Fünf Jahre war er gesperrt: der schönste Weg zu Schloss Neuschwanstein – und auf den Tegelberg! Zum Muttertags-Wochenende wurde der Steg durch die Pöllatschlucht wieder eröffnet. ALPIN-Chefredakteur Bene Benedikt mischte sich unter die Ehrengäste.

Die einen tappen die Teerstraße hoch oder setzen sich in Bus oder Pferdekutsche, die anderen folgen dem steilen Mountainbike-Pfad durch den Wald – die Genießer aber scheren schon an der Bushaltestelle (oder am Parkplatz) aus dem Trubel aus, gehen linksrum zum Gymnasium und zwischen Schulbauten und alten Villen vorbei unter uralten Bäumen zur Gipsmühle. Die ist teils Ruine, teils wird noch fleißig gesägt. Der hölzerne Mühlwasserkanal weist den Weg in die Klamm – langsam wird es lauter, bis man bald sein eigenes Wort nicht mehr versteht. 

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In English please: Die Texte der Informations-Tafel zu Beginn der Pöllatschlucht sind zweisprachig.

Ein kleines Stück des schmalen alten Steges ist als Denkmal erhalten geblieben. Er drückt sich knapp über dem Wasser an die hohe Felswand, über der irgendwo das Schloss thront. Die Pöllat überspülte ihn immer wieder, beschädigte die Halterungen, ließ die Bretter rutschig und morsch werden oder riss die späteren Gitterroste einfach weg, wenn nach der Schneeschmelze das Frühjahrswasser durch die Schlucht tobt, die etwas oberhalb dramatisch von der Marienbrücke überspannt wird

Begrüßten zahlreiche Gäste: Landtagsabgeordnete Angelika Schorer (li.) und Bürgermeister Stefan Rinke (3. v. l.).

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Die Marienbrücke ist wohl einer der bestbesuchte Foto-Spots der Erde, dazu trägt inzwischen sicher auch das Gratis-WLAN am Märchenschloss bei, das Jahr für Jahr von rund 1,5 Millionen Gästen besucht wird. Ungleich mehr tummeln sich auf den Wegen und Aussichtspunkten ohne die 13 Euro für die geführte Besichtigung zu bezahlen. Die meisten werden nicht wissen, welches Juwel sich zu ihren Füßen versteckt.

Über massive Metallträger führt der Weg die Schlucht empor.

518 Stufen führen von der Gipsmühle hinauf zum Schloss: erst über eine gemauerte Treppe, dann über massive Metallträger durch die Schlucht. Überdimensionierte Eisenträger, ein üppiger Handlauf und viele Drähte als Geländer schützen die Besucher, die über stark profilierte Gitter-Stufen und sorgsam an den Fels angepasste Flächen bergan steigen. 

Schön, dass die originale Felsstruktur erhalten blieb und nicht jede vorspringende Nase weggeschlagen wurde. Kopfverletzungen sind nach wie vor möglich, aber jedes andere Risiko wurde möglichst ausgeschlossen. Daher dauerte auch die Sanierung so lange: Es sollte ja nicht nur der Steg selbst, sondern auch das Gelände darüber sicher sein. Es besteht nur teilweise aus Fels; manche Partien sind natürliche Hänge, also mehr oder weniger "lebendig" oder durchmischt mit Schutt und Steinen vom Bau des Schlosses von 150 Jahren.

Da ging es nicht nur um ein paar Stufen oder Stege, sondern um ein umfassendes Sanierungs- und Sicherungskonzept. Ein geologisches Fachbüro aus Davos war einbezogen (Thomas Bickel: "Von der Gefährdung her kein außergewöhnliches Projekt für uns, wohl aber angesichts der Situation!"), aber auch Bergführer Thomas Hafenmair (Schöpfer der beliebten Klettersteige am benachbarten Tegelberg) und natürlich die Verantwortlichen der Gemeinde Schwangau. 

Trotz der umfassenden Sanierung bleibt der Weg ein beeindruckendes Natur-Erlebnis.

Sie sorgen dafür, dass der Weg durch die Pöllatschlucht nur bei gutem Wetter zu begehen ist und schließen bei Bedarf die Tore. Die sind aber jederzeit von innen zu öffnen, so dass keiner Besucher fürchten muss, eingeschlossen zu werden. Wie viele werden es sein? Kurz nach der Eröffnung setzte der Besucherstrom aus aller Herren Länder ein. Bei 1,5 Millionen Schlossbesuchern sind im Durchschnitt einige Tausende täglich unterwegs. Die genaue Zahl der Pöllat-Besucher messen nun Fotozellen über den Toren. Man darf gespannt sein!

Sprach bei der Wieder-Eröffnung: Landtagsabgeordnete Angelika Schorer.

Kein Wunder, dass die Wiedereröffnung so viel Aufmerksamkeit fand: Bei der Eröffnungsfeier konnten Bürgermeister Stefan Rinke und Landtagsabgeordnete Angelika Schorer viel Prominenz begrüßen: Vertreter der beteiligten Behörden, der Ministerien in München, den Schulleiter des Gymnasiums, der Schlösser- und Seenverwaltung, der Füssener Polizei und Bundeswehr, der Kanzlei, die den juristischen "Sicherheitszaun" geknüpft hatte, aber auch Beatrix Prinzessin von Bayern. Pfarrer Markus Dörre segnete die Pöllatschlucht: "Wer solche Wege geht, der lässt sich berühren!".

Ach ja, und der schönste Weg geht so: Erst durch die Schlucht, dann öffnet sich das Tal der Pöllat zu einem Kessel, aus dem eine Treppe fast bis vors Schloss hinaufführt. Das Magische daran ist, dass die Turmspitzen des Märchenbaus wirklich erst ganz zum Schluss sichtbar werden. Wie ein Traumbild stehen sie plötzlich über einem – das ist dann einer der Momente, wo man sich König Ludwig ganz nahe fühlen kann. 

Angekommen auf der Teerstraße hat man nun die Wahl: rechts zum Schloss oder links über die Marienbrücke auf den Tegelberg und zu Fuß oder mit Bahn zurück. Das geht auch umgekehrt: Klettersteig auf den Tegelberg und über den Marienbrückenweg und durch die Pöllatschlucht zu Tale. Bergbahn und Schlucht sind nur eine Viertelstunde Fußweg voneinander entfernt. Also, lassen Sie sich berühren!

Schloss Neuschwanstein feiert übrigens in diesem Jahr auch einen runden Geburtstag, und zwar auch den 150., denn am 5. September 1869 wurde der Grundstein gelegt. Derzeit ist das Schloss eine Baustelle: Seit 2017 und noch bis 2022 läuft die erste umfassenden Sanierung seit der Erbauung des Schlosses vor 150 Jahren. Sie wird rund 20 Millionen Euro kosten.

Aussichtsreicher Arbeitsplatz: Spengler auf Schloss Neuschwanstein 1976.

Etwa zwei Drittel des Schlosses bleiben für die Besuchergruppen geöffnet, die im 5-Minuten-Takt durch Ludwigs hehren Traum geschleust werden. Kleinere Maßnahme hatte es in den Jahren davor immer wieder mal gegeben – als junger Reporter begleitete ich den Spengler auf das Spitzdach des kleinen Türmchens am großen Turm.

Text von Bene Benedikt

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