Wer ein funktionierendes, eingeschaltetes Verschüttetensuchgerät am Körper trägt, hat im Falle einer Verschüttung eine recht gute Überlebenschance – wenn die nicht verschütteten Tourenpartner die Verschüttetensuche beherrschen und das Werkzeug zum Rausholen dabei haben: nämlich Schaufel und Sonde.

Das LVS-Gerät steht an erster Stelle bei der Lawinenrettung. In ein bis zwei Minuten haben Könner damit den Verschütteten geortet und sich angenähert. Doch dann beginnt die Zeit richtig zu laufen: Liegt der Verschüttete mit seinem Sendegerät ungünstig, können die Funkwellen ein Empfangsmaximum an einer Stelle erzeugen, die vom Liegepunkt weit entfernt ist – und das mühsame Schaufeln im hartgepressten Lawinenschnee führt ins Leere.

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Das Einkreuzen ist bei der Feinsuche eine entscheidende Phase. Hier gilt es, zielstrebig und systematisch und vor allem nicht hektisch vorzugehen.

Wer dagegen nach abgeschlossener Punktortung mit der Sonde in den Schnee fühlt, wo der Freund liegt, kann zielgerichteter und damit schneller nach ihm graben und so lebensrettende Sekunden gewinnen.

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 Erst die Kombination von elektronischer (LVS-Gerät) und mechanischer (Sonde) Suche bietet die optimalen Chancen. Eine französische Untersuchung hat dies jüngst eindrucksvoll bestätigt: Ohne Sonde dauerte das Finden und Ausgraben mehr als doppelt so lange wie mit. 

Um diese Überlebenschance zu nutzen, muss man natürlich eine Sonde besitzen und dabei haben. Mindestens jeder zweite oder dritte Tourenpartner sollte eine Sonde mitnehmen (bei großen Gruppen), bei kleinen Gruppen (bis zu fünf Personen) muss jeder eine Sonde dabei haben.

Beim Kauf lohnt es sich, eine stabile, steife Sonde zu wählen, die geradlinig durch die Lawinenbrocken dringt und sich nicht seitlich ablenken lässt. Länge ist weniger wichtig als rasches, einfaches Zusammenbauen. Bei der Organisation einer Lawinenrettung werden alle Sonden hergerichtet und entweder vom LVS-Sucher oder einem Assistenten mitgetragen, zusammen mit einer Schaufel.

Punktortung

Punktortung: Beim Sondieren ist es wichtig, nicht wild im Schnee herumzustochern, sondern mit System vorzugehen. Das Kreuz aus Stöcken hilft dabei.

| © Picture Alliance

In der letzten Phase der Verschüttetensuche, der Punktortung, können die sich kreuzenden Peillinien durch Skistöcke oder Sonden im Schnee visualisiert werden. So erhält man das "Skistockkreuz", das den Punkt des besten VS-Signals markiert – und den Übergang von der elektronischen zur mechanischen Phase, zum Sondieren.

Man hält die Sonde mit beiden Händen, setzt sie senkrecht auf den Schnee, zwischen den leicht gespreizten Beinen, und sticht sie mit sanftem Nachdruck im rechten Winkel zur Schneeoberfläche ein. Das klingt banal, ist aber in der Praxis nicht immer leicht, aber sehr wichtig.

Sondieren am Hang

Das Sondieren am Hang erfolgt immer im rechten Winkel zur Oberfläche. Nur so kann man einigermaßen systematisch arbeiten.

Einmal schräg nach rechts eingestochen, einmal schräg nach links, kann bei entsprechender Verschüttungstiefe schon reichen, dass man einen Körper nicht trifft. Noch dazu ist Lawinenschnee ein Chaos aus hartgepressten Brocken, in denen vor allem dünne Sonden gerne "verlaufen", aus der Richtung geraten. Deshalb muss die Sonde mit großer Konzentration geführt werden.

Sondieren: So gehen Sie vor!

Genauso wichtig ist ein klares System beim Sondieren. Man beginnt im Schnittpunkt des Skistockkreuzes. Wird man hier nicht fündig, sticht man auf den vier Achsen des Stockkreuzes ein, jeweils 20 Zentimeter vom Mittelpunkt entfernt. Dann in den Ecken eines gedachten Quadrats, die von den Stöcken je 20 Zentimeter entfernt sind.

© Picture Alliance

So arbeitet man sich nach außen, indem man immer größer werdende Quadrate im 20-Zentimeter-Raster absucht. Wenn die ersten Sondenstiche nicht fündig werden, darf man sich nicht frustrieren oder verwirren lassen: Mit beharrlichem und systematischem Sondieren kommt man meist ans Ziel, mit panischem Stochern weniger. Hat man allerdings ein zweimal- zwei-Meter-Quadrat absondiert und nichts gefunden, sollte man noch einmal die Punktortung gründlich wiederholen.

Zeit kann man sparen, indem man nur so tief wie nötig sondiert. Die Entfernungsanzeige des LVS-Geräts liefert dafür einen Richtwert: Wenn sie beispielsweise 0,7 m anzeigt, muss nicht die gesamte 2,40- Meter-Sonde versenkt werden. Zur Sicherheit sollte man aber immer etwas tiefer stechen als die LVS-Anzeige nahelegt.

Wer noch nie sondiert hat, wird sich schwer tun, die wechselnden Eindringwiderstände zu interpretieren. Deshalb sollte man die Technik und Systematik des Sondierens in einem Kurs lernen und üben – oder zumindest an einem Hüttennachmittag einmal ausprobieren. Aus einer Schneeböschung eine Nische ausschaufeln, Steine, gefüllten Rucksack oder den Kumpel reinlegen und von oben mit der Sonde danach stochern, das kann Spaß machen und im Fall der Fälle Leben retten.

Wichtig! Hat man mit der Sonde den Verschütteten gespürt, bleibt sie als Markierung stecken und gibt gleich einen Anhaltspunkt, wie tief man graben muss. So viele Schaufler, wie verfügbar sind (bei Mehrfachverschüttung sollte ein VS-Sucher weiter suchen) und Platz finden, fangen hangunterhalb an zu buddeln, etwa so weit entfernt wie die Verschüttungstiefe, und arbeiten sich auf die Sonde zu in die Tiefe.

Ausgraben

Beim Ausgraben eines Verschütteten nähert man sich von der Talseite an die mit der Sonde markierte Person. Die Sonde bleibt dabei stecken!

Dabei ist eine gestaffelte Aufstellung sinnvoll: vorne graben einer oder zwei, dahinter schaufeln Helfer den Aushub weg. Hat man den Körper erreicht, gilt es, den Kopf freizulegen, um Bewusstsein und Atmung kontrollieren zu können; dann ist die nächste Routine gefragt, die der Wiederbelebung oder Ersten Hilfe.

Text von Andreas Dick

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