Wer ihn schon hinter sich hat, kann es bestätigen: Einmal im Leben muss man auf den Großglockner hinauf! Obwohl: Sakrisch hoch ist er ja schon. Beinahe ein Viertausender. Also mit Gletscherquerungen. Heißt: Pickel- und Gurtpflicht. Zum Gipfel dann ein Klettersteig. Nur ohne Drahtseilsicherung. Kurzum: ein super Abenteuer-Berg.

Der Glockner steht - von Süden betrachtet - imposant über dem Almgelände von Kals.

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Und so gesehen war es tatsächlich nur eine Frage der Zeit, bis mein Kumpel, der Holger, vor meiner Tür stand und "es" endlich sagte, nämlich: "Gehst mit zum Großglockner?"

Möglichst hoch schlafen

"Rein zufällig" hatte er auch eine Karte dabei, und wir begannen uns den Glockner mal genauer anzusehen. In einem Punkt waren wir uns sofort einig: Den Großglockner schafft man wohl am ehesten, wenn man die Nacht vor dem Gipfel möglichst hoch schläft.

Aus dieser Annahme ergab sich folgender Plan: Anreise durch den Felbertauern-Tunnel über Matrei nach Kals und über die Mautstraße zum Lucknerhaus rauf. Dort am Parkplatz übernachten. Zweiter Tag/Anstieg: vom Parkplatz (1918 m) via Stüdlhütte zur Erzherzog-Johann-Hütte (3454 m) rauf, wo wir Lager bestellen würden. Am nächsten Morgen dann ganz großes Glockner-Gipfelglück, mit anschließendem Komplett-Abstieg ins Tal. Und gemütliche Heimfahrt. "Ok?" - "Ok!" - "Wann?" - "Nächsten Freitag …"

Zum Greifen nah - aber zwei Tage weit weg

Dieser Freitag war ein herrlicher Tag: Spätsommer. Schwülwarm. Bestes Isar-Grillwetter. Offenes Schiebedach. Laute Musik. Kurzum: Alle fühlten wir, es passt. Wir? Das waren der Holger, die Alex und ich. Jede(r) kannte jede(n) vom Klettern. Wir waren aber noch nie zu dritt unterwegs und entsprechend aufgedreht, als wir spät an diesem dampfigen Tag endlich am Lucknerhaus ankamen.

Blick von Osten auf den Normalweg.

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Alles klappte wie am Schnürchen, was uns sogleich ermunterte, schon am Parkplatz unten ausgiebigst auf ein gutes Gelingen anzustoßen; und dabei immer wieder mal heimlich zu dem Grund unseres Hierseins hinüber zu schielen, jenem gewaltigen Berg nämlich, der sich da im letzten Licht - genau vor uns - wie eine riesige Staumauer aufbaute. Am Ende des Tals. Zum Greifen nah. Aber zwei Tage weit weg.

Darauf tranken wir einen. Und noch einen. Und einen dritten hinterher, so dass wir am nächsten Morgen noch viel Schlimmeres im Kopf hatten, als die Wetterprognose eines einheimischen Bauern. "'S kunt a Wettr kömmn", sagte der zu uns am Parkplatz unten, als wir an einem weiteren wahren Traumsommertag schließlich und endlich in Richtung Stüdlhütte aufbrachen.

Alles wie in Zeitlupe

Die moderne Stüdlhütte (2802 m) liegt wie eine windklug ausgerichtete Weißblechkonserve am Ausläufer des Ködnitzkees. Hier machten wir natürlich Mittag. Mit fast schon wieder klarem Kopf erreichten wir dann bald das Gletscherbecken, durch das eine schöne breite Stapfspur rauf zur so genannten Adlersruhe ging. Kein Problem also. Außer der Höhe.

Zähneputzen mit Glockner-Panorama auf der Adlersruhe.

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Und die bekamen wir jetzt richtig zu spüren. Heiliger Bimbam! Während dieser 600 Höhenmeter zur dort oben gelegenen Erzherzog-Johann-Hütte (3454 m) hinauf ließ unser Gehtempo derartig kontinuierlich nach, dass wir für die letzten 50 Schritte zur Hütte fast eine ganze Stunde brauchten. Heftig! Wie in Zeitlupe alles. Jeder mit total stierem Blick. Völlig am Ende.

Der einzige Trost war: Die meisten hier oben fühlten sich "irgendwie gaga". Was dann über Nacht aber wieder vergeht. Also legten wir uns bald ins Lager und stellten unseren Wecker so, dass wir gleich mit der ersten Schicht frühstücken konnten. Perfekt. Alles lief genau nach Plan.

Und dann kam alles …

"'s Wettr" war gekommen

… doch ganz anders. Denn: Als wir in der Früh aus dem Fenster rausschauten, konnten wir unseren Augen kaum trauen. Über Nacht war tatsächlich "'s Wettr" gekommen. Mit 25 Zentimetern Neuschnee und einem saukalt pfeifenden Wind. Dazu eine Sicht von höchstens fünf Metern. Mit anderen Worten: Das gibt es doch gar nicht?!

