Zwölf Zacken hat die Krone des Alpinismus: Wer die großen Drei- und Viertausender der Alpen im Visier hat, braucht Steigeisen zum sicheren Steigen auf Hartfirn, Gletschern und im Blankeis. Es sieht so einfach aus, aber jeder, der zum ersten Mal auf Steigeisen steht, merkt, dass es gar nicht so einfach ist, mit den zackigen Dingern sicher unterwegs zu sein.

Für klassische Hochtouren ideal ist ein Modell mit acht oder zehn "Vertikalzacken" (die von der Schuhsohle senkrecht nach unten stehen) und zwei "Frontalzacken" (die von der Schuhspitze nach vorne zeigen). Steigeisen mit Gelenk bieten etwas weicheren Gehkomfort und neigen weniger zum Stollen als starre Eisen, die vor allem im steilen Eis Vorteile haben.

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Wer Zuhause schon die Feinabstimmung vorgenommen hat, braucht auf Tour weniger Zeit beim Steigeisen-Anlegen.

| © Picture Alliance

Zuhause checken und einstellen

Dank Kipphebelbindung sind die Eisen ruckzuck an- und ausgezogen; freilich braucht man dazu steigeisenfeste Stiefel mit ausreichendem Sohlenrand.

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Grundlegend wichtig ist, dass die Steigeisen gut auf die Schuhe passen: so stramm, dass sie praktisch schon ohne Bindung am Schuh halten, die Frontalzacken müssen in voller Länge verfügbar sein. Den genauen Sitz der Eisen sollte man zuhause checken und einstellen, nicht erst auf der Hütte oder auf Tour. Vorsicht, wenn sie mal auf Skitourenstiefeln verwendet werden/wurden: Nicht immer sind die Sohlenlängen gleich.

Überraschung

Zur Kunst des Steigeisengehens gehört auch, solange wie möglich (sinnvoll) darauf zu verzichten. Auf sanft geneigtem, rauem Blankeis, zum Beispiel auf dem Mer de Glace, finden auch die nackten Schuhsohlen guten Halt, Eisen würden hier das Gehen steif und holprig machen. In aufgeweichtem Schnee können Steigeisen Stollen ansetzen; hier kann es sicherer sein, auf Eisen zu verzichten.

Hier darf nichts an den Füßen wackeln!

| © Picture Alliance

Doch sobald harter Firn oder glattes Blankeis einer gewissen Neigung zu begehen sind, müssen die Eisen an die Füße. Clever ist, wer das rechtzeitig erkennt und zum Anziehen einen ausreichend geräumigen und ebenen Platz nutzen kann.

Die Grundposition

Beim Gehen mit Steigeisen geht man etwas breiter als beim normalen Gehen. Denn grundsätzlich besteht die Gefahr, dass man sich in den Riemen der Eisen oder in der Hose verheddert und stolpert. Darüber hinaus wird die Position der Steigeisen dem Gelände angepasst.

Bewegt man sich im flachen Gelände oder in einer gut ausgetretenen Spur, setzt man die Steigeisen in der normalen Gehbewegung auf. Eine der häufigsten Formen der Steigeisennutzung auf Hochtouren ist die Traverse. Ist der Untergrund hier hart und es gibt keine Spur, wird das Gehen schon anspruchsvoll.Vor allem,weil man je nach Beschaffenheit der Gruppe sinnvollerweise seilfrei geht.

Beim Queren von Hängen ist es am einfachsten, mit den Zehen zum Tal gedreht zu traversieren

| © Georg Sojer

Beim Traversieren oder Queren ist der größte Fehler, dass man versucht die Steigeisen mit der Kante, also mit nur einer Zackenreihe, aufzusetzen. Dabei besteht immer die Gefahr, dass man wegrutscht. Auch wenn es mit zunehmender Steilheit immer schwieriger wird, sollte man immer versuchen, alle Vertikalzacken (das sind die, die nach unten zeigen) aufzusetzen.

