Hier lest Ihr den zweiten Teil unseres Artikels "Die Zugspitze als Tagestour".

Unheimlich, aber auch absolut genial! Immer wieder lächle ich bei dem Gedanken daran, dass ich genau in diesem Moment auf dem Weg zum Gipfel bin, dass ich wirklich nachts die Zugspitze besteige. Für einen kurzen Moment bricht der Mond hinter den Wolken hervor und zeichnet meinen Schatten auf den Weg vor mir.

In der Höllentalangerhütte (1387 m) ist alles dunkel, in der Früh wollen sicher viele zum Gipfel. Wir sind froh, ganz allein weitergehen zu können. Die ersten hellen Stellen zeigen sich am hohen Horizont, und meine Wahrnehmung hat sich geändert von "Irre, was man bei Nacht so alles sieht und fühlt!" zu "Irre, was man bei Nacht alles so schaffen kann!".

Hanna und Marcel im Klettersteig, kurz vor dem Zugspitz-Gipfel.

Hanna und Marcel im Klettersteig, kurz vor dem Zugspitz-Gipfel.

| © Hanna Engler

Wir orientieren uns: Das GPS-Signal auf dem Handy hüpft und hat es nicht einfach, durch die hohen Wände zu uns Winzlingen durchzudringen. Wir spähen in die Dämmerung nach links und rechts und entdecken freudig eine der Markierungen.

Beinahe sekündlich verändert sich nun das Licht im Höllentalanger-Kessel. Allmählich merke ich die Anstrengung, die Höhenmeter, die Uhrzeit. Trittsicher muss man spätestens jetzt sein:

© Hanna Engler

Immer öfter benutze ich meine Hände, bemühe mich um volle Konzentration. Auf keinen Fall umknicken oder ausrutschen – ich will auf den Gipfel, in die Sonne!

Wir gelangen an eine kurze gesicherte Passage: Schnell ziehen wir unsere Klettersteigsets an und ich kraxle unter Zuhilfenahme aller Körperteile nach oben. Es geht über grasbewachsene Felsen bis zu "Leiter" und "Brett", den berühmten Klettersteigpassagen des Aufstieg-Klassikers, dem finalen Steig zum Gipfel vorgelagert.

Bevor wir den Höllentalferner erreichen, meistern wir noch den "Grünen Buckel" mit anstrengenden Geröllfeldern und einigen Stellen, die leichtes, freies Klettern über Felsen und in kaminähnlichen Strukturen verlangen. Die Jungs scheinen keine Probleme zu haben, also steige ich konzentriert weiter: Auf geht’s, Hanna!

Hart erarbeitet: Das Gipfel-Radler.

Hart erarbeitet: Das Gipfel-Radler.

| © Hanna Engler

Wir erreichen den Rand des Gletschers auf über 2200 Metern Höhe. Die zurückgelegten Höhenmeter erfordern eine kurze Pause. Unser Blick schweift frei Richtung Osten und Südosten, als wir im warmen Morgenlicht den deutlichen Spuren im Zickzack vorsichtig über den Gletscher folgen.

Über die Randspalte gelangen wir vom Ferner auf den Felsen, und als die ersten Mitbesteiger unter uns in Sicht kommen, haben wir schon den Klettersteig erreicht. Als sich die Sonne hinter dem Massiv hervorschiebt, machen wir Rast auf einem Felsen und ich gehe voll in dem Moment auf.

In dieser Ruhe und exponierten Lage dem Farbschauspiel des Sonnenaufgangs beizuwohnen und den Moment allein mit Freunden teilen zu können – unbezahlbar!

Erfrischender Abschluss im Eibsee.

Erfrischender Abschluss im Eibsee.

| © Hanna Engler

Bis zum Gipfel werden wir zwar noch überholt, aber das juckt uns nicht: Erste müssen wir nicht sein, denn unser Erlebnis abseits der Massen haben wir auch so, als wir gegen acht überglücklich auf 2962 Metern stehen – erst kurz darauf kommt die erste Gondel mit den Touristen an, nach und nach treffen andere Bergsteiger ein. Die Ruhe der Nacht ist vorbei.

Wir stoßen mit dem mitgeschleppten Gipfelbier an (naja, gut, es ist "nur" ein Radler …) und genießen die Aussicht über den mit Alpenzacken gespickten Horizont. Ich blicke immer wieder nach unten, zurück in die Richtung, aus der wir hochgekommen sind. Ein unfassbar gutes Gefühl!

Nach der langen Talfahrt mit der Bahn schlägt unten am Eibsee die Müdigkeit voll zu: Seit mehr als 24 Stunden bin ich wach, zehn Stunden davon habe ich am Berg verbracht – da hilft nur ein beherzter Sprung in das erfrischende Nass!

Das Wasser ist unglaublich klar, der See liegt idyllisch inmitten der Berglandschaft, eben stand ich noch auf dem höchsten Punkt Deutschlands und habe während unserer Tour die Sonne aufgehen sehen. Magisch! Kann es einen schöneren Abschluss geben? Ich jedenfalls kann mir keinen besseren vorstellen.

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Text von Hanna Engler