Man sieht es ihm nicht an, aber Peter Habeler wird am 22. Juli tatsächlich ein Dreivierteljahrhundert alt. Tom Dauer sprach mit dem lebenslustigen, gertenschlanken und immer noch behänden Jubilar über Utopien – die der Zillertaler zu wirklichen Abenteuern machte.

Sind Sie ein zielstrebiger Mensch, Herr Habeler?

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Was ich mir in den Kopf setze, will ich unbedingt. Zum Beispiel wollte ich Bergführer werden, seit ich acht Jahre alt war. Die Bergführer sind in Mayrhofen auf ihrem Weg zum Postbus immer an meinem Elternhaus vorbeigegangen, mit Eispickeln, Seilen und dem Emblem auf der Brust. Das hat mir gefallen. Mit Anfang 20 hatte ich es geschafft, als einer der jüngsten in Österreich.

Peter Habeler bei der Lektüre unserer Ausgabe mit seiner Heimatregion als Titelthema.

| © Tom Dauer

Dazu braucht man einen gewissen Ehrgeiz.

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Ich war schon immer ehrgeizig, und kann auch stur sein. Aber ich freue mich auch sehr für andere, klopfe Menschen gerne auf die Schulter, wenn sie etwas erreicht haben. Ich bin keiner, der über seine Ziele Freundschaften vergisst, dazu bin ich zu gerne in Gesellschaft. Nur bei "Wapplern" (Aufschneider, Anm. d. Red.) werde ich zornig.

War Ihnen das Bergsteigen in die Wiege gelegt?

Nein, meine Eltern waren keine Bergsteiger, und meine Mutter wollte nicht, dass ich Bergführer werde. Also ging ich erst einmal auf die Glasfachschule in Kramsach. Von wo aus wir, so oft es ging, ins Rofangebirge geradelt sind. Dort kletterte ich auf den Spuren meiner Vorbilder, Hias Rebitsch und Hermann Buhl. Als im Rofan alles abgegrast war, ging es in den Wilden Kaiser.

Dreamteam: Mit Reinhold Messner gelingen Peter Habeler spektakuläre Erfolge, wie etwa die Durchsteigung der Eiger-Nordwand in neuer Rekordzeit (1974) oder die Begehung des Gasherbrum I im Alpinstil (1975).

| © Picture Alliance

Das klingt nach einem klassischen alpinen Werdegang.

Das Rofan, der Wilde Kaiser, das Karwendel, der Granit in den Zillertaler Alpen – diese Vielseitigkeit war eine gute Grundlage für die Westalpen und später die hohen Berge.

Waren Sie ein Draufgänger?

Nein, ich war eher vorsichtig. Ich wusste immer genau, was ich kann und mir zutraue. Im Kaiser habe ich viel alleine gemacht, tolle Abenteuer: Fleischbank-Südostverschneidung, Schmuck-Kamin, Rebitsch-Risse am Fleischbankpfeiler, Karlspitz-Pfeiler, Lucke–Strobl am Bauernpredigtstuhl. Aber immer selbst gesichert! Ich hätte mich nie getraut, im VIer-Gelände free solo zu klettern.

Trotzdem hatten Sie im Kaiser aufmerksame Schutzengel…

Oh ja, in der Buhl-Führe an der Maukspitze-Westwand, in der letzten schwierigen Seillänge. Sechs oder sieben Meter über dem Standgreife ich einen Henkel, und der bricht aus. Dann dreht es mich raus und ich stürze 40 Meter ab. Wusch! Und nichts passiert. Meine Partnerin, Tiziana Weiss, hatte den Sturz nicht halten können. Ich bin wieder raufgeklettert und kam oberhalb des Stands zurück in die Buhl-Führe. Das Seil hing die ganze Zeit durch, weil Tiziana nicht wusste, dass ich klettere. Als ich wieder auftauchte, glaubte sie, das sei ein Geist. Sie dachte, ich sei tot. War ich aber nicht. Eine Woche später brach ich mit Reinhold Messner zum Gasherbrum I auf.

Das war 1975, und zu jener Zeit hatten Sie in den Alpen die schwierigsten Routen wiederholt und weltweit Erfahrungen gesammelt. Nun wollten Sie mit Reinhold Messner Neues wagen: die erste Besteigung eines 8000ers im Alpinstil, schnell, ohne Höhenträger, ohne Flaschensauerstoff, ohne Fixseile, in einem kleinen Team. Wie kam es zu dieser radikalen Idee?

Mir war damals gar nicht so bewusst, dass wir etwas Neues machen würden. Wir waren ja so viel unterwegs, dass wir das Gefühl hatten, wir können alles schaffen. Jede erfolgreiche Besteigung baut dich auf, du wirst selbstsicher. Du schreckst nicht vor neuen Herausforderungen zurück. Außerdem hatten wir Vorbilder. Männer wie Heckmair, Rebitsch, Buhl, Bonatti, Desmaison, Brown, Scott…Deren Stil wollten wir adaptieren, schnell, elegant, ohne viel Drumrumgewutzel. Zu guter Letzt gab es einen pragmatischen Grund: Eine Kleinstexpedition war leichter zu finanzieren! Wir hatten nur 200 Kilo Gepäck, die ins Basislager transportiert werden mussten.

