Das Gehen in weglosem Gelände ist Basis und Hohe Schule des Bergsteigens zugleich. Die Fähigkeit, ohne Pfad oder Wanderweg sicher in den Bergen unterwegs zu sein, kann man sich aneignen.

Alles hört irgendwann auf. Der Weg, der Pfad oder die Trittspur. Das kann an der Hütte sein, am Auto, bei der Bergbahn-Station oder – und das ganz oft – unterwegs zum Gipfel. Nicht nur auf Hochtour oder beim Zustieg zur Kletterroute verlässt man ausgetretene Pfade.

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Auch viele Wanderungen warten mit schrofigen Passagen, steilen Grashängen, felsdurchsetzten Stufen und Rinnen auf. Wer hier sicher weiterkommen will, sollte die entsprechenden Techniken beherrschen.

Tipps, Tricks, Training, Gehen, Wegloses Gelände

Spiel- und Übungsformen zum weglosen Gehen.

| © Sojer

Wichtige Voraussetzung ist immer das richtige Schuhwerk. Alpintaugliche Bergschuhe mit festen Sohlen mit ausgeprägtem Profil geben die nötige Standfestigkeit. Auf dem Weg ist es mehr oder weniger egal, wo ich meinen Fuß hinsetze. Nicht so in weglosem Gelände. Hier ist der Untergrund nicht homogen, eventuell glatt oder rutschig und oft bei viel losem Gestein in ständiger Bewegung.

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Daher ist es von entscheidender Bedeutung, die Bewegungen kontrolliert auszuführen. Dazu ist es hilfreich, den Körperschwerpunkt (in der Regel der Becken-Bauch-Bereich) möglichst zentral über den Trittflächen, also den Füßen zu halten. Beim Aufstieg hält man dazu den Körper möglichst aufrecht, macht eher kleine als große Schritte und verlagert bewusst das Gewicht von einem auf das andere Bein.

Da nicht jeder Zentimeter einen sicheren Platz für die Füße darstellt, ist vorausschauendes Gehen notwendig. Gute Tritte sind feste Grasbüschel, fest im Boden verankerte Steine, kleine Plateaus aus festem Untergrund oder Felsplatten, solange keine kleinen Steine darauf liegen, die die Trittfläche in eine Rollbahn verwandeln.

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Beim Absteigen im Schotter tritt man mit steifen Beinen mit den Fersen zuerst auf.

| © Birgit Gelder

Mit etwas Übung findet man solche Stellen und kann die Schritte kontinuierlich aneinanderreihen. Wie auf Skitouren sollte man in Serpentinen gehen, um Kraft zu sparen. Ist der Untergrund hart, setzt man dabei die Sohle flächig auf. Ist er weich, geben die Sohlenkanten der quergestellten Schuhe Halt.

Sehr anstrengend sind Schotterhänge oder Reisen. Wer hier zu große Schritte macht, wird immer wieder abrutschen. Der Trick besteht darin, möglichst direkt unter dem Körperschwerpunkt anzutreten und das Gewicht langsam auf den Fuß zu verlagern. Große, schwere Steine sind auch hier gute Ankerpunkte.

Beim Abstieg – egal ob man in Serpentinen oder in Falllinie absteigt – muss man verhindern, dass der Schwerpunkt hinter den Körper kommt und die Füße unter einem wegrutschen. Das ist nicht nur schmerzhaft, sondern kann in kniffligem Gelände sogar zum Absturz führen. Geht man seitlich zum Hang, bleibt man aufrecht und hält den Oberkörper bewusst vom Berg weg.

In Falllinie beugt man den Oberkörper in der Hüfte nach vorne und setzt die Schuhe ganzflächig auf und macht kleine Schritte. Den Oberkörper Richtung Tal zu neigen, ist zunächst ungewohnt und erfordert etwas Mut. Es ist aber die einzige Möglichkeit, die Tritte optimal zu belasten.

