Die erste Besteigung des Mount Everest ohne Flaschensauerstoff durch Reinhold Messner und Peter Habeler vor 40 Jahren war Bestandteil eines Interviews, das wir vor einiger Zeit mit Peter Habeler führten.

ALPIN: Am 8. Mai 1978 kurz nach 13.00 Uhr standest du gemeinsam mit Reinhold Messner als erster Mensch ohne Flaschensauerstoff auf dem Gipfel des Mount Everest. Wie erinnerst du diesen Moment?

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Peter Habeler: Wir umarmten uns, stammelten und heulten und lachten zugleich. Endlich war ich oben, endlich musste ich nicht mehr weiterklettern. Schnell kamen aber auch Sorgen hinzu: Wie kommen wir über den Hillary Step runter, an dem wir uns nicht sichern konnten? Wird das Wetter halten?

ALPIN: Du bist rasch wieder abgestiegen.

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Peter Habeler: Ja, Messner blieb noch ein bisschen oben, um zu filmen, ich wollte so schnell wie möglich wieder in eine sichere Umgebung kommen. Ich hatte das Gefühl, ersticken zu müssen. Es war ja auch sehr nebelig und windig. Ich hatte Angst, dass der Wind unsere Spuren zuwehen könnte, ich vom Weg abkomme und abstürze.

ALPIN: Du bist weite Strecken kontrolliert auf dem Hosenboden abgerutscht, hast aber dabei ein Schneebrett ausgelöst.

Peter Habeler: Ich verlor den Eispickel und verdrehte mir den rechten Knöchel, aber das war alles. Im Zillertal war ich oft so abgefahren, ich wusste genau, was ich tat.

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ALPIN: Bei keiner Expedition hattest du so viel Angst wie bei dieser, hast du in deinem Everest-Buch "Der einsame Sieg" geschrieben.

Peter Habeler: Damals hatte man ja noch keine Erfahrungen damit, ob der Sauerstoffmangel zu langfristigen Hirnschäden führt. Viele Gehirnforscher hatten uns eindringlich gewarnt, dass wir schwere Schäden davontragen würden. Selbst unsere Freunde waren äußerst skeptisch, ob der Everest ohne Flaschensauerstoff machbar sei.

ALPIN: Es hat dann aber doch geklappt.

Peter Habeler: Obwohl wir auch einige Fehler gemacht haben, wir nahmen zum Beispiel im Basislager nachts Valium zur Beruhigung. Was für ein Blödsinn! Ich war einfach nicht so gut drauf, und ich muss dem Reinhold danken, dass er sich immer wieder um mich gekümmert hat und meinte: "Peter, wir machen das, wir schaffen das!" Er war immer da, wenn ich ihn gebraucht habe.

Großer Bahnhof am Flughafen Frankfurt: Reinhold Messner und Peter Habeler am 22.5.1978 auf dem Rückweg von Nepal.

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ALPIN: Hattest du gegenüber deiner Frau und deinem Sohn Schuldgefühle, am Everest dein Leben und das Glück der Familie aufs Spiel zu setzen?

Peter Habeler: Mein Sohn Christian war damals gerade ein paar Monate alt, an ihn und meine Frau habe ich viel gedacht. Natürlich hatte ich auch Schuldgefühle, aber nicht bis zum Exzess. Das hemmt, da kommst du nicht weit. Man muss solche Gefühle wegdrücken.

ALPIN: Am Hidden Peak hast du bereits 1975 mit Reinhold Alpingeschichte geschrieben: Es war die erste Besteigung eines 8000ers im reinen Alpinstil - also ohne Flaschensauerstoff, Hochlager, Fixseile und Hochträger.

Peter Habeler: Obwohl die Nordwestflanke sehr steil ist, sind Reinhold Messner und ich seilfrei gestiegen, zu sichern hätte zu viel Zeit gekostet. So waren wir flink unterwegs, vom Lager 1 auf 6000 Meter an haben wir nur zwei Tage für den Auf- und Abstieg gebraucht.

ALPIN: Wart ihr leichtsinnig?

Peter Habeler: Nein, aber sehr selbstsicher. Reinhold und ich waren sechs, sieben Jahre alt, als wir mit dem Klettern anfingen. Wir haben uns früh angeeignet, was man in den Bergen zum Überleben braucht. Ein Dreißigjähriger kann niemals mehr aufholen, was man als Kind gelernt hat.

ALPIN: Warst du stolz nach dem Hidden Peak?

Peter Habeler: Ich bin eigentlich auf gar nichts stolz. Ich bin froh, dass ich überleben durfte, und das habe ich auch meinen Kameraden und Freunden zu verdanken - nämlich Reinhold Messner, Marcel Rüedi, Michl Dacher, Carlos Buhler und Martin Zabaleta. 

ALPIN: Und du warst kein bisschen stolz über den Hidden Peak?

Peter Habeler: Ich spürte eine gewisse Genugtuung, dass es gelungen war, aber stolz war ich darauf nicht. Ich habe die 8000er auch nicht bezwungen, ich bin kein Eroberer.

ALPIN: Und der Everest? Du und Reinhold, ihr wart die ersten Menschen, die ohne Flaschensauerstoff auf dem Gipfel standen.

Peter Habeler: Es ist lustig, dass wir das geschafft haben. Das ist nett und angenehm, aber ich mache kein Evangelium daraus. 

