ALPIN hat im Herbst 2010 bei seinen Lesern alte Seile "eingesammelt", um Daten zu erheben, die es bisher nicht gab: Wie wirkt sich die Alterung, nicht der Verschleiß, auf Seile aus? Die Ergebnisse sind erstaunlich.

Ein Haufen "Schrott": Teilweise war es um die gut erhaltenen Seile richtig schade. Foto: Gelder.
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Vor etwa einem Jahr tauchte in der Rubrik "Olaf klärt das schon" die Frage eines Lesers auf, ob er ein etwa 30 Jahre altes, wenig gebrauchtes Seil noch benutzen könne. Olafs Antwort: Wenn das Seil immer halbwegs fachgerecht gelagert worden sei und keine erkennbaren Beschädigungen vorlägen, könne man das Seil für die Halle auf jeden Fall, zum Sportklettern ganz sicher noch verwenden.

Die Antwort hatte einen Aufschrei der Seilhersteller zur Folge: Sie verwiesen darauf, dass es keine Erfahrungswerte, geschweige denn systematische Untersuchungen über die Haltbarkeit von Seilen gebe.

Das erstaunte uns sehr, und wir beschlossen, selbst diese systematischen Tests zu machen. Zwar hatte Pit Schubert zu seiner Zeit als "Sicherheitspapst" beim Alpenverein Untersuchungen zur Alterung von Seilen gemacht, aber darin ging es darum, wie und wodurch Seile altern, und weniger darum, wie viel alte Seile noch halten.

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"Sicherheitspapst" Pit Schubert zu den ALPIN Ergebnissen

Als Partner für die Normtests war Mammut an unserer Seite und stellte seine Prüfanlage zur Verfügung. Im Septemberheft 2010 riefen wir unsere Leser auf, uns alte, aber möglichst ungebrauchte Seile zu schicken.

Die Normtest-Sturzanlage bei Mammut liefert reproduzierbare Ergebnisse. Foto: Gelder.

Ungebraucht deswegen, weil ja ermittelt werden sollte, ob die Festigkeit (technisch korrekt: das Kantenarbeitsvermögen) der Seile durch Alterung nachlässt, unabhängig vom Gebrauch. Wir waren allerdings skeptisch, ob es möglich sein würde, ein paar solcher Seile aufzutreiben. Aber nicht lange! Denn schon am Tag nach dem Aufruf kamen die ersten Leser in die Redaktion und brachten Seile.

Insgesamt war die Resonanz riesig, auch, weil Mammut für jedes der getesteten Seile ein neues spendierte. Unter den fast 100 Seilen aus dem vergangenen Jahrhundert, die wir schließlich zur Auswahl hatten, waren Raritäten wie ein Seil von 1975 - ungebraucht, noch in der Folie! Genau das, was wir gesucht hatten. Die meisten Testmuster waren zwar nicht mehr originalverpackt, aber kaum benutzt.

Den Test nach den Vorgaben der aktuellen Norm absolvierten schließlich 14 Einfachseile. Aus jedem Seil wurden zwei Prüfmuster herausgeschnitten, die dann auf der Sturzanlage von Mammut so oft mit dem Norm-Fallgewicht traktiert wurden, bis das Seil riss. Dabei darf beim ersten Sturz der Fangstoß nicht mehr als 12 kN betragen (heutige Seile "bremsen" mit 9 kN) und die Dehnung bei maximal 40 Prozent liegen.

Das Ergebnis sehen Sie in der Slideshow - alles Werte, die es bisher noch nicht gab. Klicken Sie sich durch!

Die Ergebnisse waren für Insider nicht so überraschend. Sechs der 14 Einfachseile hätten die Norm noch bestanden. Lediglich zwei waren nicht mehr verwendbar und weitere zwei Seile bewegten sich in einem Grenzbereich ( vgl. Kommentar von Pit Schubert ). Mit zehn Seilen könnte man guten Gewissens noch klettern.

Kann ich mit jedem alten Strick noch klettern gehen? Nein, ganz sicher nicht! Denn die Problematik ist doch die: Weiß ich, was mit dem Seil in den letzten 20 oder 30 Jahren geschehen ist? Die Sicherheitsreserven sind auf jeden Fall geringer als bei einem neuen Seil.

Und es kommt natürlich auch darauf an, wo das Seil eingesetzt werden soll. In der Kletterhalle wird man ein Seil nicht so schnell an seine Grenzen bringen. Auch beim normalen Sportklettern wird ein Seil nicht wirklich stark belastet. Wird die Verwendung "etwas alpiner", macht ein Neukauf ganz sicher Sinn!

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