Eigentlich wollte ich immer schon mal mit Ski auf die Jungfrau. Ich versuchte meinen Mann Peter und einen befreundeten Bergführer dazu zu überreden und die beiden ließen sich nicht lange bitten. Es sollte der Abschluss einer schönen Skitourensaison werden.

Zwischenstation Kleine Scheidegg: dominant und überragend - der Eiger.

Zwischenstation Kleine Scheidegg: dominant und überragend - der Eiger.

Bei strahlendem Frühlingswetter fahren wir nach Grindelwald und mit der Bahn hinauf zur Kleinen Scheidegg. Dort steht er, der Eiger, eindrucksvoll und düster. Wir genießen die Aussicht auf die schattige Nordwand und auf die im Sonnenlicht gleißenden schneebedeckten Berge ringsum.

Einige Basejumper werden gerade mit dem Heli auf den Pilz, einen der Nordwand vorgelagerten Felsturm des Eiger, geflogen. Gespannt beobachten wir ihre waghalsigen Sprünge, ehe wir in die Bahn hinauf zum Jungfraujoch steigen. Dort oben liegt das verkehrstechnische Top of Europe, die höchstgelegene Bahnstation Europas.

Die Strecke verläuft ab jetzt im Eigertunnel. An der Station Eigerwand hält das Bähnli für einen atemberaubenden Blick in die saugende Tiefe der Eiger-Nordwand. Weiter geht es zur Station Eismeer und hinauf ins Jungfraujoch. Hier befindet sich eine Forschungsstation, an der Physiker, Geologen und Hydrologen ihre Forschungsergebnisse den Besuchern in einer Ausstellung nahebringen – unbedingt anschauen! Zur Fotogalerie Tourenbuch Jungfrau Danach ist immer noch Zeit, durch den Tunnel hinaus ins blendende Weiß des Gletschers zu treten. Neben uns frösteln indische Touristen in Badesandalen und Saris. Wir schnallen die Ski an und gehen über den flachen und gewalzten Gletscherweg zur Mönchsjochhütte hinüber. Endlich weg vom großen Trubel.

Doch auch auf der Hütte ist einiges los. Wir haben zum Glück reserviert und genießen ein leckeres Abendessen. Bei einem Glas Roten schmieden wir unseren Plan für morgen: Die Jungfrau soll es sein, drüben jenseits des gleichnamigen Firns, ein stolzes Ziel für Skibergsteiger.

Aufstieg zur Mönchsjochhütte: Die Jungfrau scheint recht nah und dennoch - zumindest mit Ski - relativ unnahbar.

Aufstieg zur Mönchsjochhütte: Die Jungfrau scheint recht nah und dennoch - zumindest mit Ski - relativ unnahbar.

Die Nacht wird etwas unruhig mit all den schnarchenden Zeitgenossen im Lager. Ich bin ganz froh, als wir ziemlich früh aufstehen. Es ist noch dunkel und bitterkalt vor der Hüttentür. Unter einem glitzernden Sternenhimmel fahren wir über beinharten Harsch zurück zum Jungfraujoch.

Die Abfahrt führt weiter hinunter Richtung Aletschgletscher und zieht dann aber nach rechts weg. Wir versuchen so weit zu gleiten wie möglich. Im Osten kündigt das erste Licht einen wolkenlosen Tag an. Wir ziehen die Felle auf, trinken einen Schluck Tee, dann machen wir uns an den Aufstieg. Zur Fotogalerie Tourenbuch Jungfrau Die erste Etappe ist recht unangenehm: Wir schlängeln uns durch ein Gewirr von Spalten über ganz schön steile Hänge nach oben. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn hier einer ausrutschen würde. Zügig gewinnen wir an Höhe und stehen nun vor einem weiteren steilen Hang, auf dessen Schulter wir hinauf müssen.

Die Aufstiegsspur ist zwar gut ausgetreten, aber hart wie Glas und zudem steil genug, so dass ich bei jedem zweiten Schritt wegrutsche. Das kostet zusätzlich Kraft und vor allem bringt es mich ständig aus meinem Atemrhythmus. Also anhalten, Rucksack runter und Harscheisen rauf auf die Ski. Wozu trage ich das Zeug denn mit?

Zeit zum Durchschnaufen am Skidepot im Rottalsattel, ehe der immer steiler werdende Gipfelanstieg beginnt.

Zeit zum Durchschnaufen am Skidepot im Rottalsattel, ehe der immer steiler werdende Gipfelanstieg beginnt.

