Ein gemütlicher Typ, außer er rennt gerade in eindreiviertel Stunden auf das Matterhorn: Speedbergsteiger Dani Arnold im Gespräch über die Erholung beim Fischen, Aktien und Eisschraubenmangel.

Bist du eher der gemütliche Typ oder pressiert es dir immer?

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Dani Arnold: Definitiv der gemütliche! Gerade im Alltag versuche ich, genügend Zeit einzuplanen, damit es nicht stressig wird. Das ist sogar eher noch extremer geworden, seit ich das Speedzeugs mache. Es heißt immer, ich genieße die Berge gar nicht – dabei setze ich mich, wenn ich privat unterwegs bin, erst recht in die Sonne, esse etwas und genieße dabei den Ausblick.

Es gibt also einen Dani Arnold im Geschwindigkeitsmodus und einen in Slow Motion?

Dani Arnold: Das trifft es ganz gut. Wenn ich am Berg führe, dann sind das meistens Leute, die ich schon sehr lange kenne. Mit denen bin ich sehr gemütlich unterwegs. Wenn ich dann den Schalter umlege, etwa weil das Wetter umschlägt oder wir spät dran sind, dann merken die: „Oh, jetzt wird es ernst!“ Auch meine Stimme ändert sich dann. Damit ist klar, jetzt muss es zack zack gehen.

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Was sind denn Dinge, die du ganz bewusst langsam und entschleunigt machst?

Kann es auch mal ruhig angehen lassen.

| © Morar

Dani Arnold: Es gibt schon Dinge, die ich langsam mache. Ich gehe zum Beispiel gerne Fischen. Und es gibt so Tage, da komme ich an einen Bergsee, mache gemütlich das Angelzeug fertig, setzte mich hin – und dann schlafe ich relativ bald ein. Fange halt dafür dann auch nichts – aber da ist der Erfolg nebensächlich.

Und beim Skifahren?

Dani Arnold: Da bin ich eher zügig unterwegs. Ich war ja lange Zeit professioneller Snowboarder.

Wie kam das Karriereende?

Dani Arnold: Ich bin ungefähr zehn Jahre lang Wettkämpfe gefahren, die letzten anderthalb Jahre davon im Nationalkader für Boardercross. Als es dann um die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Turin ging, war ich an dritter Stelle – die Schweiz hatte aber nur zwei Startplätze. Das war für mich ein guter Zeitpunkt aufzuhören und mich aufs Bergsteigen zu konzentrieren.

Dani Arnold

  • Mein voller Name lautet … Dani Arnold.

  • Geboren wurde ich … am 22.02.1984 in Uri, Schweiz.

  • Gelernt habe ich … Maschinen-Mechaniker.

  • Ich wohne in … Bürglen/Uri.

  • Mit mir wohnt … meine Frau Denise.

  • Facebook-Fans habe ich … Ich habe kein Facebook…

  • Mich unterstützen … Mammut, Victorinox.

  • Meine Website lautet … daniarnold.ch

  • Meine wichtigsten Erfolge:

  • "Anubis", erste Wiederholung, Ben Nevis, 200 m, Schottland, Mixed-Clean-Route, XII/12

  • "Bird of Pray", Mooses Tooth, Alaska, 1500 m, 6a, M7 , 90°, A2

  • Eiger-Speedrekord, 2 Std. 28 Min., Heckmair-Route

In vielen Alltagsbereichen denkt man ja: Langsam ist sicher, sicher ist aber auch langsam…

Dani Arnold: Wir Speedbergsteiger müssen schon ehrlich sein: Die Grundaussage, je schneller wir unterwegs sind, desto sicherer – dem kann ich eigentlich nicht ganz zustimmen. Das ist halt ein Vorwand, um unser Tun zu rechtfertigen. Aber eine gewisse Grundgeschwindigkeit muss ein Bergsteiger schon haben. Wenn man zu langsam ist, ist es definitiv gefährlich.

Deinen letzten Geschwindigkeits-Rekord hast du ja am Matterhorn gemacht: eine Stunde und 46 Minuten durch die Nordwand. Wie lange darf der Normalbergsteiger bis zur Solvayhütte brauchen?

