Die Winterbesteigung des Nanga Parbat durch die Französin Elisabeth Revol und den Polen Tomek Mackiewicz endete in einer Tragödie. Hätte ein früheres Umkehren das Unglück verhindern können?

Als Elisabeth Revol am 25. Januar gegen 18 Uhr den Gipfel des Nanga Parbat (8125 m) erreicht, hat sie Historisches geschafft: Noch nie war es einer Frau gelungen, den neunthöchsten Berg der Erde im Winter zu besteigen. Der Erfolg war teuer erkauft. Ihr Partner Tomek Mackiewicz, der sich mit der geglückten Besteigung einen Lebenstraum erfüllt hatte, klagte zu diesem Zeitpunkt bereits über massive Sehstörungen: 

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Während des Aufstiegs hatte er keine Skibrille getragen und sich eine schwere Augenentzündung zugezogen, die es ihm unmöglich machte, sich am Berg selbstständig fortzubewegen; dazu klagte der 43-jährige Pole über Erfrierungen und Atembeschwerden. Auch Revol litt unter Erfrierungen, war aber noch handlungsfähig.

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Quälend langsam stieg sie mit Mackiewicz, der sich die ganze Zeit über an ihrer Schulter festhalten musste, in Richtung des letzten Hochlagers ab. Zusammen schafften sie es bis auf rund 7200 Meter, dann mussten sie Zuflucht in einer Gletscherspalte suchen. Am nächsten Morgen hatte sich der Zustand von Mackiewicz verschlechtert: Der Pole kämpfte zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Tod.

Erst jetzt entschloss sich Revol dazu, einen Notruf abzusetzen. "Sie sagten mir: Wenn du bis auf 6000 Meter absteigst, können wir dich aufsammeln und uns dann um Tomek auf 7200 Metern kümmern. Das ist keine Entscheidung, die ich selbst getroffen habe, sie wurde mir von der Pakistanischen Rettungsorganisation vorgeschrieben", so die 37-Jährige. 

Revol machte sich sofort an den weiteren Abstieg. Sie schaffte es aufgrund der schlechten Wetterlage nur bis auf 6800 Meter, wo sie die Nacht erneut in einer Gletscherspalte verbrachte. Schließlich erreicht sie den Lagerplatz auf der Kinshofer-Route, an dem wenig später auch Denis Urubko und Adam Bielecki eintrafen. Die beiden waren der Französin in Rekordzeit entgegengestiegen. Die Nacht verbrachten Revol und ihre Retter in einem Zelt. 

Aufmacherseite der neuen Rubrik "Kontrovers" in ALPIN 05/2018. Hier findet Ihr auch ein Interview mit Elisabeth Revol.

| © www.alpin.de

Am nächsten Morgen entschieden sich Urubko und Bielecki dazu, sich vollends darauf zu konzentrieren, Revol schnell vom Berg zu bekommen. "In diesem Moment mussten wir eine Entscheidung treffen: entweder Elisabeth helfen zu überleben oder weitermachen, mit der äußerst geringen Hoffnung, Tomek zu finden", so Denis Urubko.

Auf 4800 Metern konnte Revol schließlich von einem Hubschrauber aufgenommen und anschließend ausgeflogen werden; die Rettungsaktion für ihren Partner wurde nicht wieder aufgenommen. Tomek Mackiewicz, der eine Frau und drei Kinder hinterlässt, bleibt am Berg.

Umdrehen am Berg: Das Ergebnis unserer Umfrage!

Hätten die beiden Extrembergsteiger frühzeitig umkehren müssen? Oder sind die zwei Höhenbergsteiger für ihr Handeln nicht zu verurteilen? Konkret haben wir gefragt: Wie wichtig können und dürfen Gipfel und Erfolg im Angesicht des Todes eines oder mehrerer Expeditionsmitglieder sein?

Das Ergebnis der Abstimmung ist ziemlich eindeutig ausgefallen. Knapp 3/4 der Teilnehmer unserer Umfrage konnten den Satz unterschreiben, dass Rücksicht und Mitverantwortung zentrale Werte des Bergsports sind, die auch für Höhenbergsteiger zu gelten haben.

Etwas über 22% sind jedoch der Meinung, dass jeder, der im Winter einen Achttausender besteigt, den (eigenen und fremden) Tod in Kauf nimmt.

Zu dem Thema wurden viele Kommentare abgegeben, die Ihr ungekürzt unter dem Artikel findet. Hier eine redigierte Auswahl:

Stefan: Umdrehen am Berg ist keine Schande, den Bergtod finden ist für die Hinterbliebenen eine Tragödie. Persönlich möchte ich noch oft Bergsteigen, und da nehme ich hin und wieder auch Umdrehen in Kauf, und das auch hier in den Dolomiten, wo ich daheim bin...da brauchen es nicht einmal 8000er zu sein!

Felix: Ich bin der Überzeugung, man kann sich als Außenstehender sehr schlecht in die Situation der betroffenen hineinversetzen. Die Bergsteiger haben eventuell eine verzerrte Wahrnehmung der Gefahr: durch den Willen/Lebenstraum den Gipfel zu erreichen, das Adrenalin, die Hoffnung durchzukommen, wenn man nochmal alles gibt. Viele Faktoren führen zu Entscheidungen, die man bzw. die Betroffenen rational betrachtet wahrscheinlich anders gefällt hätten. Es sind schließlich auch nur Menschen, die auch für Ihre Verhältnisse und mit ihrer Erfahrung in einer Ausnahmesituation stecken. Das macht es natürlich nicht weniger tragisch, aber etwas verständlicher. Ich wünsche mir mehr Empathie für die Verunglückten!

