Lawinen sind das Schreckensszenario für Skitourengeher. Ist ein Skifahrer verschüttet, muss es schnell gehen. Nur wenn jeder weiß, was er zu tun hat, hat der Verschüttete eine Chance zu überleben.

Ein Lawinenabgang ist auch mit kompletter Ausrüstung und modernster Technik immer eine lebensgefährliche Situation. Zehn Prozent der Lawinenopfer überleben den Stillstand der Lawine nicht, sondern werden vorher durch mechanische Einwirkung tödlich verletzt.

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Von daher gilt vor allen anderen Maßnahmen: Lawinen unter allen Umständen vermeiden. Das klingt selbstverständlich. Schaut man aber heute auf die Vielzahl der Skifilme, Youtube-Videos oder andere Action-orientierte Darstellungen, hat man nicht den Eindruck, dass alle die Maxime der Lawinenvermeidung verinnerlicht haben. In einer Lawine "abzusurfen" scheint mitunter cool zu sein.

Die beste Lawine ist immer noch die, die nicht abgeht. Leider ist der Bereich der Schnee- und Lawinenkunde jedoch so komplex, dass sich Lawinen nicht immer vermeiden lassen. Erst wenn sich niemand mehr im winterlichen Gebirge bewegt, wird es keine Lawinenunfälle mehr geben.

Was aber tun, wenn alle Vorsicht nichts genutzt hat und man in einen Lawinenunfall verwickelt ist? Skifahrerlawinen sind in den allermeisten Fällen keine Monsterlawinen, sondern eher klein. Wenn man schon während des Gehens entsprechende Maßnahmen getroffen hat (Abstände etc.), sollten nicht mehrere, sondern maximal ein bis zwei Personen von einer Lawine betroffen (verschüttet) sein. Deswegen konzentrieren wir uns in der Folge auf typische Skifahrerlawinen mit mäßigen Ausmaßen und wenigen beteiligten Personen.

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Bei größeren Lawinen führt um die organisierte Rettung nichts herum. Das ist das erste Stichwort: Als organisierte Rettung wird bezeichnet, was über Bergwacht, Bergrettung, Pistenrettung oder andere "professionelle" Helfer abgedeckt wird. Diese Helfer müssen aber erstmal von einem Lawinenunfall erfahren, um tätig zu werden.

Als Kameradenrettung wird bezeichnet, was durch die Freunde, Partner, Mitgeher oder andere, zufällig in der Nähe befindliche Personen geleistet wird. Bei Skitourenweit weg von Pisten oder anderer Infrastruktur ist die Kameradenrettung die wichtigste Maßnahme. Voraussetzung für eine Kameradenrettung ist, dass jeder Tourengeher mit der Notfallausrüstung (Schaufel, Sonde, Lawinen-Verschütteten-Suchgerät (kurz: LVS)) ausgestattet ist und diese bedienen kann. 

Dazu zählt auch, dass man die Batterien an seinem LVS-Gerät spätestens ab 40 Prozent Leistung ersetzt. Mit 35 Prozent sendet ein LVS zwar noch recht lange, doch bei der Suche verbrauchen die Geräte deutlich mehr Energie.

Methodik

Folgendes Such- Schema, das international geschult wird, hat sich als sinnvoll herausgestellt. Wichtig vor jeder Suche: Alle Nichtverschütteten müssen ihre LVS -Gerät entweder auf Suchen stellen oder ausschalten.

Die Signalsuche

Der Erfahrenste oder der Tourenleiter gibt die Kommandos. Alle Suchenden schalten ihre LVS -Geräte auf Empfang und suchen zunächst das Lawinenfeld mit Augen und Ohren ab. Wenn man Glück hat, schaut der Rucksack oder ein Körperteil des Verschütteten aus den Schneemassen heraus.

Zeitgleich wird ein Teilnehmer bestimmt, der die Rettung per Handy alarmiert. Das Lawinenfeld wird jetzt systematisch abgesucht. Dabei halten die Suchenden einen Abstand von 20 Metern (= Suchstreifenbreite) zueinander und gehen nebeneinander parallel das Schneefeld ab. Ein einzeln Suchender geht den Bereich in Mäandern ab.

Die Distanz der beiden äußeren Sucher bzw. des Wendepunktes des Einzelsuchers zum Rand der Lawine sollte nicht mehr als zehn Meter betragen.