Am Berg auch mal kehrt zu machen, musste Dani lernen.

| © Morar

Dani Arnold: Dazu bin ich zu wenig in Zermatt. Aber wer länger als fünf Stunden über den Hörnligrat braucht, der ist vielleicht dann doch nicht gut genug vorbereitet für die Tour. Eine gesunde Selbsteinschätzung ist in den Bergen mit das Allerwichtigste.

Hast du für dich immer einen Umkehrzeitpunkt?

Dani Arnold: In der Planung schon. In der Umsetzung kann es aber sein, dass ich dann ein wenig spiele – zum Beispiel bei sehr stabilem Wetter. Ich habe sehr großen Respekt vor Leuten, die entsprechend ihrer Planung umkehren, selbst wenn man sagen würde, es wäre vielleicht noch gegangen. Wer so drauf ist, dem muss man einfach gratulieren.

Wann bist du das letzte Mal umgekehrt, weil du es dir in der Planung so vorgenommen hattest?

Dani Arnold: Mitte November hatte ich ein Projekt in der Matterhorn-Nordwand. Es gab einen Südstau, über den Hauptkamm kam mehr Schnee als erwartet. Wir sind so drei, vier Stunden geklettert, bis es wirklich schwer wurde. Und weil wir so langsam vorangekommen sind, sind wir dort umgedreht. Also letztlich eine Kombination aus den Verhältnissen und der Zeit, die uns dazu gedrängt hat.

Was genau braucht man, um als Bergsteiger schnell zu sein?

Dani Arnold: Natürlich muss man auch fit sein, aber das spielt gar nicht so eine entscheidende Rolle. Wenn ich irgendwohin komme und entscheide, die Steigeisen anzuziehen, das Seil nach vorne zu nehmen und noch kurz etwas zu essen – dann bin ich innerhalb von zwei Minuten fertig. Und wenn ich dann zu meinem Seilpartner schaue, der manchmal weder den Gurt an hat noch die Steigeisen parat, sondern sich erstmal in den Schnee setzt und anfängt herumzufummeln – da geht einfach wahnsinnig viel Zeit verloren. Oder wenn ich entscheide, jemanden in die Sicherung zu nehmen, dann geht das innerhalb von drei Sekunden. Wenn da aber jemand 30 Sekunden oder noch länger herumtut – das kostet wertvolle Zeit.

Man muss also nicht unbedingt schnell klettern, um schnell zu klettern?

Dani Arnold: Wenn das Handling und die Taktik stimmen, dann ist man schneller auf dem Gipfel – auch wenn man langsam klettert – als wenn das einfach alles nicht stimmt und man nur superschnell steigt.

Wann wirst du ungeduldig?

Dani Arnold: Wenn mich Gäste zum Beispiel für die Eiger-Nordwand anfragen, muss schon ein gewisses Grundtempo vorhanden sein, sonst kommen wir ja gar nicht durch. Und wenn mir alles über zwei, drei Stunden hinweg zu langsam geht, dann kommt schon mal der Punkt, an dem ich kompromisslos die Führung in die Hände nehme. Aber wenn man persönlich weiterkommen will, braucht man eben auch ehrliche Kritik und kann nicht immer nur gesagt bekommen: "Toll, du machst das super!"

Thema Sicherheit: Auf einer Skala von 1 – 10, von Schisser bis wagemutig, wo stehst du da?

Dani Arnold: Wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Das hängt wohl sehr stark davon ab, was ich gerade mache. Wenn ich zum Beispiel mit einem Gast in Chamonix bin und dann werden plötzlich die Verhältnisse schwieriger, kommt es schon vor, dass ich umdrehe und mich frage: „Wie kann es sein, dass Dani Arnold, der ansonsten alles auf Tempo und ohne Seil macht, umdreht?“ Wenn mir dann Bergsteigerkollegen entgegenkommen, die viele andere Sachen nicht schaffen, die ich so mache, dann muss man das erst mal lernen, damit umzugehen. Aber mittlerweile ist es o. k. für mich. Wahrscheinlich gibt mir das sogar zusätzliche Glaubwürdigkeit.

In welchen Bereichen bist du vorsichtig oder ängstlich?

