Oswald "Bulle" Oelz begleitete als Arzt unter anderem die Expedition, in deren Verlauf Reinhold Messner und Peter Habeler 1978 das erste Mal ohne Sauerstoff auf den Mount Everest stiegen. Als dritter Mensch war er 1990 auf allen Gipfel der Seven Summits. Zudem entwickelte er einer Therapie gegen das Höhenhirnödem und das Höhenlungenödem.

ALPIN-Autorin Ute Watzl im Gespräch mit Oswald Oelz.

| © Ute Watzl
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Anlässlich des runden Geburtstages von "Bulle" Oelz könnt Ihr eine Kurzfassung des Interviews mit Oswald Oelz lesen, das in unserer Dezember-Ausgabe erschienen ist und das unsere Autorin Ute Watzl geführt hat.

+++ Eine Würdigung Oswald Oelz' unseres ehemaligen Redakteurs Clemens Kratzers lest Ihr hier. +++

Das Ende eines Traums und einer vertikalen Reise durch die "Nose" am Gipfelplateau des El Capitan: mit Ueli Bühler, Ueli Steck, Robert Bösch und Bernhard Russi.

| © AS-VERLAG / OSWALD OELZ
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Was bringt jemanden dazu, sich freiwillig in ganz offensichtlich lebensgefährliche Situationen zu begeben?

Man agiert einfach. In extremen Lebenssituationen ist der Stress so riesig, dass die Angst keine Rolle mehr spielt. Mit den Stresshormonen werden Mediatoren ausgeschüttet, die Wohlbefinden erzeugen. Ich zumindest reagiere so. Ich werde ultimativ ruhig und fühle mich sauwohl. Irgendwie.

Bruno Durrer, der Gemeindearzt von Lauterbrunnen, nannte sich deshalb einen "Rettungsendorphinisten".

Ja, das war ein guter Freund von mir, hing immer am Heli, wenn jemand geborgen werden musste. Letztes Jahr ist er leider verstorben. Er hatte recht. Solche Erlebnisse machen süchtig. Vor lauter Erschöpfung habe ich danach zwar schon mal erbrochen, trotzdem war ich auch unendlich zufrieden. Professionelle Bergretter und Helipiloten werden ja auch unglücklich, wenn nichts passiert. Sie finden das unglaublich großartig, andere retten zu können. Das ist eine Sucht.

Mein voller Name lautet … Oswald Oelz.
Geboren wurde ich … am 6. Februar 1943 in Rankweil, Vorarlberg.
Gearbeitet habe ich als … Internist und Höhenmediziner.
Ich lebe in … Wernetshausen am Bachtel im Zürcher Oberland und züchte Walliser Schwarznasenschafe.
Facebook-Fans habe ich … 217.
Meine Website lautet … oswald-oelz.ch
Meine wichtigsten Erfolge sind … Medizin (Entwicklung einer Therapie des Höhenhirnödems und des Höhenlungenödems mit Dexamethason und Nifedipin, dem sogenannten "Margherita-Cocktail") und Alpinismus (dritter Bergsteiger auf den Seven Summits, 1985 Shishapangma, 1995 Ama Dablam).

Für Oswald Oelz der schönste Ort: das Triemlispital in Zürich, wo er 1991 bis 2006 als Chefarzt wirkte.

| © AS-VERLAG / STADTSPITAL TRIEMLI

Du warst einer der beiden Expeditionsärzte 1978 bei der Erstbesteigung des Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff durch Messner und Habeler. Wie kam es dazu?

Nach den Ereignissen am Mount Kenya habe ich Gert im Innsbrucker Klinikum besucht und dort auch Reinhold kennengelernt. Er lag da wegen einiger erfrorener Zehen. Er und Wolfgang Nairz suchten gerade einen Expeditionsarzt für den Manaslu. Das war 1972. 1974 ging ich mit zum Makalu und 1978 dann eben auch zum Everest.

Kaum jemand glaubte damals, dass der Everest ohne künstlichen Sauerstoff zu schaffen sei. Hättest du als Arzt den beiden nicht davon abraten sollen?

Alle gescheiten Leute haben gesagt, das sei unmöglich. Ich war ziemlich sicher, dass es geht, wenn auch knapp. Und als die beiden es gemacht hatten, hieß es, sie seien irgendwie besonders in ihrer Fähigkeit, Sauerstoff aufzunehmen. Das hat mich interessiert. Ich habe sie ausführlich studiert, habe sie in Unterdruckkammern bis auf simulierte 8000 Meter untersucht, ihnen Muskelgewebe entnommen, sie auf dem Laufband laufen lassen – bis sie hinuntergefallen sind. Dann habe ich die Ergebnisse mit anderen Bergsteigern verglichen. Das war eine sehr erfolgreiche Studie. Aber auch die langweiligste, die ich je gemacht hatte.

Warum?

Bei den beiden war alles völlig normal. Mit anderen Worten: Grenzen zu verschieben, ist nicht so sehr eine Frage der besseren maximalen Sauerstoffaufnahme, sondern der Motivation und Taktik. Mentale Stärke ist wichtig.

Das Glück am Ende der Reise: die letzten Meter der "Nose".

| © AS-VERLAG / ROBERT BÖSCH

Warum wird dann beim Höhenbergsteigen gedopt? Zumindest wird das immer wieder vermutet.

Man ist überzeugt, dass viel gedopt wird. Auch wenn völlig unbekannt ist, in welchem Maß. Bei den teilweise grotesken Aktionen mancher Leute in den Bergen glaubt man schon, dass nicht alles ganz klar im Hirn sein kann. Nicht nur wegen des Sauerstoffmangels. Der Arzt Karl Maria Herrligkoffer hatte schon Hermann Buhl Pervitin verabreicht, als der auf den Nanga Parbat stieg.

