Auch dann noch komfortabel unterwegs zu sein, wenn man schwitzt, ist am Berg besonders wichtig. Wir haben die wichtigsten Funktions-Materialien ausprobiert.

Seit einigen Jahren hat die Merinowolle die Funktionswäsche-Front aufgemischt. Unterwäsche, die schon nach einem Mal Tragen einen markanten Geruch absondert, war vielen nicht sonderlich sympathisch. Da kam die Wolle mit ihrem geruchsneutralen Charakter gerade recht. Selbst nach mehrfachem Durchschwitzen kann man sich mit einem Hemd aus Merinowolle immer noch unter Leute wagen. Der perfekte Begleiter für längere Touren.

Der anfängliche Hype in Sachen Merino nivelliert sich gerade. Wie so oft, wenn etwas Neues auf den Markt kommt. Denn kein Vorteil ohne Nachteile, auch wenn uns die Marketing-Strategen der Hersteller manchmal anderes glauben machen wollen. Wolle ist mechanisch nicht besonders belastbar, besonders dann, wenn sie dünn ist. Jeder, der ein schon öfter getragenes Wollteil hat, wird die kleinen Löcher kennen, die sich oft schon nach wenigen Wäschen an den belasteten Stellen zeigten.

Riecht das Funktionsteil nach einem Tag?

| © Birgit Gelder

Zudem ist Wolle zwar ein Feuchtigkeitspuffer, aber eben ein Puffer. Wolle kann bis zu 33 Prozent des Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen. Solange hat man ein gutes Tragegefühl. Ist der Puffer aber voll, rinnt der Schweiß. Und die Feuchtigkeit muss man aus dem Stoff auch erst einmal wieder hinausbringen. Der Trockenvorgang von Merino dauert um ein Vielfaches länger als der von Kunstfaser-Funktionshemden.

Momentan werden von vielen Herstellern Wollfasern mit Synthetik gemischt. Und zwar von beiden Fraktionen: den klassischen Woll-Herstellern und den eingefleischten Synthetik-Verarbeitern. So mischen viele Merino-Hersteller ihren Produkten aus Passform- und Stabilitätsgründen inzwischen oft fünf bis zehn Prozent Synthetik bei. Firmen wie Polartec, die jahrelang auf reine Kunstfaser gesetzt haben, bieten zur Saison 2015/16 die sogenannte Power Wool an, eine Mischung aus Merinowolle und Kunstfaser.

Und auch Odlo, so etwas wie ein Synonym für Kunstfaserunterwäsche, setzt auf Mischgewebe. Die Idee bei solchen Material-Kombinationen ist immer dieselbe: Man versucht die Vorteile beider Materialien zu kombinieren, die Nachteile gleichzeitig zu eliminieren.

In unserem Fall ist die Kombination der Materialien sehr unterschiedlich gewählt. Denn grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, die Materialien zu mischen:

1. Sie werden wirklich gemischt, neben einer Wollfaser befindet sich wieder eine Synthetikfaser und dann kommt wieder eine Wollfaser usw.

2. Man schafft ein zweiflächiges Gestrick, bei dem das eine Material innen und das andere außen ist.

Und hier haben wir in der vorliegenden Übersicht zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze. Die oben schon erwähnte Polartec Power Wool setzt auf Wolle auf der Haut und Polyester (PE) außen. Die Wolle soll die Feuchtigkeit (den Schweiß) von der Haut abtransportieren und nach außen weiterleiten. Dort wird sie auf eine große Oberfläche verteilt und verdunstet.

Die Firma Löffler bietet schon seit Jahren sozusagen das Gegenteil an: Transtex Wool. Bei diesem Material ist die Konstruktion so gewählt, dass auf der Haut Polypropylen (PP) ist und außen die Wolle. Hier ist der Ansatz der, dass die Wolle von außen die Feuchtigkeit aus dem PP rauszieht, da PP quasi keine Feuchtigkeit aufnimmt.

Das Odlo-Shirt warf bei den Testdamen Falten an der Brust.

| © Birgit Gelder

Ob beide Versionen der Zwei-Schichten-Lösung funktionieren, war eine der vordergründigen Fragen unseres Praxistests. Denn oft ist es ja so, dass ein physikalischer Prozess in die eine Richtung funktioniert, in die andere aber nicht. Daher waren wir auf den 1:1-Vergleich von Polartec Power Wool mit Löffler Transtex Wool sehr gespannt. Aber auch auf den direkten Vergleich dieser Ansätze gegen die anderen "Systeme". Natürlich auch gegen Synthetik.

