Das Matterhorn ist ein Traumberg und Sehnsuchtsziel für ganze Generationen von Bergsteigern. Nicht gerade ideale Voraussetzungen für Individualisten wie Autor Olaf Perwitzschky 2012 erfahren durfte.

Als Bergführer werden einem immer wieder die gleichen Fragen gestellt. Eine davon ist: "Warst du schon mal am Matterhorn?" Irgendwann wollte ich diese Frage nicht mehr mit "nein" beantworten. Also musste ich aufs Matterhorn.

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Aber mir graust vor jeder Art von Anstehen. Egal ob im Supermarkt an der Kasse oder am Pfändertunnel im Stau. Oder eben am Matterhorn. Daher stand für mich auch fest: Wenn Matterhorn, dann nicht über den Hörnligrat. Denn ich gehe in die Berge, um nicht anzustehen.

Je näher man der Hütte kommt, desto weiter muss man den Kopf in den Nacken legen. | © Birgit Gelder

Nach einer Tourenwoche im Wallis sollte also das Matterhorn dran sein. Über den Liongrat! Doch ein paar Telefonanrufe später macht sich Ernüchterung breit:

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Die Abruzzi-Hütte auf der Südseite war nach wie vor wegen Umbau geschlossen. Das Carrel- Biwak auf über 3800 Meter Höhe hat kein Wasser, Schnee auch nicht.

Die Bahn zum Theodulpass war außer Betrieb. Saisonende! Was tun? Doch über den Hörnligrat zum ersehnten Gipfel? Hilft ja nichts, einen Versuch ist es wert! Und am Ende der Saison wird ja hoffentlich nicht mehr so viel los sein.

Auf der Hörnlihütte spürt man sofort: Die Hüttenwirte haben eine lange Saison hinter sich und können es sich erlauben, unverbindlich zu sein. Denn direkt hinter der Hütte erhebt sich dieser wahnsinnig schöne Berg, der so beeindruckend, so mächtig ist. Wenn wir nicht kommen, dann kommen andere.

Wir checken am Nachmittag noch die ersten steilen Aufschwünge aus. Schon wenige Meter hinter der Hütte gibt es die ersten Fixseile: dicke Taue, zehn Meter senkrecht hoch. Da gibt's am Morgen sicher den ersten Stau (da war doch was mit Anstehen).

Wir beschließen, einfach später loszugehen, sind wir doch gut akklimatisiert und können uns in leichtem Klettergelände ganz gut bewegen. Wenn wir mit dem ersten Tageslicht kurz nach sechs starten, sollte uns das noch immer reichen. Im Hellen fällt auch die Wegfindung leichter.

Mit uns sind etwa 40 Matterhorn-Anwärter in der Hütte. Das ist nicht viel für das Matterhorn (an "guten" Tagen ziehen rund 200 Bergsteiger los), aber für eine Bergtour nach meinem Empfinden schon eine ganze Menge.

Licht aus, Stirnlampe an: einsames, spätes Frühstück auf der Hörnlihütte. | © Birgit Gelder

Als wir vor die Tür treten, dämmert es. Hoch oben sehen wir die Glühwürmchen der anderen. Da wir den Weg am Vortag studiert und nun "freie Bahn" haben, kommen wir zügig voran. Ich dachte immer, das Matterhorn sei eine große Schotterhalde.

Wenn man aber den richtigen (also den viel begangenen) Weg findet, ist der Fels überraschend fest. Kurze Gehpassagen wechseln sich mit steileren Aufschwüngen ab. Die leichte Kletterei macht richtig Spaß.

Die Solvayhütte sieht und riecht man schon von weitem. Schon mangels Sanitärtrakt ist es außer in Notfällen verboten, dort zu übernachten.

Trotzdem wird sie vor allem von Osteuropäern gerne als Basis benutzt. Sie kostet nichts und man kann so natürlich auch gewissen Wutausbrüchen aus dem Weg gehen.

Direkt hinter der Hütte wartet die Obere Moseleyplatte auf uns. Eine der schwierigsten Stellen - laut Führer.

Bei uns ist der Fels trocken, die Sonne scheint. Da sollte ein alpiner IIIer schon drin sein. Steigeisen müssen wir erst unter der Schulter anlegen.

An den Fixseilen unterhalb des Gipfelaufbaus kommen uns die ersten Seilschaften im Abstieg entgegen. Jetzt geht die Warterei los. Auch, weil wir recht langsame Seilschaften vor uns haben. Die wollen gar nicht an einem Tag rauf und runter. Im Abstieg übernachten sie auf der Solvayhütte.

Für Matterhorn-Verhältnisse hält sich das alles noch in Grenzen. Insgesamt verlieren wir vielleicht eine halbe Stunde. Am Ende der Fixseile müssen wir noch ca. 100 Meter bis zum Gipfel durch Schnee aufsteigen.

Das Gelände ist hier steil und liegen die Sicherungsstifte teilweise unter dem Schnee. Man muss sehr konzentriert gehen. Nach insgesamt viereinhalb Stunden stehen wir auf dem Matterhorn. Über den Hörnligrat. Und das Warten hielt sich (bisher) in Grenzen. Aber wir sind ja auch erst am Gipfel.

Was für eine Aussicht auf das Monte-Rosa-Massiv. Ganz links das Strahlhorn, dann reihen sich die Berge wie am Schnürchen in all ihrer Pracht auf. | © Birgit Gelder

Die Aussicht ist gigantisch, das Matterhorn, ein toller Berg. Neben seiner markanten Form steht der Berg völlig frei und exponiert. Das hat schon was. Doch wir müssen auch wieder runter. Im Schneckentempo kämpfen sich drei junge Tschechen das Gipfeleisfeld runter. So kommen wir heute nicht mehr ins Tal.

Am Beginn der Fixseile lassen sie uns (notgedrungen) vorbei. Der Abstieg am Matterhorn ist mindestens so anspruchsvoll wie der Aufstieg. Man sollte dieselbe Zeit für den Abstieg wie für den Aufstieg rechnen.

Bis auf zwei Stellen gilt die Faustregel: Wenn man abseilen muss, ist man falsch. Kurz vor drei stehen wir wieder vor der Hörnlihütte. Wir sind nicht sonderlich scharf auf eine weitere Nacht hier oben. Also laufen wir im Schweinsgalopp los und sind wenige Minuten vor vier an der Bahnstation. Müde, aber glücklich, endlich mal auf dem Matterhorn gewesen zu sein. Es lohnt sich! Auch über den Hörnligrat.

Text von Olaf Perwitzschky

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