Mit der Unterwäsche ist es wie mit dem Frühstück: Sie ist die Basis für unsere Leistungsfähigkeit. ALPIN erklärt, welche Typen von Funktionsunterwäsche was können – und was nicht.

Schwitzen muss beim Sport jeder. Der eine mehr, der andere weniger. Millionen Drüsen sondern Schweiß aus, der dafür sorgt, dass unsere Körpertemperatur bei gesunden 37 Grad Celsius bleibt. Das Kühlsystem funktioniert dadurch, dass Feuchtigkeit durch Verdampfen abgeben wird.

Das verdampfende Wasser nimmt überschüssige Körperwärme auf und gibt sie nach außen ab. Es entsteht Verdunstungskälte. So weit so gut. Solange der Organismus belastet wird, produziert er weiter Wärme. Unterbrechen wir die Belastung, beispielsweise am Stand bei einer Klettertour, am Gipfel oder einfach bei einer Pause, fährt der Kreislauf seine Leistung nach unten.

Er produziert weniger Wärme – ein durchschwitztes Bekleidungsteil kühlt weiter, weil weiter Feuchtigkeit verdunstet. Es kommt zum unangenehmen Auskühlen nach der Belastung, dem sogenannten "post exercise chill". Funktionsunterwäsche, auch First-Layer genannt, soll den Körper genau hier unterstützen.

Sie soll den Körper bei Belastung kühlen, um die Temperatur konstant zu halten. Gleichzeitig soll sie so schnell trocknen, dass es uns beim Verringern der Belastung nicht friert. Das bedeutet: Die Kleidung darf den Schweiß nicht zu schnell abtransportieren. Ein dünner Schweißfilm auf der Haut muss sein.

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Wird es anstrengend fließt der Schweiß oft in Strömen.

| © Birgit Gelder

Um die Verdunstungskühlung zu fördern, sollte die Funktionsunterwäsche deshalb den Schweiß großflächig verteilen – auf der Haut und an der Oberfläche der Wäsche – wo er als Wasserdampf Wärmeenergie abtransportiert.

Würde die Feuchtigkeit restlos von der Haut abtransportiert, würde der Kühleffekt unterbunden, der Körper würde immer mehr Schweiß produzieren und zu viel Flüssigkeit verlieren. Die Kombination von trockener Haut und Funktionsunterwäsche sollte es daher nur im Ruhezustand geben.

Man liest oft vom trockenen Mikroklima auf der Haut. Das klingt zunächst nach Komfort, widerspricht aber dem eben beschriebenen physiologischen Effekt der Kühlung bei körperlicher Anstrengung. Bei diesem komplexen System spielt eine Reihe von Faktoren eine wichtige Rolle.

Zum einen produziert nicht jeder Mensch bei gleicher Belastung die gleiche Wärmeenergie und Feuchtigkeit. Manche schwitzen mehr, andere weniger. Zum anderen wird nicht jeder Outdoorsportler mit der gleichen Intensitäts eine Aktivitäten absolvieren.

Der moderate Wanderer belastet sich weniger als der Bergläufer oder Hochalpinist. Des Weiteren spielen natürlich das herrschende Klima sowie die getragenen Bekleidungsschichten eine Rolle. Auch das Tragegefühl bestimmter Materialien ist individuell sehr unterschiedlich.

ALPIN-Info: Kleine Faserkunde

  • Polyester (PES): die am häufigsten verarbeitete Faser, geringe Feuchtigkeitsaufnahme (max. 1% des Eigengewichts), schnell trocknend, sehr leicht, formbeständig und UV-resistent.
  • Polyamid (PA): z.B. Nylon, geringe Feuchtigkeitsaufnahme (max. 4% des Eigengewichts), leicht, schnell trocknend, sehr hohe Abrieb- und Reißfestigkeit, langlebig.
  • Polypropylen (PP): sehr leicht, 0% Feuchtigkeitsaufnahme, robust, antistatisch, sehr schnell trocknend, weicher Griff, neigt stark zur Geruchsbildung.
  • Merinowolle: Feuchtigkeitsaufnahme bis zu 30% des Eigengewichts, wärmt aktiv, so lange sie noch Feuchtigkeit aufnehmen kann, geruchshemmend, trocknet langsam.
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Mit verschiedenen Strukturen auf den Oberflächen versuchen die Hersteller gezielte Effekte zu erreichen.

