Obwohl Liechtenstein mit nur 34000 Einwohnern auf 265 Quadratkilometern eines der kleinsten Länder Europas ist, bietet es topografisch eine ungeahnte Vielfalt. Das "Ländle" wird von Fürst Hans Adam II. vom thronenden Schloss ob Vaduz zusammen mit dem Parlament als konstitutionelle Demokratie regiert. Schon der Anblick des Massivs der Drei Schwestern beeindruckt den Besucher - und den Wanderfreund sowieso.

Am Drei-Schwestern-Klettersteig erleichtern manchmal hölzerne Trittbohlen das Weiterkommen.
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Früh Morgens, Dunst zieht übers weite Rheintal, erste Sonnenstrahlen erhellen umliegende Gipfel. Berggefühle im Bauch, so stehen wir da, ungeduldig wartend auf das Dieselgedröhne der Linie 10. Die bringt uns ins Terrassendorf Triesenberg hinauf, von wo aus wir mit der Linie 30 Gaflei erreichen. Was schon längst geplant ist, soll endlich Wirklichkeit werden - die Drei Schwestern. Die Überschreitung dieses Massivs gilt als klassische, anspruchsvolle Höhentour, auch Königswanderung genannt.

Auf afrikanischem Boden

Durch dichten Tannenwald hochsteigend, fällt mir ein, dass wir uns am Rande der Ostalpen befinden, deren geologische Grenze zu den Westalpen genau unter Vaduz von Norden nach Süden verläuft. Zugleich wandern wir auf der Rätischen Decke, erdgeschichtlich also auf afrikanischem Boden.

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Abrupt endet der Wald und gibt die Sicht in die Kalkvertikale des Gibsberges frei. Der schmale Weg schlängelt an steilen, bröckeligen Felsen vorbei, herumliegende Pickel und Schaufeln zeugen von der gestrigen Flickarbeit. Dem Wegmacher sei gedankt, dass wir schadlos bei der Gibsbergscharte auf 1856 Meter ankommen. Erstmals treffen uns wärmende Sonnenstrahlen, welch' eine Wonne. Gesäumt von Legföhren marschieren wir nun den berühmten Fürstensteig entlang. Man sagt, hier verliere der Mensch seine Seele an die Berge. Das ist wohl wahr. Leichtes Auf und Ab lässt vielerlei Muskeln arbeiten und so gelangen wir schnell über eine steil ansteigende Weide, den Kuegrat.

Der Weg ist ein Schau-ins-Land ohnegleichen: Blick vom Kuegrat über das Valorschtal hinweg.

2123 Meter, eine fürstliche Höhe, das ist doch schon was. Rinnsale perlen über erhitzte Gesichter, die, oben angelangt, hoch zufrieden das grandiose Rundumpanorama genießen. Unter uns zieht sich das weite Rheintal von den weiter entfernten Bündner Alpen bis zu den Nebelbänken am Bodensee hin. Drüben im Westen schimmern die hellen Kalkfelsen des Säntis. Auch die senkrechten Türme der berühmten Kletterzinnen der Kreuzberge ragen ins tiefe Blau empor.

Alle Sinne aktiviert

Klar, das Fürstentum ist schon ein kleines Land. Von hier oben ist davon aber nichts zu erkennen, wir blicken grenzenlos in die weite, wunderschöne Gipfelwelt hinaus. Das ist einer dieser Momente, wegen derer man überhaupt auf Berge steigt. So schrieb Goethe denn auch: "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!"

Kuegratabstieg - steinig, steil, mit einigen Schneeflecken vom letzten Winter. Alle Sinne sind jetzt aktiv. Sorgfältig arbeitet man sich vor, sonst fällt man womöglich in Gottes Hände - und dabei haben wir noch nicht mal die Drei Schwestern bestaunen können. Die schroffe Bergwelt beiderseits des Drei-Schwestern-Massivs wird hier erstmals so richtig deutlich. Die "Garsellitörm" drüben im Nordosten lassen mit ihren zernagten Felsformationen erkennen, wie Frost, Hitze, Wind und Wetter an ihnen nagen und zerren. Die noch recht tief stehende Sonne unterstreicht mit ihrem scharfen Schräglicht zusätzlich die Kontraste.

Schlüsselstelle der Tour: der Anstieg auf den Garsellikopf.

