Verleih gab es schon immer. Jetzt muss das Thema immer öfter als Nachhaltigkeitsansatz herhalten - auch in der Outdoor-Branche.

Eine Bohrmaschine besitzt fast jeder deutsche Haushalt. Benutzt wird sie rein statistisch nur etwa 5 Minuten pro Jahr – Verschwendung! Würde man das Werkzeug mit anderen teilen, bräuchte man weniger davon, könnte sie effizienter nutzen und sogar qualitativ bessere kaufen. 

Das wäre nachhaltig. Dieses Konzept kann für ganz unterschiedliche "Anschaffungen" gelten. Vom Rasenmäher bis zum Zelt. 

Recycling allein sei – und da verweist man auf die Fast Fashion Industrie – nicht ausreichend. Man müsse Kreislaufwirtschaft um das Attribut "langsam" zu einer "Slow Circular Economy" erweitern und Produkte länger in der Nutzung halten.

Grüne Trends: Sharing statt Verleih

Sharing ist deshalb ein Riesentrend und eines der Schlagwörter der Gegenwart. Konzepte wie Spotify, Netflix oder Airbnb werden als Ausdruck einer neuen Consumer Awareness gefeiert: Die junge Generation würde nicht mehr so viel Wert auf Besitz legen, heißt es. Die Crux an der Sache: Konsumiert wird weiter "auf Teufel komm raus". Aber Sharing Economy hört sich zumindest sexy an.

 "Sharing Economy (auch ‚Shared Economy‘) meint das systematische Ausleihen und gegenseitige Bereitstellen von Gegenständen, Räumen und Flächen, insbesondere durch Privatpersonen und Interessensgruppen", definiert Prof. Dr. Oliver Bendel, Professor für Wirtschaftsethik an der Fachhochschule Nordwestschweiz. 

Nichts Neues. Ersetzt man das Wort Sharing durch "Ausleihen" oder "Mitnutzen", ist das Konzept dahinter ein alter Hut und für viele "moderne" Zeitgenoss:innen gar nicht mehr so sexy. Beispiele gefällig? Büchereien, Videotheken, Nachbarschaftsvereine, Telefonzellen, Mitfahrzentralen oder einfach nur Öffentlicher Nahverkehr …

Grüne Trends: Neue Geschäftsidee!

Komischerweise fallen diese Initiativen nicht in den Sharing-Hype. Das hippe Sharing ist nämlich ein Geschäftsmodell, das nicht nur Anbieter und Abrufer hat, sondern vor allem Vermittler! Und die verdienen an Plattformen. Kritiker sprechen schon von "Plattformkapitalismus, weil Vermittler keine eigenen Gegenstände zur Verfügung stellen, sondern nur von anderen profitieren.

Sharing wirke sich, so die Theorie, auf die Kundenvorstellung von einem guten Produkt aus: Weil Kunden, so wird argumentiert, Waren länger und intensiver nutzten und damit die Ansprüche der Verbraucher stiegen, verlören Einmal-Produkte an Attraktivität und Hersteller müssten langlebigere Produkte anbieten. 

Das ist sehr idealtypisch gedacht, denn unser Wirtschaftssystem funktioniert nicht nach Wertig- und Langlebigkeit, sondern nach Verbrauch und Ersatz. Für manche ist Obsoleszenz ein Designelement bei der Entwicklung vieler Konsumgüter, um die Nachfrage hoch zu halten. 

Prof. Bendel sieht noch weitere Unstimmigkeiten: Sharing könne durch "leichtere Verfügbarkeit und günstigere Erwerbs- und Nutzungskosten auch den Konsum oder Gebrauch steigern". Ebenso hätte der Sharing-Hype zu einer Kommerzialisierung geführt. Wurden "Dienste" (z. B. Tramper mitnehmen) früher kostenlos angeboten, sind sie heute ein Geschäftsmodell (Uber). Es könnte also sein, dass es bei der Sharing Economy nicht um Nachhaltigkeit, sondern um das Erschließen neuer Wirtschaftsfelder und Kunden geht.