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ALPIN: Reinhold Messner und du, ihr wart ein extrem starkes und erfolgreiches Team. Doch 1978 kam es nach der Besteigung des Mount Everest zum Zerwürfnis. Was war der Grund dafür?

Peter Habeler: Darauf möchte ich lieber überhaupt nicht mehr eingehen. Ich habe damals sehr schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht.

"Reinhold hat sehr für mich gesorgt."

ALPIN: Wir möchten trotzdem nachfragen: In "Der einsame Sieg" beschreibst du dein Verhältnis zu Reinhold Messner als sehr eng. Dort heißt es beispielsweise: "Wir verstehen uns jenseits aller Worte... Das grenzt fast ans Metaphysische." Und: "Am Berg sind wir wie ein Mann. Wir denken mit einem Kopf und sind buchstäblich unzertrennlich." Und dann der Bruch.

Immer wieder gemeinsam unterwegs: Reinhold Messner (li) und Peter Habeler, hier im Jahr 1988.

Peter Habeler: Ich werde darauf nicht weiter eingehen. Wir haben uns damals einfach getrennt. Der Reinhold hat den Rest der 8000er gemacht, ich bin wieder nach Hause. Ganz wichtig ist, dass wir jetzt wieder harmonieren. Ich kann über den Reinhold nichts Schlechtes sagen. Mehr gibt es darüber nicht zu sagen. Er war der beste Partner, den ich je hatte. Als es mir schlecht ging am Everest oder ich Kopfweh hatte am Hidden Peak, Reinhold hat sehr für mich gesorgt.

ALPIN: 1978 wart ihr in der Vormonsunzeit die einzige Expedition am Everest, heute ist der Berg zum Rummelplatz verkommen.

Peter Habeler: Ja, im Mai ist das Basislager heute eine Zeltstadt. Schön ist das vielleicht nicht, aber dieses arme Land Nepal verdient daran wenigstens etwas Geld.

ALPIN: Nach dem Everest hat es sechs Jahre gedauert, bis du wieder einen 8000er versucht hast.

Peter Habeler: Letztlich musste ich zuhause bleiben, sonst wäre meine Ehe lange vorher auseinandergebrochen. Nach der Heimkehr vom Everest hatte ich meiner Frau versprochen: Ich gehe auf keinen 8000er mehr. Erst 1984 bin ich wieder rückfällig geworden.

ALPIN: Wie ist es dir gelungen, Bergsteigen und Familie unter einen Hut zu bringen?

Peter Habeler: Es musste gehen, und es ist auch irgendwo gegangen. Ich war ja nicht nur Extrem-Bergsteiger, sondern auch Bergführer, ich war sehr, sehr viel unterwegs.

Geehrt: Die Teilnehmer der 78er-Expedition wurden im April 2018 in Nepal für ihre Verdienste ausgezeichnet.

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ALPIN: Und was haben deine Frau und die beiden Jungen gesagt?

Peter Habeler: Regina war immer sehr verständnisvoll, die hat mich immer ziehen lassen. Wie auch meine Mutter schon. Ich war acht Jahre alt, als mein Vater starb, und in diesem Alter hat mich meine Mutter schon in die Berge gelassen. So auch Regina.

ALPIN: In deinem Buch "Das Ziel ist der Gipfel" klingt aber doch an, dass es Probleme gab.

Peter Habeler: Ja, die Ehe ist in die Brüche gegangen. Regina und ich haben das noch lange gekittet, nicht zuletzt für die Kinder, sie waren immer das Wichtigste, was wir hatten. Aber ich war einfach zu viel unterwegs. Der Everest hatte ja auch noch eine Flut von Vorträgen mit sich gebracht. Durch den Everest konnte ich mir dieses Haus leisten, dafür bin ich sehr dankbar, aber unsere Beziehung hat schon sehr gelitten.

ALPIN: Kamen Vorwürfe von den Kinder?

Peter Habeler: Eine Zeit lang war es ein Problem, da meinte gerade der Christian: "Papa, du bist immer nur weg." Wenn die Kinder älter sind, fragst du dich schon: Was denken die, wenn du jetzt wieder zu einer Expedition aufbrichst. Und doch hast du es getan, weil du zu schwach bist, weil das Bergsteigen deine Hauptaktivität ist.

ALPIN: Warst du manchmal zu ehrgeizig?

Peter Habeler: Das kann schon sein, aber Gott sei Dank ist es immer gut ausgegangen.

Hat das Gefühl, einen Schutzengel zu haben: Peter Habeler.

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ALPIN: War ja auch manchmal ziemlich knapp.

Peter Habeler: Ja, der Abstieg vom Cho Oyu im dichten Schneetreiben war ein Kampf ums Überleben. Und der Abstieg vom Kangchendzönga war der schlimmste überhaupt, da hatte es uns oben die Zelte zerfetzt.

ALPIN: Hattest du Angst vor dem Tod?

Peter Habeler: Es klingt vermessen, wenn ich das sage: eigentlich nicht. In kritischen Momenten habe ich immer die Führung an mich gerissen und den Rückzug organisiert.

ALPIN: In deinen Büchern schreibst du, dass du dich in gefahrvollen Situationen beschützt gefühlt hast.

Peter Habeler: Da brauchst du nicht allzu gläubig sein, um das Gefühl zu haben, dass dir jemand hilft, dass ein Schutzengel bei dir ist. Ich bilde mir ein, dass immer jemand da ist, der mir hilft. 

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