Der Garsellikopf links davon steht nicht minder imposant da, ihn wollen wir besteigen. Fragt sich nur wie, oder: "Da soll ich hinauf?" Nur Mut, das wird schon. Bis jetzt haben wir den Weg nicht verfehlt. Es geht steil hinauf und noch steiler und noch viel steiler, so dass man gar Seile anbringen musste, damit der alljährliche Besucherstrom auch diesen heiklen Kamin schafft. Und was die anderen können, schaffen wir auch. Nach arbeitsreicher Kraxelei stehen wir denn auch unversehrt auf dem Gipfel des Garsellikopfes.

Das Bergpanorama ist sogar noch schöner als das vom Kuegrat, man sieht mehr von Vorarlberg, und auch vom Montafon. Die Erhebung des Pfänder am Bodensee ragt noch deutlicher aus dem Morgendunst hervor. Einleuchtend, dass sich helle Begeisterung breit macht. Jetzt erkennen wir auch viel besser die schroffen, zerklüfteten Felsen der Drei Schwestern. Das wäre dann unser nächstes Ziel.

Nicht ganz berggerecht ausgerüstet…

Pflöcke, die quer im Kalk verklemmt wurden, bilden eine Treppe, die Seilsicherung das Geländer dazu. Neben uns stehen zwei junge Männer, die die Passage ungläubig mustern. Ein leichtes Zaudern steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Kein Wunder, ist einer von ihnen nicht ganz berggerecht gerade einmal mit einem Feuerwehrgurt ausgerüstet.

Immerhin, sie gehen die Sache bedächtig an und sichern sich auch ganz sorgsam. Schon bald erreichen wir den Abschnitt mit den Leitern. Sechs Meter tief reicht die Eine, das fühlt sich schon seltsam an, da wird man schnell zappelig und nervös. Gut dass wir heute alleine an dieser kniffligen Stelle stehen, so können wir die Sache ganz in Ruhe angehen ohne Hektik und Gedränge.

Für Wanderer unzugänglich: ein Gipfel namens Jan.

Und dann stehen sie vor uns, Jan und Volan. Gipfelkreuze zieren das Haupt der beiden bizarr geformten Felstürme, schroffes, unüberwindbares Gelände. Irgendwelche Wege da rauf gibt's - zumindest für uns - nicht, also genießen wir den Anblick vom Klettersteig aus. Eine Pause kann eh nicht schaden. Das Pfeifen der allgegenwärtigen Bergdohlen hallt zwischen den Wänden, Steinchen rieseln zu Tal. Warme Winde wehen vom Tal herauf, bringen leise den Tallärm mit. Schön hier zu sein. Überhaupt ist es in den Bergen an solchen Tagen einfach herrlich und man fragt sich, was aus diesem bedrängten Paradies wohl einmal wird. Mit diesen Gedanken steigen wir talwärts, dem Sarojasattel entgegen. An der Grenze zu Österreich erfreuen wir uns ein letztes Mal an den Weiten des Montafon.

Steinerne Herzen

Der Abstieg zur Gafadurahütte führt durch dichten Wald, der auch erst bei der Hütte endet. Die Hütte liegt zauberhaft am oberen Ende einer Bergwiese. Man überblickt die Weiten des Rheintals, das umsäumt von Gipfeln eine wunderschöne Tallandschaft bildet. Bei Kaffee und Kuchen bestaunen wir die von hier riesig anmutenden Dolomit-Gipfel der Drei Schwestern und wandern gedanklich nochmals über Grate und Gipfel.

Nach den Drei Schwestern beherrschen wilde Kalktürme den Gratverlauf.

Dabei erzählt ein älterer Herr, der sich in dieser Gegend bestens auskennt, dass der Name "Drei Schwestern" von einer Sage stamme. Einst sollen drei Schwestern am Liebfrauentag anstatt in die Kirche hinauf in die Berge gegangen sein, um Beeren zu pflücken. Die Sonne sank, als sie endlich zur Heimkehr aufbrachen. Da erschien eine schöne Frau und bat um Beeren. Die Schwestern jedoch wollten nichts abgeben. Die schöne Frau erstrahlte daraufhin in hellem Schein und sprach: "Ihr habt meinen Festtag geschändet, ihr habt meine Bitte nicht erhört, euer Herz ist aus Stein. Uns so sollt ihr versteinert hier stehen bis in alle Ewigkeit."

Da stehen sie seither, hoch emporragend über dem Rheintal, die Drei Schwestern.

Text und Fotos: Georg Aliesch

Aus ALPIN 02/2006 (Text gekürzt)

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