Grüne Trends: Verleih im Outdoorbusiness

Der Outdoor-Handel hat schon in den Achtzigern Ausrüstung verliehen: Rucksäcke und Zelte etwa konnte man vor dem Kauf testen und auch so leihen. Das war ein Serviceangebot und diente als Maßnahme zur Kundenbindung. Eine Win-win-Situation. Von Nachhaltigkeit sprach noch niemand. Und es war eher Little Business. 

Leihen statt Kaufen

Vaude ist einer von vielen Herstellern, die Ausrüstung auch verleihen.

| © Vaude

Auch Testcenter bot die Industrie in der Vergangenheit mit Partnern an. Lowa beispielsweise in beliebten Wanderregionen. 'Best of Wandern' bietet mit der Tourismusindustrie an ausgesuchten Wander-Hotspots Leihausrüstung. Auch Gore hat in amerikanischen Skiregionen ein Pilotprojekt initiiert: die Leihbekleidung zum Leihski. 

Houdini verleiht Funktionsbekleidung im Stockholmer und Göteborger Markenshop. Bergans bietet ein Abo-System für Sommer- bzw. gefütterte Winter-Overalls, da alle norwegischen Kinder diese Anzüge in Kindergärten oder Schulen benötigen. 

"Ursprünglich war das Konzept dem Nachhaltigkeits-Gedanken entsprungen", sagt Bergans, aber als Vorteil entpuppte sich vor allem der Komfortgewinn für gestresste Familien, die für einen relativ geringen monatlichen Betrag die Garantie bekommen, dass ihre Kinder trocken und warm bleiben, immer die richtige Größe tragen und dass die alten Sachen nicht weiterverkauft werden müssen.

Grüne Trends: Verleih und Nachhaltigkeit

"Der Verleih von Produkten ist wichtiger Bestandteil unserer Nachhaltigkeitsstrategie und ein Beitrag für die Circular Economy", so Globetrotters Sustainability Manager. Auch Vaude ist überzeugt: "Vor dem Hintergrund des zunehmenden Bewusstseins unserer Kunden für Alternativen zum Besitzen möchten wir die Vermietung von Produkten als weiteren Service bieten." 

Houdini hat dabei den Nachhaltigkeitsaspekt durchgerechnet: "Im Vergleich zum Kauf eines Houdini-Kleidungsstücks kann der Miet- oder Abonnement-Service den CO2-Ausstoß um bis zu 56% reduzieren." Allerdings können einzelne Faktoren die ganze Nachhaltigkeitsrechnung auf den Kopf stellen. 

McKinsey nennt als kritisches Umweltproblem unter anderem den CO2-aufwendigen (Rück-) Versand speziell im Onlinegeschäft. Auch bei der Energie- und Umweltbelastung der industriellen Reinigung stellt McKinsey deutliche Nachteile gegenüber Haushaltwäschen fest. Und noch einen Aspekt nennt die Studie: "Mietmode birgt das Umweltrisiko, dass sie unseren Appetit auf Kleidung erhöht."

Grüne Trends: Fazit

Die erste Studie zum Bekleidungsverleih kam im April 2021 von der Universität Lund: "Product-Service Systems (PSS) and Sustainability: Analysing the Environmental Impacts of Rental Clothing". Die Universität kommt zu dem Ergebnis, dass "die Art und Weise, wie Benutzer sich für PSS mit Kleidung entscheiden, das Einsparpotenzial für die Umwelt bestimmt". Das Hauptproblem sieht die Universität im Kaufanreiz. 

"Ein Zugangskonsum kann zu mehr Konsum führen, da die Verbraucher Zugang zu einer größeren Auswahl an Waren zu einem reduzierten Preis haben." Man spricht von "Share-Washing". Solange also Verleihkonzepte Interesse wecken und einen späteren Kauf ankurbeln sollen, Modelle ständig aktualisiert (Neuheiten-Schau) und zentralistisch organisiert werden (hoher Versandaufwand), sind Verleihsysteme zwar wirtschaftlich interessant und eine gute Testgelegenheit für Kunden vor einem teuren Kauf, aber selten ein Beitrag zur Nachhaltigkeit.

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