Das Testfeld sah dann so aus, dass wir ein (fast) reines Merino-Hemd im Test hatten (Iceberaker), drei Shirts aus Mischgewebe (Ternua mit Polartec Power Wool, Löffler Transtex warm und Odlo mit dem Material Technical Wool light) und ein reines Synthetik-Hemd von Arc’teryx, das aus 87 Prozent Polyester und 13 Prozent Polypropylen gefertigt ist.

Der Testaufbau war denkbar einfach: 13 Tester, fünf Shirts, fünf Tage. Die Tester tragen beim großen ALPIN-Skitest an jedem Tag ein anderes Funktionswäsche-Teil. Am Abend wird bewertet. Wie Synthetik gegenüber Wolle abschneidet, können sich Leute, die sich mit dem Thema beschäftigen und schon mal verschiedene Teile getragen haben, ausrechnen. Besonders interessant war daher der Vergleich der Woll-Synthetik-Gemische untereinander.

Löffler konnte mit der Transtex Wool voll überzeugen. Die Tester waren nach einem Tag Skifahren regelrecht begeistert von dem Shirt. Es ist zwar kein modisches Highlight, aber dafür funktioniert es perfekt. Der Tragekomfort ist sehr gut, perfekt ist aber vor allem auch, wie das Material mit Schweiß "umgeht". Das System funktioniert auch bei schweißintensiven Betätigungen gut. Man hat auf der Haut schnell wieder ein trockenes Gefühl, "außen" hingegen ist das Shirt noch feucht.

Beim intensiven Schwitzen hat reine Merinowolle ihre Schwächen. Sie trägt sich sehr angenehm und wenn man mal kurz ins Schwitzen gerät, ist alles noch im grünen Bereich. Aber bei längerem Schwitzen hat Merino seine Probleme. Denn wenn der Wollpuffer voll ist, dann wärmt auch Merino nicht mehr und dem Träger wird kalt.

Das Ternua Uigur aus Polartec Power Wool hat auch gut funktioniert. Allerdings im direkten Vergleich mit Transtex nicht ganz so gut. Die Wollschicht auf der Haut ist zwar gut fürs Tragegefühl, aber nicht ganz so gut beim Schwitzen. Schwitzt man mehr, hat man ein feuchtes Gefühl auf der Haut. Am wenigsten gefallen hat den Testern das Funktionshemd von Odlo. Das lag aber auch an der Passform, die leider nicht ganz so ausgereift (Faltenwurf) war.

"Plastik"-Hemden

Und wie steht es mit der Synthetik? Auch die Hemden aus "Plastik" können voll überzeugen. Besonders wenn man vermehrt schwitzt oder sich über einen längeren Zeitraum anstrengt (Skitour, Bergtour …), ist das Material sehr gut. Außerdem trocknet es schnell, weil es kaum Feuchtigkeit aufnimmt. Es ist weniger warm und daher besonders bei höheren Temperaturen angenehm zu tragen. Daher eignet sich Synthetik vor allem auch dann, wenn man keine Möglichkeit hat, sich nach dem Schwitzen umzuziehen.

Ein ganz typischer Einsatzzweck sieht wie folgt aus: Für die (Ski-)Tour als erste Lage für den Aufstieg ist ein Synthetik-Hemd (oder Transtex) wie geschaffen. Wer kaum schwitzt, kann alternativ auch Mischgewebe oder Merino tragen. Vor der Abfahrt (oder dem Abstieg) tauscht man sein durchgeschwitztes Synthetik-(oder Mischgewebe-) Shirt gegen ein kuscheligwarmes Merino-Teil.

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Die Shirts von Arc'teryx und Löffler erreichten beide die ALPIN-Note Sehr Gut.

| © alpin.de

Und wie sieht es mit der Geruchsentwicklung von Synthetik-Wäsche aus? Auch die haben wir getestet: Nach einem Tag am Körper konnten wir uns mit dem Arc’teryx Phase AR noch getrost unter Leute wagen und sind beim Apres-Ski nicht gemieden worden. Wenn man ein reines Plastikhemd allerdings drei Tage anziehen möchte, ohne es zwischendurch zu waschen, wird es langsam unangenehm. Allerdings bei weitem nicht mehr so markant, wie das noch vor einigen Jahren war. Genau wie bei Merino gibt es aber auch Leute, die Synthetik-Materialien partout nicht auf der Haut haben können. Für die gibt es ja nun Alternativen.

Fazit

  • Wolle ist genial im Winter und für Menschen, die wenig schwitzen.

  • Wolle ist gut geeignet für Stop

  • Wolle ist für den Sommer ungeeignet (zu warm, zu lange Trockenzeiten).

  • Synthetik und Mischgewebe sind gut im Sommer und für "Viel-Schwitzer".

Text von Olaf Perwitzschky

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