Die letzte ISPO hat gezeigt: Die Outdoor-Branche ist in Sachen nachhaltige Bekleidung sehr weit. Wir haben einige Trends unter die Lupe genommen.

"Grün" ist derzeit "in". Also hängen viele Hersteller ihr grünes Jäckchen ins Marketingschaufenster. Die Materialhersteller und Konfektionäre der Outdoor-Branche haben viele Produkte, die mit Nachhaltigkeitskriterien begeistern. Zum Beispiel mit Folgenden:

  • Natürliche Funktionsfasern aus zertifiziertem Anbau nach höchstem Standard (GOTS oder IVN Best).

  • Sortenreine Laminate, die zu 100% aus recyceltem Polyester bestehen und zu 100% recycelfähig sind.

  • 100% recyceltes und zu 100% recycelbares Polyester, Polyamid oder Polypropylen in Fleece, Vlies, Ober- oder Futterstoffen.

  • Biologisch abbaubare Materialien aus Holzfasern, Kapok oder Alternativen ohne Mikroplastikproblem.

  • 100% PFC-freie Ausrüstungen und Membranen, die Trinkwasser, Böden und Blut nicht verseuchen, die keinen Krebs auslösen, das Immunsystem nicht beeinflussen oder die Fruchtbarkeit verändern.

  • Wolle/Daunen aus strenger Tierwohlhaltung.

  • Herstellung zu fairen Lohnbedingungen, ohne Kinderarbeit und ohne sexuelle Ausbeutung – auditiert und kontrolliert nach strengsten Fair-Wear-Kriterien.

  • Färbeprozesse, die ohne Wasser und ohne giftige Chemikalien auskommen.

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Trend Langlebigkeit

Langlebigkeit ist ein gern genanntes Nachhaltigkeitsargument. Gut und richtig. Immerhin werden jährlich etwa 80 Milliarden Kleidungsstücke gekauft und viele halten keine drei Wäschen. Funktionelle Outdoor-Bekleidung ist dagegen zeitlos und langlebig. 

Trotzdem fällt zweierlei auf: Erstens war Langlebigkeit auch vor dreißig Jahren schon ein Outdoor-Thema. Damals ging es um die Funktion. Was hat sich seither verändert, dass Langlebigkeit heute nachhaltig wäre? Und zweitens landen auch langlebige Produkte irgendwann auf Deponien oder in Müllverbrennungsanlagen. 

Die Giftstoffe aus der Bekleidung finden sich dann im Klärschlamm wieder oder in der Luft. Schon 2002 schrieben Baumgart/ McDonough in "Cradle to Cradle. Remaking the Way we make Things", dass Langlebigkeit die Probleme nur verzögert. Das reicht nicht. Produkte müssen ohne kritische Chemikalien hergestellt und in einen Recycling-Kreislauf eingebettet sein, um wirklich als nachhaltig zu gelten.

Lust auf nachhaltige Produkte? Klickt euch durch die Slideshow:

Trend Naturfasern

Naturfasern galten lange als wenig funktionell. Das hat sich mit dem Siegeszug der Merinowolle geändert. Heute fassen wir Funktion nicht nur im engen Kontext des Drei-Lagen-Systems, das sich auf Kälte und Nässe fixiert. 

Feuchtigkeitsmanagement, Kühlung, UV-, Geruchsund Insektenschutz oder Tragekomfort sind auch Funktionsthemen. Plastikvermeidung und biologische Abbaubarkeit sind dank Naturfasern möglich. 

Die sind aber nur dann nachhaltig, wenn deren Anbaumethoden biologisch kontrolliert werden, deren Produktion nicht zu Lasten von Nahrungsmittelanbauflächen erfolgt, keine Waldgebiete gerodet werden oder das Tierwohl missachtet wird. Und auch hier: Eine Biobaumwolllinie macht eine Firma nicht nachhaltig, wenn sie sonst weiterhin konventionelle Baumwolle nutzt.

