Österreichischem Ausnamekletterer gelingt erste freie Begehung

22. Januar 2012: David Lama befreit "Kompressor-Route"

David Lama gelang am 22. Januar 2012 die erste freie Begehung der "Kompressor-Route" am Cerro Torre in Patagonien. Der Ausnahmekletterer hatte bereits in den Vorjahren erfolglos versucht, die in Alpinistenkreisen sehr umstrittene Linie von Cesare Maestri zu befreien.

22. Januar 2012: David Lama befreit "Kompressor-Route"
© Manuel Ferrigato / Red Bull Content Pool

22. Januar 2012: David Lama befreit "Kompressor-Route"

Man kann darüber streiten, ob der Cerro Torre (3128 m) nun der schönste Berg der Erde ist oder nicht. Dass seine Besteigung bis heute nur echten Könnern vorbehalten bleibt, ist jedoch unzweifelhaft. Als sich der Italiener Cesare Maestri 1970 in einer Brachial-Aktion die Südwest-Wand des Torre hinaufbohrte, war daher innerhalb der alpinen Szene der Aufschrei groß.

Mit Hilfe eines benzinbetriebenen Kompressors hunderte von Bohrhaken in die Wand zu treiben, um sich daran Meter für Meter nach oben zu schieben, habe weder etwas mit Klettern noch mit Stil zu tun, so der Vorwurf der Puristen. Maestris Materialschlacht wurde umso weniger verstanden, da die einstige "Spinne der Dolomiten" beim Erreichen des Gipfeleispilzes einfach stoppte, etliche Meter unterhalb des höchsten Punktes des Torre.

Lama sicherte sich freie Begehung

Die von Maestri reklammierte Erstbesteigung wollten ihm in Bergsteigerkreisen später nur wenige wirklich zugestehen. Was folgte, war ein jahrelang erbittert geführter Schlagabtausch zwischen Maestri und seinen Kritikern. Ein unrühmliches Stück Alpingeschichte.

<p>Traum erfüllt: David Lama 2011 in Patagonien.</p>

Traum erfüllt: David Lama 2011 in Patagonien.

© david-lama.com.

David Lama beschäftigte sich über Jahre intensiv mit der "Kompressor-Route". Nach mehreren gescheiterten Versuchen gelang ihm 2012 im dritten Anlauf die vollständige freie Begehung. "Ein Traum ist wahr geworden", schrieb der damals 21-Jährige nach dem Erfolg.

Besonders bemerkenswert: Kurz zuvor hatten die amerikanischen Kletterer Hayden Kennedy und Jason Kruk einen Großteil der von Maestri gesetzten Bohrhaken entfernt, was Lamas Begehung zusätzlich erschwerte.

<p>Harte "Arbeit": David Lama in der "Komperssor-Route".</p>

Harte "Arbeit": David Lama in der "Komperssor-Route".

© Rich/Else/Robinson – Red Bull Content Pool

David Lama über Gipfelerfolg: "Größten Abenteuer meines bisherigen Lebens"

Zusammen mit seinem Seilpartner Peter Ortner war Lama am 19. Januar von dem Bergsteigerdörfchen El Chalten aus Richtung Cerro Torre gestartet. In seinem Originalbericht schilderte Lama die Schlüsselstellen der Route als technisch extrem anspruchsvoll, psychisch fordernd und nur spärlich absicherbar. Der Gipfelerfolg sei das Ende "des größten Abenteuers meines bisherigen Lebens" gewesen.

Meilenstein des Alpinismus und früher Tod

Der Eigernordwand Speedrekord-Halter Dani Arnold beurteilte Davids Leistung als "Meilenstein im Alpinismus". Auch Patagonien-Kenner Stephan Siegrist würdigte seine Begehung: "Davids Erfolg wird in die Geschichtsbücher eingehen!" Und sie sollten Recht behalten. 

Am 16.04.2019 verunglückten David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley am Howse Peak tödlich. Im Abstieg kam es dort zur Katastrophe: Das Trio wurde von einer Lawine aus der Wand gerissen. Nicht nur die alpine Szene reagierte weltweit geschockt auf die Nachricht vom Tod der drei Profibergsteiger. Die Anteilnahme auch in nicht bergsportaffinen Kreisen der Bevölkerung war enorm.

David Lamas Vermächtnis bleibt. Als einer der prägendsten Alpinisten seiner Generation verband er klettersportliche Exzellenz mit einem klaren ethischen Anspruch. Die freie Begehung der "Kompressor-Route" gilt bis heute als sein bedeutendstes alpines Werk.

Text von Holger Rupprecht

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