Bei einer Traverse ist es da am einfachsten, wenn man den talseitigen Fuß mit den Zehen etwas zum Tal dreht. Wird das Gelände steiler (> 30 Grad) dreht man auch den bergseitigen Fuß mit den Zehen zum Tal. Bei dieser Gehweise schwingt das talseitige Bein in weitem Bogen in die neue Position, der hintere bergseitige Fuß wird entsprechend nachgesetzt.

In diesem Gelände sollte immer ein genügend langer Eispickel dabei sein. Und: Auch wenn es "extrem" aussieht: Ein (kurzes) Eisgerät mit ausgeprägtem Griff ist hier fehl am Platze. Der Pickel dient dazu, die Balance zu halten und einen Gehrhythmus zu bekommen. Und dafür muss der Schaft länger sein (ca. 55 - 60 cm).

Zum Richtungswechsel (ähnlich einer Spitzkehre beim Tourengehen) setzt man erst den bergseitigen Fuß um und dann den Pickel. So hat man einen stabilen Stand um auch den zweiten Fuß umzusetzen. Der Pickel wird dabei immer bergseitig getragen. Ab einer Neigung von ca. 45 Grad ist es unter den meisten Bedingungen sinnvoll, vom seitlichen Steigen auf den Vertikalzacken auf das geradlinige Steigen auf den Frontalzacken umzustellen. 

Bei welcher Steilheit man genau wechselt, hängt stark vom Untergrund, dem Material (Schuhen) und den persönlichen Vorlieben ab. Man sollte die Version auswählen, bei der man sicherer und kraftsparender unterwegs ist. Oft bietet es sich auch an, die Techniken abwechselnd anzuwenden.

Absteigen

Mit der richtigen Technik lassen sich mit der Vertikalzackentechnik auch sehr steile Passagen überwinden.

| © Birgit Gelder

Den Abstieg macht man am besten in direkter Linie; dabei werden die Fußspitzen Charlie-Chaplin-mäßig nach außen gedreht, leicht gebeugte Knie und ein nach vorne gebeugter Oberkörper bringen den Schwerpunkt über die Steigeisen und schaffen Reaktionsbereitschaft.

Auch bei so genannten "leichten" Hochtouren können Stellen auftreten, wo man sich mit der Vertikalzackentechnik nicht mehr wohl fühlt: eine steile Spaltenflanke im Gletscherbruch, ein kurzer Aufschwung unter dem Gipfelgrat …

Für solche Passagen ist die Frontalzackentechnik günstiger. Dabei steht man nicht auf den Vertikalzacken, also der Sohle, sondern quasi auf den Zehenspitzen, den Frontalzacken. Das gibt ein stabileres Gefühl und bessere Kontrolle in steilen Stellen, strengt aber auch mehr an – also: sparsam anwenden!

Damit die Frontalzacken gut halten, muss die Fußsohle beim Setzen waagerecht stehen, die Ferse eher hängend als hochgezogen. In Hartfirn reicht gezieltes Eintreten, bei härterem Eis schwingt der Fuß aus dem Knie locker nach vorne wie bei einem Spitzenkick beim Fußball. Im Abstieg ist diese Bewegung schwierig, die Frontalzacken- der Vertikalzackentechnik nicht unbedingt überlegen.

Selbstbewusst und standhaft auftreten

Mit dem Pickel in Spazierstockhaltung steht man am stabilsten da; nur in extremen Neigungen ab etwa 45 Grad oder an steilen Abstiegsstellen kann es günstiger sein, sich mit der Pickelhaue und der freien Hand am Eis abzustützen.

Das mag teilweise kompliziert klingen, ist in der Praxis aber leicht zu lernen. Trotzdem ist es sinnvoll, diese Techniken unter fachkundiger Anleitung zu lernen und zu üben, bevor es ernst wird – viele Bergschulen bieten Einsteigerkurse an, bei denen auch schon hohe Gipfel bestiegen werden, so dass der Spaß nicht zu kurz kommt.

Was fürs sichere Steigeisengehen wesentlich ist, kann auch im Leben nichts schaden: selbstbewusst und standhaft auftreten.

Text von Andi Dick, Olaf Perwitzschky

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