Das ist das "Stukka-Gift", ein Amphetamin, mit dem die Wehrmacht-Piloten im Weltkrieg aggressiv wurden, das die Leute aufpeitscht. Maurice Herzog nahm es bei der Erstbesteigung der Annapurna und später nahmen es auch die Expeditionsteilnehmer, die Herrligkoffer versorgte. Einige haben das nicht überstanden, weil sie damit über ihre Grenzen gegangen sind.

Mit dem Wissen des renommierten Höhenmediziners dürftest du vorsichtiger gewesen sein, oder?

Nein, ich habe sämtliche Formen der akuten Bergkrankheit am eigenen Leib erlebt, sei es das Höhenhirnödem oder Lungenödem. Ich bin also sehr erfahren diesbezüglich. Das einzige, was ich nicht gemacht habe: Ich bin nicht gestorben.

Wie konnte ausgerechnet dir das passieren?

Ich bin oft zu schnell zu hoch gegangen, weil ich wusste, ich muss zurück ins Spital. Ich hatte schließlich einen Job. Dennoch wollte ich in der kurzen mir zur Verfügung stehenden Zeit so hoch wie möglich steigen. Das ist am Makalu fast schiefgegangen.

Erlebst du als Höhenmediziner deinen Körper bewusster, wenn du – vielleicht zu weit – in die Höhe gehst? Schließlich kennst du die Vorgänge darin genauer.

Ja. Als ich am Makalu in jener Nacht das Lungenödem bekommen habe, war mir klar: Jetzt sterbe ich. Es kam sehr fulminant, weil wir innerhalb von acht Tagen, nachdem wir Zürich verlassen hatten, auf 7000 Metern waren. Das war nicht sehr gescheit. Es hat geschäumt, ich bekam kaum Luft.

"Old boys play“: Reinhold Messner und Oswald Oelz nach der Erstbesteigung eines Felsturms im Sandsteinwunderland Wadi Rum.

| © AS-VERLAG / SIMON MESSNER

Da habe ich ein Herzmedikament an mir ausprobiert. Nifedipin senkt den Blutdruck, auch in der Lunge. Lustigerweise funktioniert das auch mit Viagra. Mit dieser Erfahrung habe ich danach Notfalltherapien entwickelt, die heute gut funktionieren.

Das Herzmedikament hattest du damals zufällig dabei?

Naja, das hatte ich mir schon vorher überlegt.

Es war sicher nicht leicht, mit dem Job als Chefarzt im Züricher Spital noch Zeit fürs Bergsteigen zu finden.

Es lässt sich viel Zeit sparen, wenn man statt zu schwätzen etwas Sinnvolles macht. In Sitzungen Probleme zu erörtern, die nicht relevant sind, ist Zeitverschwendung.

Seit deiner Pensionierung hast du mehr Zeit. Du bist 74. Bist du noch viel am Berg?

Wir waren zuletzt auf Kreta, haben dort schöne Erstbegehungen gemacht. "Silberfäden", eine 300-Meter-Route, zum Beispiel. Wegen der grauen Haare (lacht und greift sich an den grauen Bart). Oder auch "Bulle 70", die ich zu meinem 70. Geburtstag mit Albert Precht gemacht habe.

Er ist leider vor zwei Jahren beim Klettern auf Kreta abgestürzt und in unseren Armen gestorben. Es war das Schlimmste, was ich im Leben beim Bergsteigen erlebt habe und etwas, das mich nie mehr loslassen wird. Er war mit 1200 Erstbegehungen der genialste Freikletterer Österreichs und ein sehr guter Freund.

Neben deinem Job als Fulltime-Mediziner hast du anspruchsvolle Projekte in den Bergen unternommen. Was für ein Stress!

Nein, die Berge waren meine polare Welt zur Medizin. Hier habe ich mich immer erholt, weil dort alles, was sonst so wichtig ist – das Bankkonto, Schulden, Aktienkurse – völlig unwichtig wird. Was es braucht, sind gute Steigeisen, ein gutes Zelt und den Willen, auf den Gipfel zu kommen. Medizin war der Inhalt meines Lebens.

So sehen Sieger aus: Oswald Oelz bejubelt seinen erfolgreichen Gipfelgang zum Everest im Südsattel.

| © AS-VERLAG / REINHARD KARL

Wenn ich am Wochenende eine große Tour gemacht habe, und sei es die Eigernordwand, und am Montag ins Spital zur Visite kam, haben alle gesagt, dir geht’s heute aber besonders gut. Sie wussten nicht, wo ich war. Das ist meine Art der Work-Life-Balance.

Trotzdem, beim ernsthaften Bergsteigen wird es oft existenziell, es geht ums Überleben. Ist das nicht noch mehr Stress?

Es ist eine andere Art von Stress. Die natürlichste, herkömmlichste. Seit wir von den Bäumen gestiegen sind, mussten wir ums Überleben rennen und kämpfen. Das fehlt uns heute. Beim ernsthaften Bergsteigen kehren wir an diesen Punkt unserer Evolution zurück. Drum ist es so erholsam.

Du hast einmal gesagt: Wer brennt, brennt nicht aus. Dein Rezept gegen Burnout?

Ab und zu in eine andere Welt abtauchen. Wenn du eine schwierige Kletterstelle kletterst, ist das, was in der übrigen Welt passiert, völlig weg.

Text von Ute Watzl

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