Die Füße sollten eine taloffene V-Stellung haben. Das bedeutet, dass die Zehenspitzen etwas nach außen gedreht sind und die Schultern parallel zum Hang sind. Vor allem im felsdurchsetzten, steilen Schrofengelände kann es sinnvoll sein, die Hände zu Hilfe zu nehmen. Entweder steigt man dabei mit dem Gesicht zum Tal ab und stützt sich hinter dem Körper ab oder man dreht sich mit dem Gesicht zum Berg.

Bergab sind Schotterreisen der Traum jeden Bergsteigers. Mühelos und knieschonend kann man viele Höhenmeter vernichten. Auch hier gilt: Oberkörper nach vorne beugen und die Füße mit den Fersen zuerst aufsetzen. Vorsicht: Manches Schotterstück entpuppt sich als üble Rutschbahn, da der Schotter nicht tief genug ist und auf Felsen oder hartem Untergrund wegrollt. Hier Tempo herausnehmen und kontrolliert bergab balancieren.

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Entlastend: der Doppelstockeinsatz.

| © Birgit Gelder

Schneebedeckte Zonen sind mit Vorsicht zu genießen. Oft sind sie mit eisigen Stellen kombiniert, die man schlecht sieht. Hier bewegt man sich sehr vorsichtig und nutzt Spuren oder eingeschmolzene Steine (falls vorhanden). Stöcke sind hilfreich.

Tückisch sind Altschneefelder im Frühjahr. Je nach Härte – vor allem am Morgen – können sie unüberwindlich sein. In geneigtem Gelände schlägt man die Kanten der Schuhe seitlich in den Schnee. Geht das nicht, braucht man Steigeisen. Im Aufstieg begeht man sie in Serpentinen. Im Abstieg kann auch die Falllinie eine gute Wahl sein.

ALPIN-Tipp: Gute Wanderstöcke …

  • sind falt- oder teleskopierbar.

  • haben eine Stockspitze aus hartem Material, die ausgewechselt werden kann.

  • haben einen zuverlässigen Klemmmechanismus. Das lässt sich leicht im Geschäft testen, einfach mit Gewicht draufstützen. Der Stock darf sich nicht zusammenschieben lassen.

  • haben einen Griff aus hautfreundlichem, rutschfestem und evtl. wärmeisolierendem Material.

  • haben eine verstellbare, weiche Handschlaufe (evtl. mit Sicherheitsmechanismus, der bei Stürzen auslöst und die Schlaufe vom Stock trennt).

  • sind aus Carbon (sehr leicht) oder hochwertigem Aluminium (etwas preisgünstiger).

Auf den Stock gekommen

Seit Mitte der achtziger Jahre sind Stöcke als vollwertiger Ausrüstungsgegenstand bei Wanderern und Bergsteigern nicht mehr wegzudenken. Sie dienen der besseren Balance in unwegsamem Gelände und können beim Aufstieg unterstützen und beim Abstieg die Gelenke entlasten. Stöcke sind allerdings kein Allheilmittel gegen Trittunsicherheit oder den Gelenkverschleiß. Bei richtiger Anwendung sind sie aber sinnvolle Helfer.

Die verschiedenen Arten des Abkletterns: Man sollte in ungefährlichem Gelände üben, um dann im "Ernstfall" alles anwenden zu können.

| © Sojer

Es macht wenig Sinn, sich mit Stöcken in Gelände zu wagen, in dem man sich ohne Stöcke unsicher fühlen würde. Wer den ausgesetzten Pfad oder steilen Abstieg nur mit Teleskopstöcken schafft, sollte erst einmal seine koordinativen Fähigkeiten in leichterem Gelände ohne Stöcke üben.

Zu schnell rutscht der Stock an einem Felsen ab oder bleibt hängen und man verliert das Gleichgewicht. Es hat sich zudem herausgestellt, dass sich das Gefühl für Stock und Stein, rutschigen Untergrund und Geländeneigung durch ständigen Einsatz von Stöcken verschlechtert. Also immer wieder mal auf das dritte und vierte künstliche Bein verzichten.

ALPIN-Technik: Der richtige Stockeinsatz

  • Fehltritte sind eine der häufigsten Ursachen für Bergunfälle: Trainieren Sie Ihre Trittsicherheit immer wieder ohne Stöcke.

