Skitouren-Gruppe gerät auf der "Haute Route Alpine" in schweren Schneesturm. Ermittlungen der Schweizer Behörden betreffen den verantwortlichen Bergführer.

Gerade einmal 500 Meter trennen die 14 Skitourengeher, die am vergangenen Sonntag nahe des Gipfels Pigne d’Arolla in einen schweres Unwetter geraten waren, von der rettenden Schutzhütte Cabane des Vignettes (3157m), dem Tagesziel der Gruppe auf der "Haute Route Alpine".

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Doch im dichten Nebel, bei Eis- und Schneeregen sowie ohne Handyempfang, verlieren die Tourengeher aus Italien, Deutschland, der Schweiz und Frankreich die Orientierung. Der Leiter der Gruppe, der 59-jährige Bergführer Mario Castiglioni, beschließt, sich alleine auf die Suche nach Hilfe zu machen. Er stirbt wenig später, nach übereinstimmenden Medienberichten, durch einen Sturz in eine Gletscherspalte. 

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So ist die führerlose Gruppe gezwungen, die Nacht in einer Höhe von rund 3000 Metern und bei Temperaturen bis zu minus 10 Grad im Freien zu verbringen. Am darauffolgenden Tag entdecken Rettungskräfte die Gruppe unweit der SAC-Hütte. Für sechs von ihnen kommt die Hilfe allerdings zu spät: sie sterben wenig später an den Folgen von Unterkühlung im Krankenhaus.

Überlebender berichtet

Wenige Tage nach dem schweren Bergunglück hat sich nun ein Überlebender des Dramas zu Wort gemeldet. In der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" berichtet Tommaso Piccioli vom Überlebenskampf der Gruppe. Er habe, so der erfahrene Skitourengeher, seine Bergkameraden immer wieder dazu aufgefordert, sich zu bewegen und gegen den Schlaf anzukämpfen. 

Er selbst sei mehrmals kurz davor gewesen, vor Erschöpfung einzuschlafen und aufzugeben, der Gedanke an seine Frau habe ihn aber die Nacht überstehen lassen, erinnert sich der 50-jährige Architekt. 

Rückblickend habe man "schwere Fehler" gemacht, so Piccioli gegenüber dem "Corriere della Sera". Mehrmals habe man sich im dichten Schneetreiben verlaufen, um dann, nachdem der Führer der Gruppe nicht wieder zurück gekehrt sei, an exponierter Stelle die Nacht zu verbringen.

Schneehöhle bauen: so geht's!

An das Graben von Schneelöchern oder gar einer Schneehöhle, die der Gruppe Schutz vor Kälte und dem eisigen Wind geboten hätte, sei aufgrund des felsigen Untergrunds nicht zu denken gewesen. Auch habe es an ihrem Lagerplatz dafür zu wenig Schnee gegeben. So habe man versucht, in den Felsen Schutz vor dem Unwetter zu finden.

Kritik am Bergführer

Inzwischen wird auch Kritik am Verhalten des verantwortlichen Gruppenleiters laut. "Bei dieser Wettervorhersage hätte der Bergführer niemals mit so einer grossen Gruppe losgehen dürfen. Ein zügiges Tempo ist eine grosse Sicherheit am Berg. Je länger man am Berg ist, desto grösser ist die Gefahr, in einen Wettersturz zu geraten", so der Schweizer Alpinist Raphael Wellig gegenüber blick.ch.

Die Route ("La Serpentine") von der Cabane des Dix über den Pigne d’Arolla bis zur Cabane des Vignettes sei auch bei besten Bedingungen nur etwas für "versierte Skialpinisten" mit entsprechender Kondition, so der Walliser. Noch ist unklar, wie die Skibergsteiger ausgerüstet waren, doch hätten jeder von ihnen einen Biwacksack, eine Rettungsdecke sowie Lawinenschaufel und ausreichen warmen Tee dabei gehabt, "hätten sie überlebt", ist sich Wellig sicher. 

