Berühmt ist die Königin der Dolomiten vor allem durch ihre Südwand. In diesem mächtigen Schild wurde und wird Klettergeschichte geschrieben. Ganz anders die Nordseite: Die kleidet sich bis in den Sommer in strahlendes Weiß. So dass unser Autor Peter Mathis noch im Juni für eine Traum-Skitour in die Dolomiten kam.

Skitour im Juni? Na klar!

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Das Thermometer misst 25 Grad im Schatten – plus 25 Grad allerdings. Kein Wunder, heute ist ja auch schon der 10. Juni. Nicht unbedingt die ideale Zeit, um noch ernsthaft an eine Skitour zu denken. Ich surfe aber schon wieder auf www.gipfelbuch.ch herum, um zu schauen, welche Touren von den diversen "Spätwinter-Skitouren-Berufenen" auf der Schweizer Bergsteigerwebseite besprochen wurden.

Und siehe da: Immer wieder lese ich von Skitouren in den Dolomiten – und das Anfang Juni. Die Dolomiten kenne ich wie viele andere eigentlich erstmal vom Klettern. Vor 20 Jahren haben wir uns dort mindestens fünf- oder sechsmal pro Sommer an den steilen Zacken und großen Wänden versucht.

"Abfahrt bis zum Parkplatz möglich"

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Beim Durchsuchen der verschiedenen Tourenberichte stoße ich auf die Marmolada di Penia. "Abfahrt bis zum Parkplatz möglich und beste Firnverhältnisse", heißt es da – und der Eintrag ist gerademal drei Tage alt. Da muss ich unbedingt hin, nur wer geht jetzt noch mit auf Skitour, zumal angesichts einer mehrstündigen Anfahrt. Die meisten meiner Freunde sind schon mitten im Klettertraining oder schon beim Mountainbiken. Aber eben nur die meisten.

Ich erkundige mich sofort über die Wettervorhersage für die nächsten drei Tage im Großraum Südtirol. Donnerstag und Freitag Hochdruckwetter, am Samstag soll es Regen geben. Heute ist Mittwoch, schon fast Mittag. Das heißt, wir müssten noch heute Abend in die Dolomiten fahren. Ich rufe sofort meinen Kumpel Helmut an, der natürlich – wie die meisten Leute – beim Arbeiten ist.

Um fünf Uhr nachmittags stehe ich bei ihm vor dem Haus, und nachdem wir unsere Skitourenausrüstung im Kofferraum verstaut haben, brausen wir auf der Rheintalautobahn in Richtung Canazei. Den Parkplatz oberhalb des Fedaiasees am gleichnamigen Dolomitenpass erreichen wir in tief schwarzer Nacht. Einzig die Sterne funkeln am wolkenlosen Nachthimmel.

Die Vorfreude ist riesengroß

Helmut möchte unbedingt noch sein Zelt aufstellen, da er immer befürchtet, irgendwelche Insekten würden sich in seine Ohren und Nasenlöcher verirren. Ich hingegen ziehe eine Nacht unter dem Sternenhimmel vor.

Die Vorfreude auf den morgigen Tag ist riesengroß, um so mühsamer schlafe ich ein. Erste Traumbilder ziehen vorbei: eine mächtige Wand mit extrem exponierten, aber ebenso berauschend schönen Kletterstellen. Saugende Tiefe überall, brenzlige Situationen, Kameradschaft am Stand, dann die Gewissheit, wir sind bald am Ziel. 800 Höhenmeter Kalkgemäuer, 30 Seillängen sind wir vor etwa 20 Jahren durch die markante Südwand der Marmolada d'Ombretta geklettert. Die "Gogna" war für uns damals eine gewisse Zeit lang der Gipfel der Begehrlichkeiten.

Im Juni trifft man eher weniger Leute auf einer Skitour.

