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Der ambitionierte Hochtourengeher findet bis dato am Ortler recht gute Gletscherverhältnisse und muss sich nicht vor unüberwindbaren Spalten oder extremer Eisschlaggefahr fürchten. Das jedenfalls hatte Silke an einem Mittwochabend online herausgefunden. Alpine Internetforen sind einfach eine praktische Angelegenheit.
Schneller kann man sich über aktuelle Tourenverhältnisse wirklich nicht informieren. Eine kurze E-Mail und einen Tag später hatte Silke ihr Team zusammen: Petra, Thomas und ich wollten schon seit Jahren auf den Ortler. Philipp, der Fünfte im Bunde, endlich auf seinen ersten 3000er!
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Auch die Wirtin der Payerhütte hatte am Telefon keineswegs von einer Besteigung des Ortler abgeraten. Wir haben Glück. Sulden begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein. Eis am Stiel statt Eispickel ist erst einmal angesagt.Zur Fotogalerie Tourenbuch Ortler
Philipp will sich gemütlich ins Cafe setzen, doch Petra mahnt zur Eile. Geschleckt wird nur ganz schnell im Stehen. Schließlich liegen heute noch 1200 steile Höhenmeter vor uns. Und unsere Rucksäcke sind nicht gerade die leichtesten.
Adieu, lieber Sommer!
Jeder Schritt nach oben bringt uns dem Winter ein Stück näher. Nach vier Stunden Aufstieg begrüßt uns die frisch verschneite Payerhütte bei kühlen zwei Grad - unter Null wohlgemerkt. Morgen ist wohl eher Eis am Fels als Eis am Stiel angesagt.
Der Ortler, rechts sind die aufziehenden Wolken zu sehen.
Heute sind außer unserem selbst organisierten Fünferteam ausschließlich von Bergführern begleitete Gruppen auf der Hütte. Wir kommen ins Grübeln. Trauen wir uns am Ende zu viel zu? Die Nacht verläuft entsprechend unruhig. Petra träumt von abbrechenden Wechten und Philipp übt im Bett das Rotationsprinzip. Um fünf Uhr reißt Silke schließlich das Fenster auf, um die Schneeflocken zu zählen.
Auf dem Weg zum stillen Örtchen brummt mir ein verschlafener Hüttenwirt zu: "Ich glaub', bei dem Wetter lohnt sich' nicht einmal, das Licht anzumachen. Mein kleinlautes: "Aber ...", führt wenigstens zu dem Zusatz: "Gut, schaun' wir mal, was die Bergführer dazu sagen."
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Die haben sich glücklicherweise im Licht ihrer Stirnlampe bereits angezogen. So schnell kann es gehen: Keine Viertelstunde später steht dampfender Kaffee auf dem Tisch.
Unsere Aufregung macht die "prima colazione" - schließlich sind wir in Italien - zum Expressfrühstück. Raus aus der Stube, rein in den Klettergurt. Als Erste stehen wir auf der Hüttenterrasse und halten den Atem an: Die Wolkendecke reißt plötzlich auf.
Die letzten Sterne am Himmel kündigen einen herrlichen Tag an. Ausgefranste Nebelbänke verhüllen zwar noch die gegenüberliegenden Berge, aber der Blick auf unseren Traumberg ist vollkommen frei.
Der vor uns liegende Weg hingegen nicht. Winterdienst gehört bekanntlich nicht zu den Verpflichtungen eines Hüttenwirts. So wird bereits die verschneite Querung an der Südseite der Tabarettaspitze zur heiklen Rutschpartie. Die ersten Kletterpassagen bremsen unser Tempo weiter. Jeder vereiste Griff und Tritt wird akribisch unter die Lupe genommen.
Noch vor dem berüchtigten Tschirfeck-Wandl werden wir von der ersten geführten Gruppe überholt. Sollen wir uns lieber auch anseilen? Doch die angebliche Schlüsselstelle löst sich problemlos auf. Eine Stahlkette macht die kurze Steilwand trotz Schnee und Eis gut gangbar. Fast tanzen wir über das anschließende breite Gratstück und sind uns sicher: Die Kletterschwierigkeiten sind endlich geschafft.
Pustekuchen. Ganz zum Schluss des schmalen Felsgrats wartet das berühmte "dicke Ende". Ich bin von der Ausgesetztheit der letzten Felspassage schwer beeindruckt. Thomas installiert ein Fixseil. Eigentlich für unser Hochtouren- Greenhorn Philipp vorgesehen, kraxelt der locker an Thomas vorbei - Zimmerer kennen keine Höhenangst.
Ein letztes Zupacken
am gepuderten Gneis, dann haben die Hände erst einmal Ruhepause. Steigeisen werden an die Bergschuhe geschnallt und geben uns auf der steilen Querung ins Gletscherbecken des Bärenlochs ein sicheres Gefühl. Vor lauter Konzentration auf den Weg ist niemandem von uns aufgefallen, dass sich das schöne Wetter immer mehr verabschiedet.Urplötzlich stehen wir in einer dicken Nebelsuppe. White Out am Ortler! Jetzt bin ich mehr als froh, den Spuren der flotten Bergführer folgen zu dürfen. Denn oberhalb des alten Lomabardi-Biwaks muss man bei Nebel ganz genau wissen, wo es lang geht. Die von tiefen Spalten zerrissenen Gletscherhänge brechen jäh als senkrechte Eisstufe nach Osten hinab.
Jetzt nur noch um die letzte riesige Querspalte, dann stehen wir endlich auf der flachen Gletscherkuppe des Oberen-Ortler- Ferners. Erst jetzt sind wirklich alle Schwierigkeiten geschafft. Wie zur Belohnung reißen die Wolken ein wenig auf. Der Blick ins Tal bleibt zwar verwehrt, dafür schält sich plötzlich der weiße Gipfelkamm aus dem diffusen Mix von Gletscher und Nebel. Jetzt gibt es kein Halten mehr.
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Keine Viertelstunde später steht Philipp voller Stolz am höchsten Gipfel seiner jungen Bergsteigerkarriere. Dass 95 Meter zum 4000er fehlen, stört ihn überhaupt nicht. Und für uns andere schließt der Ortler mit oder ohne Nebel eine besonders breite Lücke im Tourenbuch.
Text und Fotos: Michael Pröttel
Aus ALPIN 09/07
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