Historisch: Peter Habeler im Aufstieg zum

Südgipfel des Mount Everest (1978).

Sie haben das Höhenbergsteigen stark beeinflusst. Was ist nötig,um aus einer Utopie, einer Idee, deren Verwirklichung unmöglich zu sein scheint, Wirklichkeit werden zu lassen?

In erster Linie gute Freunde. Ohne Partner, mit denen du gerne unterwegs bist, geht gar nichts. Aber gute Leute um dich sind 80 Prozent des Erfolgs. Leute, mit denen du dich verstehst, die nicht nur quatschen, die etwas können. Kameradschaft ist ja ein altmodischer Begriff, aber mir ist sie enorm wichtig. Ich hatte das Glück, immer die besten Partner für meine Unternehmungen zu finden.

Wer war das?

1970 durfte ich am El Capitan mit Doug Scott klettern, der zu einem der besten Höhenbergsteiger überhaupt wurde. 1985 am Nanga Parbat war ich mit Michl Dacher unterwegs, ein bescheidener, aber unglaublich starker Mann, eine Legende. Mein Freund Marcel Rüedi begleitete mich 1986 am Cho Oyu, ein absoluter Überflieger. Zwei Jahre später waren es Carlos Buhler und Martin Zabaleta am Kangchendzönga. Ich habe alle meine Partner sehr gerne gehabt.

Vielleicht der wichtigste war Reinhold Messner, oder?

Zu Reinhold hatte ich sehr großes Vertrauen, wir verstanden uns wortlos. Unsere vielen Touren haben uns zusammengeschweißt. So einen verlässlichen Seilpartner zu haben, ist ein großes Glück.

Wer von Ihnen hatte die kühne Idee, den Mount Everest 1978 ohne Flaschensauerstoff zu besteigen?

In der internationalen Szene der 1970er-Jahre stand dieses Ziel auf der Agenda. Ich glaube, dass viele Höhenbergsteiger gerne einen Versuch unternommen hätten. Auch in meinem Schädel hatte sich dieses Ziel festgesetzt. Es geht ja alles mit einer Idee los.

Der 8. Mai 1978: Sie und Reinhold Messner als Erste auf dem Everest ohne Flaschensauerstoff. Ihr Karriere-Höhepunkt?

Der Mount Everest war der höchste, aber nicht der Höhepunkt in meinem Bergsteigerleben. Natürlich tat mir die Anerkennung gut. Insofern hat der Everest meine Lebensplanung positiv über den Haufen geworfen. Ich konnte viele Vorträge halten, und dank der Honorare mein Haus bauen. Aber deshalb hat mein Bergsteigerleben ja nicht aufgehört, im Gegenteil, es wurde noch intensiver.

Zwei Größen gemeinsam: Peter Habeler und David Lama 2017 am Eiger.

| © Mammut

Dass Sie fit sind, nicht nur für einen 75-Jährigen, konnte man im April dieses Jahres beobachten – da kletterten Sie auf der Heckmair-Route durch die Eiger-Nordwand.

Ja, mit dem David Lama. Wir waren nicht ganz so schnell wie 1974, als ich mit Reinhold Messner in zehn Stunden durch die Wand stieg. Aber die Eiger-Nordwand mit diesem jungen, tollen Kletterer – der bei mir mit fünf Jahren einen Kinderkletterkurs gemacht hat –, das war ein Erlebnis! Wir hatten winterliche Verhältnisse, sehr viel Schnee und Eis, mit Glasur überzogene Felsen. Aber der David hat das spielerisch gelöst. Ich lerne ja bei jeder Tour dazu – vom David habe ich mir abgeschaut, wie man mit den Eisgeräten und Steigeisen schnell im Fels klettert. Das hat mir imponiert. Bärig war das!

Die Ziele gehen Ihnen also nicht aus?

Ganz sicher nicht, es gibt noch so viel zu tun und zu sehen. Im vergangenen Sommer bin ich die Buhl-Führe an der Maukspitze noch einmal gegangen, fast ein halbes Jahrhundert nach meinem 40-Meter-Sturz. Ich wollte wissen, wo ich damals gestürzt bin. Begleitet hat mich Horst Fankhauser, der ist ein Jahr jünger als ich. Eine schöne Seniorenseilschaft ist das – und ich hoffe, dass wir nochviel unternehmen können.

Das komplette Interview findet Ihr in ALPIN 07/2017. Darin verrät der Jubilar, wie er sich auf den Everest vorbereitet hat, ob er vor der Besteigung Angst hatte und wie es für ihn nach dem historischen Gipfelgang weiter ging.

Wir gratulieren Peter Habeler herzlich zu seinem runden Geburtstag. Mach noch lange die Berge "unsicher", Peter!

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