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In einem Kurzschluss meiner Gefühle rufe ich die Alpinschule Südtirol an und - wer wagt, gewinnt - bekomme doch tatsächlich einen Termin mit dem Hans himself!
Schweißgebadet wache ich auf
An einem heißen Augusttag steige ich auf. Diesmal aus dem Innerfeldtal. Ich kenne alle Aufstiege, doch immer komme ich ins Staunen. Anderes Licht, andere Jahreszeit, die Zacken und Zinnen präsentieren sich jedes Mal als neue Wunderwelt. Ein mulmiges Gefühl allerdings, als ich jetzt die Drei Zinnen erspähe, sie kommen mir heute noch viel gewaltiger vor.Morgen soll ich wirklich da oben stehen? Beim Abendessen bekomme ich kaum etwas hinunter. Ich bin viel zu aufgeregt. Unruhig wälze ich mich später im Bett. Wo sind die schönen Träume?
Neben dem Matterhorn vielleich die berühmteste Bergformation der Alpen: die Drei Zinnen in den Sextener Dolomiten.
Das bezaubernde Lichtspiel der ersten Sonnenstrahlen auf den Zinnen
Nein, natürlich sage ich nicht ab. Der Hans, der bringt mich da schon hinauf. Das ist das harte Los, ein begehrter Bergführer zu sein, denke ich hämisch. Ich bin ja stolz mit ihm zu gehen. Wie viele Frauen würden mich dafür beneiden. Nur einen leichten Rucksack darf ich dabei haben, hat man mir eingeschärft.Die Dreizinnenhütte schläft noch, als ich mich davon mache. Am Weg zum Paternsattel habe ich kaum einen Blick für das bezaubernde Lichtspiel der ersten Sonnenstrahlen auf den Zinnen. Vom Paternsattel soll ich gegen den Fuß der Kleinen Zinne aufsteigen und dann den Schuttsockel unter der Südfront queren. Treffpunkt: die Schlucht zwischen Kleiner und Großer Zinne.
Die Pfadspuren sind grad mal so breit, dass ein Fuß Platz hat. Wer sich hier einen Ausrutscher leistet, den wird das lose Geröll blitzschnell packen und hundert Meter den Steilhang hinunter befördern.
"Mach ma doch amal unsern kloan Spaziergang!"
Wie ein Häuflein Elend sitze ich Minuten später da und blinzle in die wärmenden Sonnenstrahlen, versuche an nichts zu denken, doch mein Herz pumpt jetzt schon Adrenalin. Warte ich überhaupt am richtigen Treffpunkt? Kein Mensch weit und breit, den ich fragen kann. Komisch, ich denke, die Route ist so hoch frequentiert? Alles wie ausgestorben, dabei ist es gar nicht mal früh, bald 8 Uhr. Ich schwitze bereits, schaue noch mal auf die Uhr, immer noch acht.
Leichtfüßig wie eine Gämse: Hans Kammerlander.
Wie ein Balletttänzer
Die Kletterei fordert schnell meine ganze Konzentration. Ein senkrechter Kamin ist erreicht, der so glatt abgetreten ist, dass meine Füße immer wieder abrutschen. Hans erklärt mir, wie ich stemmen muss. Das geht nicht ohne blaue Flecken ab. Hans ist amüsiert über meine Verrenkungen.Der häufigste Anfängerfehler ist, meint er, alle Körperteile einzusetzen, Knie, Ellbogen, fast noch die Nase zum Einhaken in einen Griff. "Mach' ganz kloane Schritt", meint er, "das Gewicht nit auf die Arme, sondern auf die Füass verteilen - schön breit bleibn, wegen dem Gleichgewicht. Mach' bitte alles leicht und kraftlos. Kämpf nit mit dem Fels, sondern streichle ihn!"
Das klingt alles ganz einfach und bei ihm sieht es auch so aus. Wie ein Balletttänzer hangelt er sich die Steilwand hinauf. Wenn er umschaut, versuch' ich es, ihm nachzutun, schaut er nicht, gibt es wieder totalen Körpereinsatz.
Ein Gipfelmeer bis zum Horizont
Die Tiefblicke werden Höhenmeter um Höhenmeter atemberaubender. Winzig klein erscheint die Lavaredohütte und das Ameisenvolk auf der Promenade zum Paternsattel. Der Berg wird plötzlich immer kleiner, aber ich immer größer, und der Hans für mich immer normaler. Noch ein paar Griffe, ein paar mal tief schnaufen - und dann sind wir auch schon oben! Ich glaub' es nicht!
Ein Gipfelfoto für die Ewigkeit
Kein Traum? Stehe ich wirklich auf der Großen Zinne? Fast bin ich erstaunt, dieser Hüne in Fels, der von unten so ein ganz anderes Bild abgibt, ist nichts weiter als ein schütterer Steinhaufen. Es war nicht schwer hinauf zu kommen, doch hinunter sieht die Sache vielleicht schon wieder ganz anders aus.
Geschosse sausen haarscharf vorbei
Meine Zweifel lösen sich in Erleichterung auf. Auch wenn mein Herz beim für mich noch ungewohnten Abseilen auf Hochtouren schlägt, läuft alles "wie am Schnürchen". Nur mit dem Steinschlag ist nicht zu spaßen. Schutt, der sich leicht durch Vor- oder Nachsteigende, von den Felsbändern löst. Immer mal wieder sausen Geschosse haarscharf am Kopf vorbei.Um dem aus dem Weg zu gehen, wählen wir eine Variante, erreichen schließlich den steilen Schuttsockel und veranstalten einen regelrechten Eiertanz durch das rutschige Geröll. Auch bei Hans geht das nicht ohne Bodenberührung ab, mit ganz normalen Purzelbäumen.
Text und Fotos: Iris Kürschner
Aus ALPIN 8/2004
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