ALPIN hat die Fasern mit Gesa Van den Kerkhoff, der Produktmanagerin bei Schöffel, unter die Lupe genommen.

Wolle oder Synthetik, für welches Material soll man sich entscheiden?

Gesa Van den Kerkhoff: Das ist immer eine persönliche Entscheidung und Geschmackssache. Beide Materialien haben ihre Vor- und Nachteile. Die Wahl ist natürlich auch abhängig von der sportlichen Aktivität. Wolle ist generell sehr klimaregulierend. 

Wenn man geschwitzt hat und dann eine Pause einlegt, fängt man in Wolle nicht sofort das Frösteln an wie möglicherweise in einem Synthetikteil. Bei langen und Mehrtagestouren mit höherem Anstrengungsgrad ist Wolle wohl die bessere Wahl. 

Wolle oder Kunstfaser? Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

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Bei kurzen, schnellen Touren würde ich persönlich auf Synthetik setzen, weil es den Schweiß deutlich schneller als Wolle abtransportiert. Allerdings riecht Synthetik auch mehr als Wolle, die eine natürliche, antibakterielle Wirkung hat. 

Bei Synthetikmaterialien versucht man diese Wirkung „künstlich“ zu erzeugen, etwa mit der Einspinnung von S.Café in die Faser, wo man sich den geruchshemmenden Effekt von Kaffee zunutze macht. Das ist ökologisch unbedenklich. Aber teilweise werden auch Silberionen aufgebracht, die die Geruchsbildung verhindern sollen. Das hat den Nachteil, dass sich die Silberionen auswaschen und ins Grundwasser gelangen.

Viele Hersteller von Wollteilen mischen Wolle mit einer synthetischen Faser oder Tencel, das aus Eukalyptusholz gewonnen wird, biologisch abbaubar ist, und ähnliche Qualitäten wie Wolle aufweist. Wie sind diese Mischgewebe zu beurteilen?

Im Idealfall ergänzen sich die positiven Eigenschaften beider Materialien. Schnellen Feuchtigkeitstransport erreicht man durch die synthetische oder Tencel-Faser, das trockene Gefühl auf der Haut erzielt man mit der Wolle. 

Ich bin der Meinung, dass Mischgewebe die optimale Lösung sind. Man muss auch bedenken, dass Wolle bezüglich der Langlebigkeit schlechter abschneidet als Synthetik. 

Pilling oder kleine Löcher sind bei reinen Wollteilen schon nach relativ kurzer Zeit keine Seltenheit. Durch die Beimischung von Synthetikfasern oder Tencel ist das Produkt langlebiger und somit auch nachhaltiger.

Kann man zwischen Wolle und Synthetik eine Ökobilanz herstellen? Welches Material ist nachhaltiger?

Wolle ist ein natürliches Produkt, an dem Tiere hängen. Artgerechte Haltung ist also ein entscheidender Faktor. Da sollte der Kunde unbedingt auf eine Zertifizierung achten. Aber man muss ganz klar sagen, dass ein fertiges Wollteil einen deutlich höheren Wasserverbrauch hat als ein Kunstfaserprodukt. 

Die Schafe brauchen Wasser, die Wolle muss gewaschen werden, all das fällt bei Synthetikware weg. Auch was das Recycling betrifft, gibt es mittlerweile viele Techniken, die Kunstfasern wieder aufzubereiten. Ware aus recyceltem Polyester oder Polyamid weist somit natürlich eine bessere Ökobilanz auf als ein neues Produkt. 

Wir haben nachhaltige Hardshell-Jacken für euch getestet:

Wolle lässt sich zwar recyceln, aber man hat einen deutlichen Einbruch der Funktion, weil beim Recyclen die Fasern stark gekürzt werden. Darüber hinaus kann man sich recycelte Wolle nicht mehr zertifizieren lassen, da die Wolle von überall herkommt und nicht gewährleistet werden kann, ob die Wolle aus artgerechter Haltung stammt. 

Für mich gibt es aber trotzdem keinen klaren Gewinner. Auch hier gilt wieder die persönliche Entscheidung: Bekennende Tierschützer werden vielleicht eher auf Wolle verzichten. Wenn ich aber natürliches Material auf der Haut tragen möchte, greife ich zur Wolle.

Worauf achtet ihr bei Schöffel als Einkäufer von Woll- und Synthetikstoffen besonders?

Wir achten beim Einkauf von Wolle darauf, dass auf gar keinen Fall das Mulesing- Verfahren angewandt wurde. Verantwortungsbewusste und artgerechte Tierhaltung muss von unseren Lieferanten garantiert werden. 

Dafür haben wir das Konzept der „Fünf Freiheiten“ entwickelt: Freiheit von Hunger und Durst, Freiheit von körperlichen und thermischen Beschwerden, Freiheit von Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten, Freiheit, normale Verhaltensmuster auszudrücken, Freiheit von Angst und Leid. 

Sämtliche Herstellungsprozesse vom Spinnen bis zum fertigen Gewebe sind zertifiziert. Was Synthetikmaterial anbelangt, sind wir Bluesign-Partner, das heißt, wir haben eine sehr strenge Chemikalien-Restriktionsliste. Wir achten darauf, dass auch hier alle Produktionsschritte zertifiziert sind. 

Darüber hinaus erhöhen wir den Anteil an recycelten Kunstfasern kontinuierlich. Das geschieht aber nicht auf Biegen und Brechen, da wir natürlich keine qualitativen Einbußen, was die Funktionalität der Ware betrifft, in Kauf nehmen wollen. Beim Recycling tut sich ja auch unglaublich viel und in den nächsten Jahren wird es da sicher weitere Fortschritte geben.

Mulesing

Beim Mulesing-Verfahren wird den Lämmern ohne Betäubung überschüssige Haut am Hinterteil entfernt, um das Einnisten von Fliegenlarven zu verhindern. 

Denn sind die Schafe von Fliegenmaden befallen, kommt es zu schweren Infektionen, die sogar zum Tod führen können. Durch das Mulesing soll eine glatte vernarbte Fläche entstehen, in der sich keine Insekten mehr festsetzen können.

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