  • Gelenkentlastung funktioniert effektiv nur mit dem Doppelstockeinsatz.

  • Nutzen Sie die Vorteile von Teleskopstöcken: Normaleinstellung wie beim Skistock (90-Grad-Winkel des Ellbogen-Gelenks bei aufrechter Haltung), beim Aufstieg etwas kürzer, beim Abstieg länger einstellen.

  • In schwierigem Gelände und bei leichten Kletterstellen gehören die Stöcke an den Rucksack. An den Handgelenken herumbaumelnde Stöcke stellen eine Stolperfalle dar.

Der Schub Richtung Gipfel

Im Aufstieg bringt schon ein leichter, fast nicht spürbarer Schub mit den Stöcken eine Entlastung der Beine. Auf die Länge der Tour macht sich das bemerkbar, besonders mit schwerem Rucksack. Je steiler es wird, desto besser kann man die Stöcke zur Entlastung der Beine einsetzen. Vor allem bei Schnee- oder Firnhängen (kein Gletscher) kann man sie als zusätzliche Beine betrachten. 

Generell werden Stöcke und Beine wechselseitig in der sogenannten Diagonaltechnik eingesetzt: linkes Bein und rechter Stock und umgekehrt. Bergauf kann es an steilen Stellen sinnvoll sein, die Stöcke gleichzeitig, also als Doppelstock, einzusetzen. Da in diesem Fall die Stöcke meist zu lang sind, greift man sie bei kurzen Passagen unter dem Griff.

Für längere Passagen sollte man die Stocklänge anpassen. Quert man einen Hang, ist der bergseitige Stock zu lang, um ihn mit der Hand am Griff zu fassen. Deshalb greift man ihn unterhalb des Griffs.

Entlastung bergab

Für den Abstieg werden die Stöcke entsprechend länger eingestellt. Richtige Entlastung bietet nur der Doppelstockeinsatz: Beide Stöcke werden gleichzeitig links und rechts der Füße vor dem Körper sicher auf die Erde gestellt, das Gewicht des Körpers dosiert aufgestützt und die Beine eines nach dem anderen nachgesetzt.

Dann werden die Stöcke wieder gleichzeitig nach vorne geholt und aufgesetzt. Je weniger Zwischenschritte man ohne Stockeinsatz macht, desto effektiver werden die unteren Extremitäten entlastet. Wie beim Abstieg ohne Stöcke wird der Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, um das Gewicht optimal auf den zu belastenden Fuß zu bringen.

Diese Entlastung der Fuß-, Knie- und Hüftgelenke bedingt umgekehrt eine stärkere Belastung von Hand-, Ellbogen- und Schultergelenken. Es ist durchaus realistisch, dass ein langer Abstieg mit schwerem Rucksack die Gelenke der oberen Extremitäten nicht unberührt lässt.

Daher empfiehlt es sich, hochwertige Stöcke zu kaufen, die durch ihre Flexibilität dämpfend wirken. Außerdem gibt es Modelle, die eingebaute Federdämpfer (Anti-Shock) haben. Die Stöcke sollten über stabile und an der richtigen Stelle breite Handschlaufen verfügen. Denn vor allem bergab nehmen die Schlaufen den Hauptteil der Last auf.

In sehr steilem Gelände kann es allerdings sicherer sein, die Hände aus den Schlaufen zu nehmen, um im Falle eines Sturzes die Hände frei zu haben. In schottrigen, absturzgefährdeten Bereichen gehören die Stöcke vor allem bergab an den Rucksack. So hat man die Hände frei und kann sie zum Abstützen oder Greifen nutzen.

Oft sieht man Seilschaften Gletscher mit Stöcken begehen. Solange keine Spaltensturzgefahr besteht, geht das in Ordnung. Ist man sich nicht zu hundert Prozent sicher, gehören die Stöcke an den Rucksack und der Pickel in die Hand. Nur mit ihm lässt sich ein Spaltensturz zuverlässig halten und ein Abrutschen unter guten Umständen sicher abbremsen.

Text von Olaf Perwitzschky

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