Nach dem Frühstück dann immer noch Schneesturm. Aber deutlich nachlassend. Und: Der Himmel riss jetzt auf! Was uns nach einer 30-minütigen Diskussion immerhin dazu verführte, "einfach mal so" bis zu dem Sattel zu stapfen, ab dem die Kletterei beginnt.

Also legten wir unsere Steigeisen an und folgten einer verwehten Spur, die sich wie ein Schatten hangaufwärts zog. Das taten wir so eine Stunde. Tja, und plötzlich kam die Sonne durch. Der Sturm beruhigte sich sogar. Und wir querten problemlos zu jener Einsattelung hinüber, über der sich dann der Grat elegant aufbaut.

Das Himmelszelt schloss sich

Der Himmel war inzwischen in große Wolkenmeere zerrissen, die sich abwechselnd vor die Sonne hinschoben. Sofort hüllten Nebelschwaden wieder alles in Watte. Dann war's plötzlich wieder hell. Der Wind hatte allen Schnee von den Platten gefegt, sodass man mit Bergstiefeln sicheren Halt fand. Und natürlich war es wie immer der Holger, der sich "einfach mal einband", um das Terrain auf dem Grat zu erkunden. "Geht! Super!", brüllte er von der ersten Sicherungs-Stange herunter - und damit waren die Weichen gestellt. "Kommt's! Probieren wir's halt mal."

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Bei Sonnenaufgang geht's los.

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Genau in dem Moment, als wir in der Scharte standen, brach das Wetter zusammen. Das Himmelszelt schloss sich. Sofort wurde es dunkel. Und unheimlich. Fast gleichzeitig ging das Schneetreiben los. Angefacht von bösem Wind. Sichtweite gerade mal noch zehn Meter vielleicht. Temperaturen längst unter null. Da sagte der Holger: "Geht's weida! Irgendwie schaff' ma des no." Und zog uns einfach wie zwei Kühe am Strick bis auf den Gipfel rauf. Händedruck. Fertig. Und da standen wir nun: am höchsten Punkt vom großen Großglockner und fragten uns, was wir hier eigentlich sollen …

Nur nicht jammern!

Ausblick inzwischen Nullkommanull. Und die steilen Platten längst so zugepudert, dass Abklettern unmöglich war. Ergo: Abseilen. Jeden Meter! Ganz, ganz langsam. Wieder in die Scharte runter. Wir wussten alle: "Durchhalten jetzt!" Bloß nicht in Hektik verfallen. Bloß jetzt keinen Fehler machen. Bloß das Seil jetzt nicht verheddern. Und vor allem: nur nicht jammern!

Reine Nervensache: Bergsteiger beim Traversieren der Glocknerscharte.

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Aus der Scharte dann der Gegenanstieg, über den Kleinglockner drüber. Und auf der anderen Seite gleich wieder runter ins ungewisse Grau. Wieder Abseilen. Erst der Holger. Dann die bibbernde Alex. Dann schlidderte ich in die Suppe hinab, ließ mich einfach runterrutschen bis zur nächsten Sicherungs-Stange, an der die Kameraden hingen und wortlos vor sich hin schlotterten.

Aufatmen. Sicherung einklinken. Ausbinden. Seil abziehen. In den nächsten Ring umfädeln. Seil aufnehmen. Enden verknoten. "SEIL!!" ins Schneetreiben brüllen. Abwerfen. Das Seil dann in den Achter einlegen. Sicherungskarabiner ausklinken. Und weg war der Holger. Dann wieder die bibbernde Alex. Und so weiter und so fort, längst nur noch das Nötigste sprechend, so ging es im hoch konzentrierten Schneckentempo senkrecht bis zum Sattel hinab.

Die Nadel im Schneehaufen

Endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Endlich nicht mehr abstürzen können. Sofort ließ die Anspannung nach. Doch selbst als wir schon die Steigeisen anhatten, wollte noch keine Freude aufkommen. Denn man sah noch immer nichts. Geschweige denn die Aufstiegsspur.

Geschafft: Bergsteiger am höchsten Punkt Österreichs.

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Ganz sicher war nur, dass sich unsere Hütte "relativ direkt" unter uns befand. Wenn man sich dann noch "leicht rechts" halten würde, müssten wir es eigentlich schaffen. Und so stocherten wir los. Wie drei Blinde, die die Nadel im Schneehaufen suchen, ging's jetzt Schritt für Schritt hinab. Vielleicht 250 Höhenmeter? Bis urplötzlich kurz der Himmel aufriss und wir die Hütte deutlich sahen. Da erst wich die ganze Spannung und ein geradezu wunderbares Gefühl machte sich breit.

Als wir vorn auf der Terrasse der Erzherzog-Johann-Hütte dann endlich auch unsere Steigeisen ablegten, wussten wir noch überhaupt nicht, was für ein verdammtes Glück wir hatten. Das kapierten wir erst ganz allmählich, als wir dann, einige Tassen Tee mit Rum später, bei wolkenlosem Himmel und strahlendem Sonnenschein zusammen mit den anderen 200 Bergsteigern, die auf der Hütte waren, von der Adlersruhe ins Tal stiegen. Aber nur wir drei hatten heute den Gipfel im Sack.

Und waren vor allem wieder heil zurück.

Text von Christian Rödling