Jetzt geht es leichter und schon bald stehe ich oben auf der Schulter. Dort scheint mir die Sonne ins Gesicht und das weitläufige Panorama entschädigt mich für die erlittenen „Aufstiegsmühen“. Vor mir zieht sich der soeben gewonnene Rücken gleichmäßig weiter nach oben, um dann im letzten Teil nochmals steiler werdend nach rechts zum Skidepot emporzuleiten. Wir nehmen diesen Teil langsam in Angriff – und kommen gut vorwärts.

Manchmal werden wir von ein paar ganz fitten Jungs und Mädels überholt, manchmal gelingt auch uns eine Überholung. Im Skidepot rasten wir ausgiebig. Von hier führt eine steile Flanke hinauf zum Gipfel. Wie lange diese aber tatsächlich ist, lässt sich vom Skidepot aus bestenfalls erahnen. Freunde von uns hatten vor ein paar Jahren hier oben derart günstige Verhältnisse, dass sie im Butterfirn direkt vom Gipfel abfahren konnten. Uns wird heute ein derartiges Vergnügen wohl kaum beschieden sein.

Angesichts der Steilheit der Gipfelflanke fällt mir der Verzicht aber auch nicht sonderlich schwer. Im Gegenteil: Wir beschließen keinerlei Risiko einzugehen und die Flanke gesichert am laufenden Seil zu bewältigen. Ich habe etwas Mühe, das Tempo meiner beiden Begleiter zu halten. Ich spüre die Höhe, der Atem geht keuchend. Und zu allem Überfluss fehlt mir nicht nur die notwendige Akklimatisation für einen genussreichen Gipfelanstieg, sondern es steht auch mit meiner Kondition nicht zum Allerbesten. Zur Fotogalerie Tourenbuch Jungfrau Aber die Jungs sind geduldig. Im letzten Teil der Flanke liegt nur noch wenig Schnee und die Steigeisen kratzen über ausgeaperte Felsbrocken. Ich benötige noch manche Verschnaufpause. Dann ist der höchste Punkt erreicht und ich kann die „Gipfelküsschen“ entgegennehmen. Jetzt ist die Welt für mich vollends in Ordnung. Die Sonne scheint, der Ausblick ist fantastisch, unter uns fließt der Große Aletschgletscher.

Kontrastprogramm: Tiefblick aus dem winterlichen Skidepot ins Lauterbrunnental.

Kontrastprogramm: Tiefblick aus dem winterlichen Skidepot ins Lauterbrunnental.

Jeder, der heute hier oben ankommt, blickt mit Stolz ins weite Rund. Das Gipfelpublikum ist international und so halten wir einen kleinen Schwatz mit einer Gruppe Südtiroler, die den längeren Weg von den Konkordiahütten hier heraufgestiegen sind. Sie verteilen freigebig Speck und Brot, was auch unsere Gipfelrast etwas länger werden lässt.

Der Rückweg ins Skidepot geht dann wesentlich schneller vonstatten als der Aufstieg. Ich bin wieder gut erholt und fit für die Abfahrt. Der Schnee hat zwischenzeitlich allerdings nur teilweise aufgefirnt, was die Abfahrt für mich etwas schwieriger werden lässt, da ich mich nicht zu den allerbesten Skifahrern zählen darf. Irgendwie bekomme ich das aber auch geregelt und mir bleibt nur noch die Zitterpartie durch die Gletscherspalten.

Wir halten uns peinlich genau an die Aufstiegsspur und umkurven so sicher die drohenden Mäuler. Eine letzte Querfahrt und der Adrenalinspiegel beginnt langsam wieder zu sinken. Vor uns liegt jetzt noch der Gegenanstieg hinauf zum Jungfraujoch. Er ist technisch völlig unproblematisch, indes holen mich nun die nahezu schlaflose Nacht und die Höhenmeter des heutigen Tages ein. Mit ein paar Pausen gelange aber auch ich hinauf zum Jungfraujoch.

Gestern hatte ich insgeheim noch den einen oder anderen Gipfel mehr für die nächsten Tage erwogen, heute bringe ich die Motivation dafür nicht mehr auf. Müde, aber überglücklich sitze ich schließlich am Stollenloch, entspannt an die Ski gelehnt. Endlich konnte ich mir diesen Traum erfüllen – ein Gipfel weniger auf dem alpinen Wunschzettel, eine Erinnerung mehr im Gedächtnis.

Text: Gudrun Fenkart

Fotos: Peter Mathis

Aus ALPIN 04/2006

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