Update vom 04.05.2018

Nach ersten Ermittlungen der Schweizer Staatsanwaltschaft hat der verantwortliche Bergführer Mario Castiglioni - entgegen erster Meldungen - die Nacht zusammen mit seiner Gruppe im Sturm verbracht, ehe er sich dann in den frühen Morgenstunden alleine aufmachte, um Hilfe zu holen.

Wie es in einer Mitteilung der italienischen Bergführervereinigung Guide Alpine Italiane heißt, wurde der Leichnam Castiglionis am Montagvormittag von den Rettungskräften etwas unterhalb der übrigen Skitourengeher gefunden. Der Rekonstruktion von Bergführervereinigung und Walliser Behörden zufolge, war der Bergführer die erste Person, die bei dem Drama ihr Leben verlor. "Ob wegen des Sturzes oder der Kälte oder wegen beiden" könne man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.

Gesichert scheint nur, dass Castiglioni, dessen Frau ebenfalls zu den Todesopfern der Katastrophe zählt, bei seinem Alleingang nicht - wie anfänglich von mehreren Medien berichtet - in eine Gletscherspalte gestürzt war. Auch was die Ausrüstung der Gruppe betrifft, gibt es neue Erkenntnisse. So sei die Gruppe "für die Tour perfekt ausgerüstet" gewesen, wie es in der Aussendung der Guide Alpine Italiane heißt. 

Auch Bergführer Castiglioni, der zwei Söhne und eine Tochter hinterlässt, habe "alle für die Sicherheit nötigen Geräte bei sich [gehabt]: GPS, Satellitentelefon und ein Smartphone mit einer topographischen Karte der Schweiz." Als die Gruppe am Sonntagmorgen aufbrach, sei zwar absehbar gewesen, dass sich das Wetter im Laufe des Tages verschlechtern würde, die Tour sei trotz der negativen Prognose durchaus machbar gewesen, sind sich die Experten der italienische Bergführervereinigung sicher. 

Dass sich das Wetter innerhalb kürzester Zeit in einen handfesten Sturm mit totalem Whiteout, Temperaturen unter Null und Windgeschwindigkeiten von über 100 Stundenkilometern entwickeln würde, war nicht abzusehen. 

Reinhold Messner: "Es reichen 100 Meter, um absolut verloren zu sein."

Auch Bergsteigerlegende Reinhold Messner möchte dem Bergführer keinen Vorwurf machen. In einem Interview mit Salto.bz sagte der Südtiroler: "Das waren - was ich gehört habe - alles ordentliche und gut ausgebildete Bergsteiger. Der Bergführer hat verzweifelt die Hütte gesucht und ist dabei abgestürzt. Es ist nicht leicht, sich da hinein zu versetzen. [...] Wenn sich da jemand aufgibt und sagt, ich laufe andauernd im Kreis und sich dann hinhockt, dann ist es sehr, sehr schnell vorbei."

Auf die Frage, ob er es nicht absurd finden würde, wenn man - trotz Handy und GPS im Rucksack - nur wenige hundert Meter von einer Schutzhütte entfernt, ums Leben kommt, entgegnete der 73-Jährige: 

"Nein. Das ist möglich. Das versteht man gut, wenn man die Situation einmal erlebt hat. Solang du unten bleibst und sagst, bleiben wir auf der Hütte und gehen wir morgen weiter oder du bist rechtzeitig bei Sicht noch in die Nähe der Schutzhütte gekommen, ist das alles kein Problem. Aber wenn du einmal im Whiteout steckst, dann reichen 100 Meter um absolut verloren zu sein. Dann ist diese Distanz unendlich."

"In diesem Nebel verlierst du völlig die Orientierung. Das glauben die Leute nicht, bevor sie nicht selber darin herumtappen. Wenn du auf der Seiser Alm ins Whiteout fällst, dann rennst du herum und findest überhaupt nichts mehr. Obwohl da oben ja eine jede Menge Hütten stehen."