Dani Arnold: Beim Bergsteigen wohl eher nicht so. Aber im Sommer waren wir in Pakistan – und weil wir mit unseren Zelten zu nahe an den Séracs waren, wären wir fast erschlagen worden. Das wird mir bis ans Lebensende nie wieder passieren.

Hast du eine Hausratversicherung?

Dani Arnold: Schweizer haben praktisch alle eine Hausratversicherung.

Im April 2015 durchsteigt Dani die Matterhorn-Nordwand in der neuen Rekordzeit von 1 Stunde und 46 Minuten.

| © visualimpact.ch / Gisi

Hast du eine Lebensversicherung?

Dani Arnold: Nein. Bei uns in der Schweiz gibt es die sogenannte dritte Säule, das heißt, dass ich aktiv Geld in eine Kasse einzahle. Ich stecke praktisch fast das Maximum rein. Ich mag die Gewissheit, dass da noch was vorhanden ist. Ich bin nicht derjenige, der gleich alles verprasst.

Hast du Aktien?

Dani Arnold: Ganz wenige. Das ist mir zu unsicher, zu riskant. Ich bin da nicht so risikofreudig.

Wann bringt Tempo Sicherheit und wann bringt es Gefahr?

Dani Arnold: Eigentlich ist es ziemlich einfach: Wenn du weniger Sicherheitstechnik, weniger Material mitnimmst, um schneller zu sein – dann wird es problematisch. Wenn du eben keinen Schlafsack mehr dabei hast, leichtere Schuhe trägst, ein kürzeres Seil nimmst, keinen Kocher – dann wechselt das Ganze mehr in Richtung Gefahr.

Ist dir das schon mal passiert, dass du merktest: Jetzt hatte ich zu wenig dabei?

Dani Arnold: Das kommt vor. Ich nehme meistens nur vier oder fünf Eisschrauben mit, wenn ich führe. Aber zwei brauche ich ja schon für den Stand und zwei oben – und dann kann es eben vorkommen, dass es auch bei schlechterem Eis auf 60 Meter nur eine Sicherung gibt. Dann sage ich mir wieder: Hey, Arnold, das nächste Mal nimmst du aber wieder mehr mit! Dann nehme ich das nächste Mal wieder mehr mit, habe dann das Gefühl, dass ich zu viel im Rucksack habe, schraube wieder runter – und so geht das immer in einer Art Zyklus.

Was denkst du, in welche Richtung entwickelt sich das Speedbergsteigen?

Dani Arnold: Ich denke, dass der Stellenwert abnehmen wird und es ein wenig zurückgeht. Es wird immer ein paar gute Leute geben, die schwierige Sachen sehr schnell machen. Aber der seriöse Alpinismus wird die Überhand behalten. Ich muss das den Leuten immer wieder erklären, dass die Eiger-Nordwand für mich eher leicht ist, umso mehr macht es mich wirklich glücklich, wenn ich mal wieder etwas richtig Schweres geschafft habe. Und die Leistung wird eben oft in Zeit gemessen.

Für einen Berg so und so viele Stunden und Minuten gebraucht zu haben ist leichter zu vermitteln, als zu erklären, dass eine Tour aus diesen und jenen Gründen so und so schwer ist. Ich gehe 100 Tage in die Berge, und 95 Mal bin ich langsam unterwegs. Da macht es schon Mega-Spaß, ein paar Mal im Jahr so zu explodieren, dass die schweren Stellen einfach nur vorbeifliegen. Meine Zukunft liegt aber eher beim schweren Klettern als bei den Speedgeschichten.

Privat mag es Dani Arnold gerne langsam und ohne Stress.

| © Morar

Wirst du noch schneller?

Dani Arnold: Ich bin schon schneller als noch vor drei, vier Jahren. Aber das hängt auch immer von den Verhältnissen ab. Ich habe wenige Benchmarks, ich stoppe ganz selten meine Zeiten, es läuft eigentlich eher übers Gefühl als über die tatsächliche Zeit.

Wieso?

Dani Arnold: Wenn man volle Transparenz über die eigene Leistung hat, ist es schwierig, wenn es mal runter geht. Da bescheiße ich mich lieber selbst. Und wenn ich dann mal objektiv langsamer werde in ein paar Jahren, dann ist es halt so.

Text von Christian Thiele

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