An einem Morgen am Ende des Sommers. Die Tage sind noch warm im Lechtal, nur vereinzelt zeigen sich gelbe Blätter auf den Bäumen. Zum Ende der Ferien soll die „Himmelsleiter“ ihre erste Alpentour werden. Sophie ist neun und hat mit Begeisterung leichtere Routen in Klettergärten begangen, sogar einige im Vorstieg.

Bei so viel Abwechslung fällt der Hüttenanstieg leicht.
Bei so viel Abwechslung fällt der Hüttenanstieg leicht.

Ihre anfängliche Höhenangst ist der Freude am Herumpendeln gewichen, auch Weberknechte schrecken sie nicht, es sind ja keine richtigen Spinnen.

Nur das Wandern ist für sie langweilig, was sie mit den meisten Kindern gemein hat. Da bin ich gefordert, um mit Motivation, Geschichtenerzählen, Belohnungen, Pausenleckereien, Unterhaltung und Geduld den Weg zur Hütte zu ebnen.

Schließlich sind es laut Wegweiser in Elbigenalp 3,5 Stunden bis zur Hermann-von-Barth-Hütte. Ein Klacks für die Bergläufer, die von der Talstation der Materialseilbahn in weniger als 30 Minuten hinaufhecheln. Wir werden uns mehr Zeit lassen und auf jeden Fall den ganzen Tag nutzen.

Auf dem breiten Forstweg wandern wir gemächlich höher. Sophie hat sich auf eine längere Tour eingestellt. Nur die Wanderschuhe drücken, ich gebe ihr Trekking-Sandalen. Nach der Talstation der Materialseilbahn, mit der die Hermann-von-Barth-Hütte versorgt wird, geht es steil bergauf.

Stellenweise ist der Weg in die senkrechte Felswand gesprengt, einige spannende Passagen. Der Blick in die Tiefe vom sicheren Absatz hinunter erzeugt ein leichtes, wohliges Nervenkitzeln.

Wo der Weg den Bach kreuzt, beim hohen Wasserfall, machen wir Rast. Im kalten Wasser herumzuplanschen ist ganz nach Sophies Geschmack. Keine Kühe weit und breit, man kann das Wasser trinken. Und mit frischem Nass den Durst löschen zu können, gefällt ihr ausgesprochen gut.

Der letzte Abschnitt zur Hütte, lang und steil, erfordert Geduld und Ausdauer. Wir spielen "Vogelstimmenerkennen". Sophie zwitschert etwas, und ich muss raten - der Schwarzfedrige Sturmblättersegler!

"Richtig, du kennst dich gut aus. Er ist sehr selten, fast ausgestorben und kommt nur noch in der Antarktis vor", bestätigt sie. Als wir fast die Hermannvon- Barth-Hütte erreicht haben, fällt mir kein Vogelname mehr ein.

Früher Nachmittag und mein Plan war, am nächsten Tag über die Himmelsleiter auf die Wolfebnerspitze zu klettern. Ich zeige Sophie die steile Kante rechts neben der plattigen Südwand – und sie hat noch Energie für den Aufstieg.

Vom schottrigen Normalweg, der zum Einstieg führt, zweigt links steil eine Rinne Richtung Joch ab. Wir binden uns ein und ich klettere direkt über die Felsen hinauf. Beim Nachsteigen löst das Seil ein paar Steinchen, die ihr einen ersten Eindruck vom Ernst des Bergsteigens geben.

Etwas skeptisch nimmt Sophie den Einstieg ins Auge.
Etwas skeptisch nimmt Sophie den Einstieg ins Auge.

So ganz geheuer ist Sophie das nicht, als wir am Anfang der Kante stehen. Ein frischer Wind weht, sie friert und der Bohrhaken scheint ihr nicht wirklich fest zu sein.

"Der hält einen Elefanten", versichere ich. Ihre Skepsis weicht nicht, aber der Vater wird es hoffentlich wissen. Ich erkläre ihr noch, dass es am Grat keinen Steinschlag gäbe und sie schon viel schwerere Routen hochgestiegen sei. Vorerst ohne Erfolg ...

Die erste Seillänge im dritten Schwierigkeitsgrad bietet herrliche Blicke in die plattige Südwand. Sophie steigt munter nach, kann sich aber nicht für schwindelnde Tiefblicke begeistern.

Auch an der Festigkeit der Standhaken zweifelt sie weiterhin, was gut an ihrem Gesicht abzulesen ist. So geht es Seillänge um Seillänge hinauf, schöner Fels, nur ganz langsam weicht die Furcht der Freude am Erlebten. Ich kann sie allerdings nicht dazu bewegen, in die steile Südwand zu schauen.

Schaurig schöne Tiefblicke sind (noch) nicht ihr Ding. Leider werde ich wohl nie erfahren, was sie ihren Enkelkindern von der ersten großen Klettertour mit ihrem Vater erzählen wird.

Der Abstieg ist durch Steinmännchen und Farbpunkte markiert und verläuft über Bänder und Geröllfelder durch die Ostflanke. Ich nehme Sophie ans kurze Seil und schon hat sie ihre Selbstsicherheit wieder.

An einer kleinen Kletterpassage blüht sie richtig auf und die unteren Schotterfelder springt sie nur so hinab. Im Nachhinein, so erzählte sie mir später, war das Absteigen einer der Höhepunkte ihres Tages.

Der Abend auf der Hütte sollte ebenso aufregend für Sophie werden. Sie klettert an den Balken des Schlafraumes herum, seilt sich ab, nutzt die Dachkonstruktion für artistische Einlagen. Was soll man sich auf Berge mühen, wenn man so herrlich im Haus klettern kann.

Woher hat sie nur diese Energie, denn von Erschöpfung ist keine Rede. "Na, da habt ihr den Nachmittag verschlafen", mutmaßt der Hüttenwirt beim Abendessen. Wenn er meint ....

Die Herrmann-von-Barth-Hütte, 2131 Meter.
Die Herrmann-von-Barth-Hütte, 2131 Meter.

Die Hermann-von Barth-Hütte ist nicht nur bekannt für ihre wunderbare Lage, sondern auch für ihre geselligen Abende. Ich ziehe mich zurück, als das steirische Akkordeon die Stimmung anheizt.

Sophie, die nicht so unmusikalisch ist wie ihr Vater, erfreut sich am Gesang und der steigenden Stimmung. Später im Matratzenlager lauscht sie der Musik, die undeutlich und dumpf heraufdringt.

Sie ist verzweifelt über das Lied mit der Zeile: "Ein Huhn muss Eier legen, ein Hahn muß f ...!" und sagt: "Papa, bitte erklär es mir. Ich verstehe den Text nicht." Schon im Hinüberdämmern murmle ich:"... und das ist auch gut so."

Text von Gerd Heidorn

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