Update vom 07.05.2018

Tomasso Piccoli, Überlebender des Unglücks, hat die nach seiner Rettung geäußerte Kritik inzwischen bekräftig und erweitert. Gegenüber der "NZZ am Sonntag" sagte er, dass der Bergführer überfordert gewesen sei als das Wetter umschlug. Sein Satellitentelefon habe den Dienst versagt, ein GPS-Gerät habe er gar nicht erst dabei gehabt. Zudem habe angesichts der Wetterprognosen die Gruppe zu viele Teilnehmer gehabt. Die Walliser Staatsanwaltschaft geht den Vorwürfen nach.

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7 Kommentare

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Xaver

Irgendwo stand auch in der Presse, dass die Gruppe schon 600 hm mehr als an dem Tag geplant war gemacht hatten und deshalb auch geschwächt war (um Schneelöcher zu graben).
Wenn dem wirklich so war haben sie sich zwischendurch mächtig verlaufen. Zur Pigne geht es nur bergauf, keine Zwischenabfahrten. Oder Sie haben noch einen Gipfel gemacht, was ich bei der Wetterprognose aber nicht glaube.

ametzler

Mich beschäftigt das Drama ziemlich, und zwar aus mehreren Gründen:

- ich bin selber schon 4 mal diese Route gegangen, bei völlig unterschiedlichen Bedingungen

- beim ersten Mal (im Jahr 2013) sind wir in den völligen White-Out gelangt, weil der für den späteren Nachmittag angekündigte Wettersturz schon morgens um 9:00 Uhr eintraf. An dem Steilaufschwung zum Col du Brenay mussten wir Steigeisen montieren und am Seil hochgehen, der Rücken blank war.. Da war vor uns noch eine Gruppe mit einem Bergführer. Wir sind dann im Schneetreiben seiner Spur gefolgt. Als die Spur dann immer weiter bergab ging, kam mir das sehr seltsam vor. 10 min später sind wir dann im Nebel zu der Gruppe gestoßen. Der Bergführer stand im völligen White Out mit Karte und Kompass da und hat versucht, herauszufinden, wo er denn nun war. (er war auf dem Col du Brennay im White Out gerade aus gelaufen, an statt links abzubiegen)
Auf meine Frage, ob er denn kein GPS hätte, war die Antwort, ne, das braucht er nicht. Er hätte die Tour schon 50 Mal gemacht. Ich habeihm dann gesagt, ich hätte ein Garmin GPS mit Track dabei. Darauf hin war er sehr erleichtert und bat mich, es auszupacken. Einer seiner Teilnehmer war so schwach drauf, dass wir ihn beinahe die restlichen 200 hm zum Pass hochziehen mussten.
Wir sind dann gemeinsam über den Pigne d'Arolla, er 10 m voraus (er wollte trotz meines Angebotes nicht ans Seil - " I am not afraid of Crevasses") und ich hinter ihm mit GPS, um ihn zu leiten. Wir haben dann gemeinsam mit unseren beiden Gruppen die Cabanne des Vignettes erreicht und waren sehr froh darüber.

- wir waren selber am Tag der Katastrophe letzten Sonntag nur ca. 15 km Luftlinie im Gebiet der Cab. du Grand Mountet unterwegs und haben unsere Tour auf die Schulter des Zinalrothorns wegen dem heftigen Sturm gegen 11:00 Uhr abgebrochen.

Was mich am meisten beschäftigt seither sind folgende Fragen:
- weswegen sind die 14 Leute (unsere Gruppe war ungefähr damals gleich groß) nicht mit GPS, Track und angeseilt! weitergegangen, das geht selbst im völligen White Out (siehe oben)

- wenn sie aus irgendwelchen Gründen nicht mehr weiterkamen, weswegen haben sie kein Loch gegraben, um an der ziemlich exponierten Stelle aus dem Wind zu kommen? Das Gelände ist an der Stelle felsig, aber dies ist an der Kante ein Felsgrat, nur 50 m weiter südwestlich ist man mitten im Gletscher, dort kann man ein Loch/Höhle graben.

- Falls sie kein Loch graben konnten, weswegen haben sie nicht die Biwacksäcke genutzt?