Die Grobsuche

Ab dem ersten Empfang eines Signals folgt man grob der Richtung, aus der es kommen könnte. Dabei wird das Gerät waagrecht vor dem Körper gehalten. Bei digitalen Geräten, also den aktuell gängigen, muss das LVS - Gerät nicht vor dem Körper geschwenkt werden.

Beginnt das Display, mit Pfeil oder LED-Leuchten eine Richtung anzugeben, folgt man der Anzeige. Die Entfernung muss kontinuierlich abnehmen. Tut sie das nicht, ist das ein Zeichen dafür, dass man sich möglicherweise wieder vom Verschütteten entfernt.

Dann heißt es: umdrehen und solange gehen, bis die Entfernung wieder abnimmt. Die Suchgeschwindigkeit ist bei der Grobsuche so schnell wie möglich, das LVS -Gerät wird auf Hüfthöhe getragen.

Die Feinsuche

Die Feinsuche: Beim Einkreuzen wird das LVS-Gerät nicht verdreht.

Ab einer Distanz von fünf bis drei Metern zum Ziel beginnt die Feinsuche. Sie sollte immer nur von einem der Suchenden durchgeführt werden. So verhindert man mögliche Gerätestörungen und verdichtet nicht unnötig den Schnee (und zerstört damit eventuell die Atemhöhle) über dem Verschütteten.

Das Gerät wird nun direkt über der Schneeoberfläche gehalten und es wird in derselben Richtung weitergesucht bis zum Punkt der geringsten Entfernung. Dazu ist es nötig, über den Punkt des geringsten Abstandes hinauszugehen, um sicherzustellen, dass man nicht zu früh einkreuzt.

Die Suchgeschwindigkeit in dieser Phase ist deutlich langsamer (Stichwort: Airport-Approach). Der Punkt des niedrigsten Wertes wird markiert. Jetzt bewegt man das LVS -Gerät im 90-Grad-Winkel nach links und rechts von der bisherigen Suchrichtung. Dabei wird das Gerät nicht gedreht, sondern nur parallel verschoben.

Mit diesem "Einkreuzen" prüft man, ob es an einer anderen Stelle einen geringeren Distanz-Anzeigewert gibt. Im Bereich der Feinsuche sollte nicht zu viel Zeit verschwendet werden.

Es ist deutlich schneller, etwas früher mit dem Sondieren zu beginnen als zu versuchen, den Punkt des geringsten Abstandes auf den Zentimeter genau zu bestimmen. Am niedrigsten Wert beginnt man sofort mit dem Sondieren.

Punktortung und Bergung

Ausgehend vom markierten Punkt wird jetzt mit der Sonde weitergesucht. Wichtig beim Sondieren ist es, dies mit System zu tun. Die Kameraden werden laut über "Treffer" informiert, die Sonde am "Trefferort" stecken gelassen.

Sind von einer Verschüttung mehr als ein Tourengeher betroffen, wird die Suche komplexer. Sowohl für den oder die Suchenden als auch für die LVS -Geräte.

Der sogenannte Mehrfach-Verschütteten-Modus, den die meisten aktuellen Geräte haben, hilft, die Signale gefundener Verschütteter zu "markieren". Das heißt, dass das LVS -Gerät ab dem Moment des Markierens eines Verschütteten das nächstliegende weitere Signal empfängt.

Je nach Entfernung und Verschüttungstiefe beginnt man nun wieder mit der Grobsuche (eher selten) oder mit Feinsuche und Punktortung.

Experten-Tipp zur LVS-Suche:

  • Üben, üben, üben: Ein Lawinenabgang mit Verschüttung setzt die Retter ungeheurem Stress aus. Die Suche muss automatisiert sein.

  • Im Ernstfall: Ruhe bewahren

  • Bei genügen Rettern: einer alarmiert.

  • Erfasssungspunkt markieren

  • Vor jeder Suche: Alle nichtverschütteten LVS -Geräte auf Suchen oder ausschalten.

  • Wenn möglich Handys aus (außer das Handy, mit dem der Notruf abgesetzt wurde!).

  • Verwenden Sie aktuelle LVS-Geräte mit drei Antennen.

  • Die Standard-Notfall-Ausrüstung (LVS -Gerät, Sonde, Schaufel) ist ein Muss. Ihr Vorhandensein spielt mittlerweile bei der juristischen Aufarbeitung eines Lawinenunfalls eine Rolle.

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