Glosse

Auf engstem Raum oder Die Strafe Gottes

"Reine Rechercheabsicht" hat ALPIN-Redakteur Clemens Kratzer dazu bewogen, sich ausgerechnet am Fronleichnams-Tag mit der Bayerischen Oberland Bahn Richtung Voralpen aufzumachen. Dumm nur, dass noch einige andere Münchner auf die selbe Idee gekommen waren. Von einer Feiertagsprozession der etwas anderen Art!

Auf engstem Raum oder Die Strafe Gottes
Fronleichnamsprozession am Staffelsee bei Seehausen (Foto:picture-alliance.com)
Fronleichnamsprozession am Staffelsee bei Seehausen (Foto:picture-alliance.com)

Einerseits. Haben die Leser alpiner Zeitschriften und die Mitglieder von Alpenvereinen in den vielen letzten Jahren etwas gelernt. Dass Bergsport nicht zwingend auch Motorsport sein muss. Vielen ist klar, was da zum Himmel stinkt ist vielleicht tatsächlich das, was unsere gehegten und gepflegten Automobile ausatmen. Und im Gegensatz zum Menschen, profitieren Bäume z. B. nicht, wenn Autos Abluft erzeugen. Ungern aber doch mit dem kleinen inneren Stolz, wenigstens eine gute Tat zu begehen, trennen sich immer mehr Bergfreunde temporär von ihrem Boliden und steigen um auf öffentliche Betreiber, die bereit sind, große Mengen bergaffiner Freizeitsportler auf Schienen zu ihren Begierdezielen zu bringen.

Andererseits. Ist es zur unchristlichen Unart geworden, die ganz bewusst zur Pflege tiefreligiöser Überzeugungen eingeführten Festtage christlicher Konfessionen zu nutzen, um dem Alpinismus in irgendeiner Weise zu frönen. Nun mag man anführen, dass doch auf den Gipfeln unserer Breitengrade Kreuze stehen und die Menschen aus reinen Andachtsgründen Feiertage nutzen, um am Gipfelkreuz die relative Nähe zu Gott besonders zu spüren. Ausrede, sagen da manche Dogmatiker, "für euch ist doch der Weg oft das Ziel", besonders bei denen, die Hand an Gottes Felsen legen. Der richtige Umgang mit christlichen Feiertagen ist vielen Bergfreunden durchaus abhanden gekommen.

Doch gilt das nicht auch für weltliche Feiertage? Wer arbeitet am Tag der Arbeit? Wer besucht am Tag der deutschen Einheit die, von denen er solange getrennt war. Im Gegenteil, die gehen sich oft aus dem Weg! Feiertage, so der berechtigte Verdacht, werden meist nur durch Zuhilfenahme eines einzigen Konsonanten für viele für Freie Tage (für manche auch Freiertage). Und dass heißt dann: Ins Freie. Punkt. Und wie oben erwähnt, auch mal unter schmerzlichem Verzicht auf das Automobil. An Fronleichnam in Südbayern war wieder einmal so ein Tag.

Aus reiner Rechercheabsicht begab sich auch ALPIN an die Front der Frevler. Also an den Bahndamm am Münchner Seitenflügel des Hauptbahnhofs und zu früher Stund'. In der ganzen Stadt waren schon die Freiwilligen auf den Beinen, die Häuser und Straßen für die große Fronleichnamsprozession schmückten. Der Wetterbericht bescheinigte dem frommen Gebaren beste Bedingungen. Aber auch die Frevler hatten diesen Wetterbericht gelesen. Und so schlichen auch sie aus ihren Schlupfwinkeln hervor, mit verdächtigen Rucksäcken am Buckel, oft gar mit Stöcken verziert und festem Schuhwerk.

Ein Zug der BOB, der Bayerischen Oberland Bahn (Foto: picture-alliance.com).
Ein Zug der BOB, der Bayerischen Oberland Bahn (Foto: picture-alliance.com).

Um nicht aufzufallen scheuten sie das frühe Licht der Öffentlichkeit an jenem heil'gen Tage. Durch unterirdische Röhren der Schnellbahnen strebten sie, Rattenhorden gleich, dem Bahndamme zu. Ziel: Die dreispännigen Kutschen der Bayerischen Oberlandbahn, kurz BOB genannt. Erstes Zugdrittel Bairischzell. Alias Wendelstein, Brünnstein, Traiten, Rotwand, Spitzinggebiet, Brecherspitze und Bodenschneid. Zweites Zugdrittel: Lenggries. Was bedeutet: Brauneck, Benediktenwand, Seekarkreuz, Blomberg und Zwiesel, Jachenau. Und last but not least: Tegernsee. Neureuth, Riederstein, Wallberg, Hirschberg, Blauberge, Enterrottach, Schinder.

Aber ihr Treiben wurde von ganz oben ganz genau registriert. Und wer da nun an diesem keuschen Morgen glauen wollte, auf einem schönen Sitzplatz seinen Hobby- und Hausbergen zustreben zu können, der sollte die gerechte Strafe Gottes schnell erfahren. Schon am BOB-Schalter war klar: Die Zahl der Gottlosen, die nicht hinter einer Monstranz sondern zu einer Speckknödelsuppe streben wollen, an diesem Feiertag, sie schwoll gewaltig an. Nicht größer aber wurde das Fahrzeug der BOB. Warum auch, die drei aneinandergehängten Bahnelemente, die in Holzkirchen und Schaftlach voneinander getrennt werden, kann man nicht um je einen Triebwagen verlängern.