Christian: Bei einer größeren, organisierten Expeditionsgruppe sähe das je nach Situation eventuell anders aus. Aber als Zweierseilschaft im professionellen Höhenbergsteigen bin ich ohne Wenn und Aber mit allen Risiken für mich allein verantwortlich.

Sven: Was die Extremen machen ist mir schnuppe. Ja, sie wissen, das sie für Ihren 'Job' ihr Leben riskieren. Doch für mich, und so war meine Antwort, zählt in den Bergen das Erlebnis: meiner körperlichen und mentalen Grenzen, das Miteinander und die Natur. Und dazu gehört dann eben auch Verantwortung und Rücksicht für die Partner.

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23 Kommentare

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Martin Will

Ich musste bisher zweimal am Berg umkehren: Einmal standen wir auf 4200 m in dichtem Nebel, Schneetreiben und Starkwind.Totales Whiteout, Sicht gleich null. Keine Chance auf den Dom. Ein andermal 400 m vor dem Gipfel auf dem ausgesetzten Spallagrat am Piz Bernina. Der Pickel begann zu surren, die Nackenhaare sträubten sich (das kannte ich bisher nur vom Hörensagen) und plötlich ein Riesenknall. Der Blitz hatte 100 m neben uns in den Grat eingeschlagen und das Wetter änderte sich in wenigen Minuten zum Schneesturm. Sofortiger Abstieg.

Tanja

Wenn ich am Berg bin, zählt für mich das Erlebnis an sich, die Gefühlslagen die ich durchlebe, die Menschen mit denen ich das teile, das Aufsaugen der Umgebungin der ich mich befinde! Ich liebe es mich in die Arme von Mutter Natur zu begeben, dennoch muss ich dafür nicht mit aller Gewalt den Gipfel erreichen u vertraue meinem Bauchgefühl wenn es mir sagt, es ist Zeit zu gehen!

Stefan

Umdrehen am Berg ist keine Schande, den Bergtod finden ist für die Hinterbliebenen eine Tragödie... Persönlich möchte ich noch oft bergsteigen und da nehme ich hin und wieder auch umdrehen in kauf und das auch hier in den Dolomiten wo ich daheim bin... da brauchen es nicht einmal 8000er zu sein!

Johannes

Das umdrehen am berg so schmerzhaft wie es oft ist gehört einfach dazu jeder bekannte bergsteiger hat in seiner karierre schon öfters umgedreht um eventuell schlimmeres zu verhindern.

Felix

Ich bin der Überzeugung, man kann sich als außenstehender sehr schlecht in die Situation der betroffenen hineinversetzen. Die Bergsteiger haben eventuell eine verzerrte Wahrnehmung der Gefahr: durch den Willen/Lebenstraum den Gipfel zu erreichen, das Adrenalin, die Hoffnung durchzukommen, wenn man nochmal alles gibt. Viele Faktoren führen zu Entscheidungen, die man bzw. die Betroffenen rational betrachtet wahrscheinlich anders gefällt hätten. Es sind schließlich auch nur Menschen, die auch für Ihre Verhältnisse und mit ihrer Erfahrung in einer Ausnahmesituation stecken. Das macht es natürlich nicht weniger tragisch, aber etwas verständlicher. Ich wünsche mir mehr Empathie für die Verunglückten!

Veronika

Natürlich zählt der Gipfel - aber nicht um jeden Preis. Die Grenze liegt für mich dort, wo ich mich oder andere schädige - kein Gipfel der Welt ist Gesundheit oder gar Leben wert. Wir brauchen Verantwortung und eine vernünftige Risikoabschätzung auf den Bergen, keine selbstverliebten Egomanen und noch weniger die Gelegenheitsmöchtegernberggeher - die andere in Gefahr bringen.

Christina Priewe

Klar muss jeder selber wissen was er tut, allerdings geht die Sicherheit immer vor. Es hat keinen Wert das Leben zu lassen.

Andreas

Eigentlich müsste das selbstverständlich sein.

Kristina

Ich denke, dass diese Umfrage schwierig ist, da nur Hochleistungssportler hier tatsächlich wissen, worüber hier diskutiert wird. Mit reinem Menschenverstand ist immer gegenseitige Rücksichtnahme und das Leben aller beteiligten Menschen das Wichtigste. Ich glaube aber auch, dass die endgültige Entscheidung für oder gegen etwas in Extremsituationen anders ausfallen können. Ich denke auch, dass dies die meisten wissen, nur im Fall des Unglücks nicht mehr ändern können.

User über Umfrage-Tool

Meiner Meinung steht das gemeinsame Erlebnis einer Tour im Vordergrund. Dies bedeutet, dass alle Teilnehmer gesund wieder vom Berg zurückkommen. Zwar ist eine gewisse Risikobereitschaft bei bestimmten Bergsportdisziplinen notwendig, allerdings kann man dieses Risiko minimieren. Revol hätte bei Beginn der Sehstörung aus Rücksicht zu ihrem Kameraden die Tour abbrechen müssen, da sie wusste, dass die Symptomatik nicht besser wird. Wie weit Mackiewicz dazu beigetragen hat die Tour fortzuführen, bleibt wohl ein Geheimnis.

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