Mehr Plastik als Fische im Meer? Plastikmüll zu vermeiden, ist eine Herausforderung!

| © picture alliance

Trend Recycling

Die Zukunft des Wirtschaftens ist kreisrund. Es zeugt nicht von nachhaltigem Denken und Handeln, wenn recycelte Stoffe mit nicht-recycelbaren Komponenten (Laminaten!) kombiniert werden. Damit ist der Recyclingkreislauf schlagartig unterbrochen. Sortenreine oder leicht trennbare Produkte sind dagegen Anzeichen für echte Nachhaltigkeit. 

Beispielsweise gibt es Garne für Nähte, die sich bei Waschtemperaturen von 100°C auflösen. So können auch Hybridtechnologien oder Reißverschlüsse einfach getrennt und Stoffe recycelt werden. Übrigens: Recycelte Materialien schneiden in Tests genauso gut oder schlecht ab wie virgine.

Es kommt auf die eingekaufte Qualität an. Wenn Firmen behaupten, Materialien entsprächen nicht ihren Vorstellungen, dann sind sie nur nicht bereit, hochwertig einzukaufen – und das gilt wahrscheinlich auch für ihre nicht-recycelten Materialien. Nur fragt danach niemand.

Notwendigkeit PFC-FREI

Eine unbedenkliche Produktion sollte eine Grundbedingung für Outdoor-Produkte sein. Beim Thema PFC spielt die Branche mit ihrem Ruf. Wer PFC-Chemikalien einsetzt, versagt am kritischsten Punkt. PFCs sind sogenannte PBTStoffe, also Stoffe, die persistent (dauerhaft), bioakkumulativ (in der Natur und Organismen anreichernd) und toxisch (giftig wirkend) sind.

ALPIN 04/2020

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| © ALPIN

Das heißt, dass sich kleinste Mengen anhäufen und eine sich steigernde Gefahr für die landwirtschaftlich nutzbare Fläche, unser Trinkwasser und bis zum Menschen darstellen. Es gibt deshalb keine gefährlichen und ungefährlichen PFCs. Nur solche, über die man viel weiß und die darum schon verboten wurden (PFOA, PFOS), und solche, über die man wenig bis nichts weiß. 

PFCs sind der „Knackpunkt“ für Glaubwürdigkeit. Wer also PFCs rechtfertigt, betreibt Greenwashing. Selbst Funktion darf keine Ausrede sein. Auch Asbest ist funktionstechnisch die beste Feuerschutzlösung. Trotzdem ist es seit 1993 verboten, weil es Krebs erzeugt. Behaupten Bergfirmen, sie müssten ihren Athleten „den bestmöglichen Schutz“ bieten, ist das geheuchelt, wenn diese zugleich wegen „Fair Means“ gegen Flaschensauerstoff in der Todeszone sind.

Das Thema Nachhaltigkeit wurde auf der ISPO heiß diskutiert. Auch bei unserem Stand von ALPIN:

Trend sauber färben

Jüngst werben Hersteller mit neuen Technologien beim Färbeprozess. Das spare bis 80% Wasser, reduziere den Energieverbrauch um 70%, verbrauche fast keine Chemikalien und sei deshalb nachhaltig. Diese Prozesse heißen Colourkind, Spindye, CO2 Dyeing, Drydye, Ecodye oder gar No Dye. 

Das ist natürlich prima, denn die Verschmutzung von Trinkwasser ist ein riesiges Problem. Leider betreffen diese Prozesse etwa 3 bis 5% der Kollektionen, bzw. werden dafür spezielle Linien entwickelt. Über den restlichen 95 bis 97% der Produktion liegt weiterhin der Mantel des Schweigens.

FAZIT

Das Gute vorweg: Nachhaltig ist möglich! Nun das Problem: Die Firmen setzen ihre Möglichkeiten kaum ein. Stattdessen sonnt sich die Outdoor-Branche an sogenannten "Leuchtturmprodukten", die mit ihrer Strahlkraft die "dunkle Seite" der Produktion überblenden (sollen). Es bleibt am Ende aber nur Marketinggeschwätz, wenn diese Produkte aus dem restlichen "Sumpf" schauen wie der Kirchturm aus dem Stausee am Reschenpass.

Klickt euch hier durch den großen ALPIN-Test mit 10 nachhaltigen Jacken:

Text von Ralf Stefan Beppler

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