Da reichen Zugkraft der Maschinen und Logistig nicht. Den Fahrplan an solchen Tagen verändern, das würde ein unübersehbares Chaos (wer je eine Märklin-Eisenbahn besaß, weiß wovon die Rede ist) und bei schlechtem Wetter auch noch ein finanzielles Fiasko bedeuten. Also griff Gottes Strafe voll: Bzw. der Zug war voll. Binnen Minuten. Und wurde immer voller. Auch diejenigen, die sich in ein Café setzen wollten, um eine Stunde später zu fahren, mussten einsehen, auch da werden viele Frevler die Züge zum Platzen bringen.

Und es kam, wie es kommen musste: Auf den Sitzen Mütter, auf dem Schoß Kinder, dazwischen Rucksäcke. Vor den Toiletten schon erste Schlangen, alle Plattformen vollgestellt mit Menschen aller Outdoordresse. Und noch immer 30 Minuten zur Abfahrt. Der Mitmensch mit der ähnlichen Freizeitauffassung wird so zum Mitesser, zum Feind. Sein Ellbogen im Gesicht, seine Teleskopsöcke immerwährende Gefahr für Augen und Kinder. Dazwischen mümmelten einige dennoch frohgemut ihre für spätere Rast mitgebrachten Speisen, was die Sauerstoffzufuhr so vieler mehr und mehr erschwerte.

Fühlte sich an indische Verhältnisser erinnert: ALPIN-Redakteur Clemens Kratzer (Foto: picture-alliance.com).
Fühlte sich an indische Verhältnisser erinnert: ALPIN-Redakteur Clemens Kratzer (Foto: picture-alliance.com).

Endlich Start, die Physik führt dazu, dass wildfremde Menschen sich umarmen. Und schon wieder eine Bremsung: Donnersberger Brücke. An mehreren Türen wollen neue Frevler herein, manche mit Mountainbike und dem infernalischen Satz: "Des geht scho!" Erfahrene BOBfahrer bleiben cool: "Ist doch noch gar nichts, im Winter, mit Ski, das ist lustig …"

Inzwischen herrscht auch reger Telefonverkehr. "Ich bin jetzt drin". "Naa, ich glaub nach Tegernsee". Was heißt Glauben bei gottlosen Frevlern! Natürlich sollten sie im ersten Treibwagen sein. Anfahrt, ja, nun wird der Triebwagen fast seinem Namen gerecht. Lange Kurve, man hält sich fest, an der Brille des Nachbarn, an seiner Schulter, pardon, war nicht die Schulter. Man steckt aber so fest, dass ein Umfallen schwer wäre. Auch die Zugänge zu den Toiletten sind nun endgültig zu.

Dennoch zeigt sich, dass manche Frevler exakt die Benutzung dieser sanitären Kabinen in das Programm und zwar ziemlich anfänglich eingeplant hatten. Es entstehen Tumulte. Besonders freut man sich über Bergfreunde, die nun zugeben müssen, dass der Nebensitz nur für ihren Rucksack gedacht gewesen war. Rucksäcke zahlen keine Fahrgebühr, da ist die engstehende Meute sich absolut einig. Und da kommt die Haltestelle Harras. Ach ja, ein paar neue Bergfreunde und keiner steigt etwa aus. Ja und auch neue und stolze Besitzer teurer Bikes. Alles muss rein, manche wechseln jetzt auch gern den Waggon, weil sie doch im jeweils falschen saßen, pardon, standen.

Der nächste Halt wird Solln sein, da solln auch noch einige einsteigen wollen. Erste Frevler versuchen echte Buße zu tun, indem sie in äußerst unbequemer Haltung und mit großem Muskelaufwand die Gesamtfahrzeit von bis zu eineinhalb Stunden geduldig auf einen Hexenschuss hinarbeiten. Andere versuchen nun, aus ihrem Rucksack, es ist dann oft auch gar nicht der ihre, ein Tourenbüchlein herauszunehmen. Um sich abzulenken oder um sich Alternativen zu überlegen, weil man grade festgestellt hat, dass Hunderte dasselbe Wanderziel vor Augen haben.

In den Talorten, in denen die BOB sodann viele Hundert Bergfreunde ausspucken wird, werden laut und mahnend die Glocken läuten. Schuldbewusst werden die vielen Abtrünnigen so schnell es geht in dunklen Bergwäldern verschwinden und erst wenn sie durch die Hölle des Aufstiegsschweisses geläutert hinter einer Radlermass sitzen, dann wird man so manches Gelübde hören: "Nächstes mal fahrn' wir wieder mit dem Auto!"

Text: Clemens Kratzer

Info: Fronleichnam Dieser katholische Feiertag ist dem Sakrament der Eucharistie geweiht. Erfindet an einem Donnerstag statt in Erinnerung an den Gründonnerstag, an dem Jesus seinen Aposteln beim letzten Abendmahl Wein und Brot als sein Blut und sein Fleisch gesegnet hat. Die Bezeichnung leitet sich ab von "vrone licham", was "des Herren Leib" bedeutet. Da in der Karwoche keine Feiern stattfinden, hat man das Kirchenfest auf die zweite Woche nach Pfingsten gelegt. Vielerorts wird der Leib Christi als Hostie in einer Monstranz in einer prunkvollen Prozession den Gläubigen präsentiert.

Bayerische Oberland Bahn (BOB)

ist ein auf Gleisen der Deutschen Bahn verkehrender Schienen-Zubringer, der vom Münchner Sternberger Flügelbahnhof ins Alpenvorland unterwegs ist. Die BOB gehört zur Veolia Verkehr GmbH. Drei Triebwagen fahr4en zusammen bis Holzkirchen, dort wird die Bahn nach Bayrischzell abgekoppelt. Die beiden anderen Triebwagen werden in Schaftlach getrennt, der eine fährt Richtung Tegernsee, der andere nach Lenggries. Auf dem Streckennetz der BOB gilt auch die DB-Bahncard. Service-Telefon: 08024 997171 (24 Std.)