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Längst sind die Liftanlagen eingemottet

Heute sind wir an der Nordseite des Berges und statt Kletterschuhen haben wir Tourenschuhe mit Tourenski und Steigfellen an unseren Füßen. Helmut, seines Zeichens Bergführer, hat natürlich am Abend im Zelt noch die Aufstiegsroute in der Karte genauestens studiert, was uns jetzt zugute kommt.

Es ist noch fast stockfinstere Nacht, als wir aufbrechen. Nur ganz schwach graut im Osten der neue Tag, von einer ersten Röte keine Spur. Nach etwa einer Stunde über den hartgepressten und über Nacht zusammengefrorenen Firn, haben wir das Rifugio Pian dei Fiacconi und damit das Gelände der winterlichen Skipiste hinter uns gebracht. Längst sind die Liftanlagen eingestellt und für den Sommerschlaf eingemottet, so dass uns der Berg – zumindest für heute – ganz alleine gehören wird. Wir queren über leicht ansteigendes Hügelgelände auf die eisige Nordwand der Marmolada di Penia zu. Während der Dämmerung schälen sich allmählich die bekannten Nachbarn aus der Dunkelheit: im Norden der mächtig emporragende Langkofel, daneben gezackt die Sella bis hin zum Piz Boé im Osten, im Westen der berühmte Rosengarten.

Als wir zur großen Rinne unter dem Nordsattel queren, geht gerade die Sonne auf und taucht die Plattenschüsse des Grand Vernel in gelborange Farben. Nach ein paar Fotos allerdings habe ich erstmal nicht mehr ganz so viele Blicke für die Landschaft übrig, denn die Rinne ist reichlich steil und der Firn noch hart gefroren. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt der Spur, die sich in steilem Zickzack zum Teil über die unangenehmen Boller alter Nassschneerutsche hinauf zu dem kleinen Sattel auf der Nordseite windet. Der Blick von dort oben ist grandios, allein der Langkofel ragt 1000 Meter aus den bereits grünen Juniwiesen rund um das Sellajoch in den Himmel.

Irgendwann geht es auch wieder runter...

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Vom Sattel gilt es noch einen 35 bis 40 Grad steilen Hang zu überwinden, ehe wir auf die flacheren Hänge kommen, über die wir gemächlich in Richtung Gipfel aufsteigen könnten. Freilich ist die Neugier größer, denn wir wollen so schnell wie möglich über die Abbruchkante in die Südwand hinabschauen, die wir vor zwei Jahrzehnten hinaufgeklettert sind. Also steigen wir geradewegs hinauf und gleich zum Gipfel, den wir nach 3 1/2 Stunden erreichen. 1000 Meter tiefer blinkt das Dach der Falierhütte, die uns damals so manches Mal als Ausgangspunkt für unsere Klettertouren diente.

Schwung um Schwung gleiten wir hinab

Gleich unterhalb des Gipfels ist eine Biwakschachtel, die aber für eine Brotzeit leider ein bisschen zu verwahrlost aussieht. Macht nichts, der Rundblick ist so grandios, dass uns eh keine zehn Pferde nach drinnen gebracht hätten. Rundum liegen uns sämtliche Dolomitengipfel zu Füßen. Wir setzen uns an der Abbruchkante auf unsere Rucksäcke und genießen bei einer Jause den Tiefblick hinunter auf die Südseite.

Nach einer ausgiebigen Genussrast packen wir unsere Siebensachen zusammen und machen uns an die Abfahrt. Die Temperatur ist mittlerweile optimal, so dass wir mit wenigen aufgeweichten Zentimetern beste Firnverhältnisse haben. Bei der Abfahrt zum Sattel kommt die Steilheit erst richtig zur Geltung, aber das kann uns heute nicht stören. Schwung um Schwung gleiten wir hindernislos fast wie im Rausch über die Nordseite der Marmolada hinab. Gerade einmal 50 Meter neben dem Parkplatz zischen wir mit dem letzten Schwung über den Nassschnee ans erste Grün. Jetzt kann der Sommer kommen!

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Unsere gesammelten Touren finden Sie hier!

Text von Peter Mathis

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