| © alpin.de

Synthetikfasern

In erster Linie wird synthetische Funktionsunterwäsche aus Polyester (PES), Polyamid (PA) und Polypropylen (PP) hergestellt. Diese drei Grundmaterialien nehmen alle so gut wie kein Wasser auf und trocknen deshalb sehr schnell. Sie werden überwiegend zu einlagiger oder zweilagiger Maschenware verarbeitet.

Bei zweilagigem Stoff besteht die hautnahe Schicht meist aus weniger Fasern mit größerem Durchmesser, die hautferne Schicht aus mehr Fasern mit kleinem Durchmesser. Das ist dem Prinzip geschuldet, nach dem Wasser bestrebt ist, sich über eine möglichst große Fläche auszubreiten. 

Viele dünne Fasern außen haben in der Summe die größere Oberfläche als die wenigeren und dickeren Fasern innen. Es entsteht ein Kapillargefälle, das dafür sorgt, dass der Schweiß von der Haut nach außenabtransportiert wird.

Dieses Prinzip der zweiflächigen Maschenware mit Kapillargefälle wurde in den 70er-Jahren entwickelt und ist bis heute Stand der Technik. Mittlerweile werden die Querschnitte der Fasern schon beim Spinnen so geformt, dass sie eine größere Oberfläche beispielsweise durch "Rinnen" oder „Gräben“ bekommen. Diese lassen die Feuchtigkeit durch ihre größere Oberfläche schneller verdunsten.

Bei einlagigen Stoffen übernimmt eine Lage beide Funktionen, was genauso gut funktionieren kann. Es gibt derzeit eine schwer überschaubare Auswahl an Kunstfaserunterwäsche. Auch wenn die Grundfasern gleich sind, unterscheiden sie sich unter anderem in Faserdicke, Garn und Strick.

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Wasserdampf? Wehe wenn man jetzt das falsche Shirt trägt.

| © Birgit Gelder

Grundprinzip bei synthetischer Unterwäsche ist immer, auf der Innenseite für rasche Weiterleitung der Feuchtigkeit in die äußere, über eine große Oberfläche verfügende Schicht zu sorgen. Dies kann über eine Waffel- oder Rippenstruktur, Vertiefungen oder auch bestimmte Schlingenanordnungen geschehen. Hier haben viele Hersteller ihre eigenen Konzepte entwickelt.

Zusätzlich wird mit "Body Mapping"- Konstruktionen versucht, die Funktion der Unterwäsche auf einzelne Körperregionen anzupassen. Dabei werden die Modelle so konzipiert, dass die Materialien an Rücken, Bauch, Schultern oder Achseln unterschiedlich bearbeitet sind. Sie sind dann dort luftdurchlässiger, robuster oder auch dichter. Je nachdem, welche Funktion in diesem Bereich gerade an erster Stelle steht. Neben den Synthetikprodukten gibt es seit einigen Jahren auch Unterwäsche aus Wolle, genauer Merinowolle, auf dem Markt.

Merionowolle

Dieses Material hat einen deutlich geringeren Faserdurchmesser als herkömmliche Wolle, sodass die Fasern relativ biegsam sind. Daher kratzt sie deutlich weniger bis gar nicht, wobei sich hier das persönliche Empfinden sehr unterscheidet. So reagieren etwa zehn Prozent der Bevölkerung allergisch auf Wolle.