- Und weswegen sind sie alle auf ca. 30m verstreut gefunden worden? Weswegen haben sie sich nicht wie die Pinguine zusammengerottet um sich gegenseitig abwechselnd vor dem Sturm zu schützen?

- Woher weiß die italiensche Bergführervereinigung, dass alle Teilnehmer bestens ausgerüstet waren?
Ich vermute eher, dass dies nicht so war, sonst hätten sie das Drama mit größter Wahrscheinlichkeit überlebt - aber dass ist nur meine Vermutung, weil mir keine andere Begründung dazu einfällt.

Ganz wichtige: Bei meinen Fragen geht es mir nicht drum, schuldige zu identifizieren!
Jeder, der eigenverantwortlich in den Bergen unterwegs ist, hat sicherlich schon Entscheidungen getroffen, die sich dann im Nachhinein
als falsch oder ungünstig erwiesen haben. In meinem Fall hatte ich bisher immer das Glück, dass ich dennoch unbeschadet blieb.
Mir geht es darum, aus der Verkettung der ungünstigen Umstände und Entscheidungen der beiden Gruppen an dem Tag die richtigen Schlüsse zu ziehen, um selber nicht in eine solches Drama zu geraten.

Es würde mich sehr freuen, wenn ALPIN diese Katastrophe in einem der folgenden Hefte aufbereiten würde mit Antworten zu meinen Fragen - und bitte erst, sobald die Faktenlage gesichert ist - für mich und alle Leser als Lerneffekt.

Und ganz zum Schluss noch möchte ich allen Angehörigen der Opfer mein Beileid aussprechen.

Sepp B.

Ich kann den Teilnehmern und Angehörigen mein Mitgefühl der Trauer
übersenden. Besserwisserei, ist hier fehl am Platz. Ich hatte selbst ein
furchtbares Lawinenunglück mit 6 toten Bergkameraden überlebt.
Auch die Zeit heilt keine Wunden, vom Feb.1988

w

Rheinhold sollte eventuell mal einen Kurs mit neuen Navigationsmitteln belegen. Mit einem GPS laufe ich mit 3m Abweichung in der Ecke quer durch den Whiteout, und wenn ich Probleme habe, dabei auf Ski das Gleichgewicht zu halten, ziehe ich die Latten aus, Seil und Steigeisen an und gehe weiter.

Dass der Sturm nicht vorhersehbar war ist schlichtweg falsch. Die Webcam von Arolla zeigt ab 8 Uhr eine rasche Wolkenentwicklung und um 9 Uhr, eine Stunde bevor die Leute am Plateau waren, sind die Berge aus der Sicht heraus und die Wetterprognosen waren bereits am 26.4. eindeutig. Selbst Skifahrer, denen ich am Samstag begegnet bin waren darüber informiert und haben gewarnt, um am Sonntag sind alle Gruppen um spätestens 9 Uhr in der Sustenecke wieder umgedreht, weil schon da kaum Sicht und Sturm herrschte.

Hätten die Gruppen schon bei guter Sicht für den Aufstieg zur Serpentine 3.5h benötigt (1.5h laut Führer), hätte die Gruppe dann gleich doppelt umdrehen müssen. Wenn die Gruppe schon bei gutem Wetter halb so schnell ist wie angegeben geht man nicht um 10 Uhr morgens mitten rein in den Wind und Nebel.

alpin.de

Lieber Alfred Schneider,

es gibt dazu mehrere Angaben, die wir leider nicht überprüfen können. Fakt ist, dass nun immer neue Details zu dem Drama publik werden; teilweise müssen frühere Meldungen dadurch wieder revidiert werden. Jüngstes Beispiel: Der Bergführer Mario Castiglioni scheint die Gruppe (doch) nicht verlassen zu haben, sondern hat die Nacht offensichtlich zusammen mit den anderen verbracht.

Alfred Schneider

Das der BF in eine Spalte gestürzt ist halte ich für ein Gerücht.

Huber sen.

absolut trauriges Drama. Hoffe nur, dass nicht wieder viele Besserwisser ihren völlig überflüssigen Kommentar abgeben.