Kost, bei Felsschwierigkeiten bis V+ und einer Kletterzeit von allemal zwölf Stunden. Für perfekte Allrounder indes ein teuflisch heißes Eisen, das man irgendwann einmal "gemacht" haben muss.

Ein reibungsloser Ablauf der Seilmanöver ist an den Zacken und Zinnen des Teufelsgrats das A und O.

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Seit Anfang des Jahrhunderts fasziniert der Teufelsgrat die Bergsteiger. Henri Vallot schrieb 1905: "Nur wenige Routen können sich mit dieser messen. Wirklich eine teuflische Architektur. Der Name scheint mir ausgezeichnet gewählt für dieses danteske Szenario. Man muss sich sehr gut auskennen, um sich in diesem steinigen Irrgarten aus Couloirs, Zacken und Zinnen zurechtzufinden."

Die Hand des Teufels?

Fünf Nadeln sind es oben auf unserem Grat wie die Finger an einer Hand – der Hand des Teufels? Bis 1923 waren diese fünf 4000er-Zinnen noch jungfräulich.

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Die Geschichte ihrer Erstbesteigungen erinnert an ein Puzzle, das erst nach und nach zusammengefügt wurde, wobei peinlich genau darauf geachtet wurde, die okkulten Kräfte nicht zu wecken. Denn zuerst fiel die Pointe Carmen durch Brégault, Chevalier und De Lépiney. Damals gab es die Seilbahn auf die Aiguille du Midi noch nicht und der Weg durch das Vallée Blanche war lang und mühsam, bis man endlich am Gipfel des Tacul angelangt war. Die Dreier-Seilschaft mit genagelten Schuhen und Hanfseil kam von oben, vom Gipfel, und stieg auf dem Grat abwärts, die Isolée ließen sie links liegen. Ein paar Seillängen später haben sie die Pointe Carmen erklommen. Das war der Beginn der Erschließung der Aiguilles du Diable.

Ein Platz wie nicht von dieser Welt - auf dem Gipfel der Corne du Diable.

"Der Fels drückt mich ins Leere..."

Zwei Jahre später machten sich der Pianist Antoine Blanchet und Armand Charlet auf den Weg. Sie folgten dem Weg der Vorreiter und kamen ebenfalls von oben zur Isolée, die sie mit Bravour meisterten.

Es galt eine ausgesetzte Platte im fünften Schwierigkeitsgrad zu überwinden, ein kritischer Augenblick, den Armand in seinem Buch beschreibt: "Der Fels drückt mich nach außen ins Leere, ich presse mich an den Felsen und quetsche mich in eine Spalte, meine Versuche senkrecht weiter zu klettern scheitern. Links scheint es besser zu gehen, mein Pickel fällt mir ein und ich beginne ihn in eine kleine Spalte zu schlagen und kann mich so weiter nach oben ziehen und endlich stehe ich auf einer kleinen Schneeterrasse. Geschafft!"

Damals freilich hat noch niemand überhaupt einen Gedanken daran verschwendet, diese Stelle frei zu klettern. Und auch heute ist der entscheidende Haken vielen eine willkommene Hilfe …

Wie viele Gendarmen? "So viele wie möglich!"

Die Kletterei am Teufelsgrat wird vor allem durch die weltabgeschiedene Umgebung charakterisiert.

Immer noch waren drei Nadeln unbestiegen. Zwei Wochen später kehrte Armand Charlet mit Jean Chaubert zurück, ein dritter Gendarme wurde bestiegen, die Corne du Diable. Die beiden hingen noch eine weitere Zinne an, der sie den Namen Pointe Chaubert gaben. Blieb noch der letzte Gratgendarme, die Pointe Médiane. Blanchet, Chaubert, Charlet und Devouassoud machten sich noch einmal auf den Weg. Sie ließen die Corne du Diable und die Pointe Chaubert links liegen und bestiegen die Pointe Médiane direkt.

Bemerkenswerterweise hat keiner der damaligen Alpinisten versucht, die fünf Zacken aneinanderzureihen und damit endlich einmal den gesamten Grat zu begehen. Zwei Jahre später führte Armand Charlet zwei junge Amerikaner, Miss Miriam O’Brien und Robert Underhill, schließlich zum Teufelsgrat. Auf die Frage, wie viele Gendarmen die beiden machen wollten, antwortet Miss Miriam: "So viele wie möglich!" Zwölf Stunden später war den Dreien die komplette Überschreitung des Teufelsgrates gelungen, der heute noch als Klassiker im Mont-Blanc-Massiv gilt.

Schon lange auf dem alpinistischen Wunschzettel

Die Tour hat nichts von ihrem Reiz verloren und wird immer noch als große und schwierige hochalpine Unternehmung gehandelt. Kein Bergsteiger nimmt diese Gratüberschreitung auf die leichte Schulter. Auch ich hatte mir diese Tour schon lange auf meinem alpinistischen Wunschzettel notiert. Anfang September letzten Jahres klingelte mein Telefon. "Gehst du mit uns den Teufelsgrat?" Ich war gerade aus Korsika zurück, die Haut fast noch salzig und die Akklimatisation logischerweise im Keller. Ich zögerte … und wurde überredet.

Zu viert brachen wir am Refuge des Cosmiques auf. Bereits um vier Uhr morgens waren wir im Combe Maudite. Nacht umhüllte die Felsen und die Gletscher, in der klaren Herbstluft leuchteten die Sterne doppelt so hell.

Der Himmel erstrahlte in makellosem Blau

Der Teufelsgrat besticht vor allem auch durch seine unglaublich vielseitigen Aussichten.

Der Bergschrund bot kein Problem und wir erreichten gemeinsam mit den ersten Sonnenstrahlen die Corne du Diable, die die meisten Seilschaften umgehen. Wir wagten die Überschreitung dennoch. Der kalte Granit ließ meine Finger schnell klamm werden. Risse und Griffe brachten uns höher, ich dachte ans Meer. Von der Horizontalen in die Vertikale, was soll’s.

Die Überschreitung des ersten Gratturms klappte wie geschmiert und schon standen wir an der Pointe Chaubert. Gott sei Dank hatten wir einen fast windstillen Tag erwischt und der Himmel erstrahlte in makellosem Blau. Das kann man hier auch ganz anders erleben, zwei Wochen später ließ ein Bergsteiger hier oben sein Leben. Die Médiane erwartete uns, es gab auch keine Zwischenfälle auf dem Weg zur Pointe Carmen. Der ganze Grat spulte sich ab wie am Schnürchen.

Unglaublich, wir standen schon am Mittag am Fuß der Isolée. Hier lag schon Schnee, trotzdem nahmen wir die direkte Linie und standen schon bald am Gipfel des Mont Blanc du Tacul. Es war früher Nachmittag und der Gipfel gehörte uns ganz allein. Müde ließ ich mich auf den Rucksack sinken und war überglücklich, dass mir diese Tour endlich gelungen ist – und dass die Hand des Teufels mich hat passieren lassen.

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Text von Mario Colonel

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