Vor- und Nachteile von Merinowolle:

  • Sie neigt wesentlich weniger zum "Müffeln".
  • Sie kann bis zu 30 Prozent des Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen und fühlt sich dabei trotzdem trocken an.
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"Aus Gründen des Tierschutzs empfehlen wir wollfreie Produkte." Frank Schmidt, Bekleidungsexperte PETA (People for the Ethical Treatment of Animals)

| © alpin.de

Das liegt am Aufbau der Fasern und an der Physik. Die feinen Härchen können in ihrem Inneren Feuchtigkeit speichern. Tritt beim Schwitzen Wasserdampf aus der Haut aus, so sättigt sich die Wolle zunächst einmal selbst und gibt den Dampf nicht nach außen ab. Dabei kondensiert der Dampf, wird flüssig und gibt Energie in Form von sogenannter Kondensationswärme ab.

Dieser Effekt kann aber auch einen (in diesem Moment nicht erwünschten) Wärmestau bewirken. Aber: Erreicht die Wolle ihre maximale Pufferkapazität, wird sie nass und es entsteht keine Kondensationswärme mehr. Auf der Suche nach dem Optimum an Funktion hat die Industrie Synthetik-Merino-Mischungen auf den Markt gebracht.

Hier ist meistens die Synthetikfaser auf der Innenseite und die Merinowolle auf der Außenseite des Materials. So sollen die geruchshemmenden Eigenschaften der Wolle und das gute Feuchtigkeitsmanagement der Chemiefaser kombiniert werden.

Leider kommt man bei Merinowolle um ein Thema nicht herum. Die starke Aufwertung des Produkts hat schon seit längerem zur Massentierhaltung von Schafen geführt. Allein in Australien, dem größten Merinowollproduzenten weltweit, werden rund 74 Millionen Tiere gehalten.

Zur Steigerung des Wollertrags wird den Tieren eine größere Hautoberfläche angezüchtet. Das führt zur Faltenbildung. Im Bereich des Afters bleibt Kot in diesen Hautfalten hängen, in dem Fliegen ihre Eier ablegen. Das bedingt oft Infektionen und in Folge dem Tod der Schafe.

Um dem vorzubeugen, werden den Schafen ohne Betäubung die entsprechenden Fell- und Faltenteile am After großflächig herausgeschnitten. "Mulesing" nennt man das Verfahren, das von Tierschutzorganisationen wie "PETA" auf der ganzen Welt angeprangert wird.

Viele Bekleidungshersteller auch im Outdoorbereich sind hier mittlerweile sehr sensibel. So achtet mancher Hersteller darauf, nur noch mulesing-freie Wolle zu verwenden. Die neuseeländische Wollindustrie hat das Mulesing seit 2010 auf freiwilliger Basis größtenteils eingestellt und vergibt das kontrollierte ZQ-Siegel zur Kennzeichnung rückverfolgbarer mulesingfreier Wolle.

In Südafrika ist Mulesing seit 2009 offiziell verboten, aber in Australien dagegen noch gängige Praxis. Es gibt jedoch noch einen problematischen Aspekt. Die älteren, nicht mehr so leistungsfähigen Schafe werden nach Nordafrika oder Arabien zur Fleischproduktion verkauft.

Bei oft wochenlangen Transporten mit tierunwürdigen Bedingungen verenden etwa zehn Prozent der Tiere. Bei einer geschätzten Zahl von mehreren Millionen verkauften Tieren pro Jahr eine gewaltige Zahl. Tierschutzverbände bitten die Verbraucher daher, auf Produkte aus anderen Textilfasern umzusteigen.

Die Themen Geruch, Was für wen?, Nachhaltigkeit, ALPIN-Tipp und das ALPIN-Fazit finden Sie hier im zweiten Teil des Berichts.

Text von Johannes Wessel

1 Kommentar

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rolla

Polypropylen neigt zu starker Geruchsbildung?
Aussagen der Werbung und nutzer sagen, dass es weniger und länger braucht bis es riecht im Vergleich zu anderen Syntetikfasern.

Wie kommt diese gegenteilige Aussage?
Grüße