Der Deutsche Alpenverein hat die Bergunfallstatistik für das Jahr 2020 vorgelegt. Der aktuelle Berichtszeitraum reicht vom 1. November 2019 bis zum 31. Oktober 2020 und umfasst je eine komplette Winter- und Sommersaison in den Bergen. Datengrundlage sind ausschließlich Meldungen zu Unfällen von DAV-Mitgliedern weltweit.

So wenige Tote wie im Jahr 2020 gab es in der fast 70-jährigen Geschichte der DAV-Bergunfallstatistik noch nie. 28 DAV-Mitglieder kamen im Berichtszeitraum beim Bergsport ums Leben - und damit halb so viele wie im Jahr zuvor (einem Jahr mit ausgesprochen vielen Toten). 

Gleichzeitig liegt die Anzahl der Unfall- und Notfallmeldungen insgesamt auf Vorjahresniveau. Insofern liegt der Schluss nahe, dass die Bergsportler*innen mit mehr Zurückhaltung unterwegs waren als normalerweise. Das entspräche jedenfalls den Appellen, die die Alpenvereine aus Corona-Gründen an die Bergsportszene gerichtet haben.

Die sehr geringe Todesfallquote 2020 dürfte also eine auch durch die Pandemie beeinflusste Ausnahme darstellen. Den Trend zu immer geringerem Risiko beim Bergsport gibt es hingegen schon lange. Zum Vergleich: In der ersten DAV-Bergunfallstatistik waren 43 Tote zu beklagen - bei rund 110.000 Mitgliedern. Im Jahr 2017 (ein durchschnittliches Jahr in der jüngeren Zeit) waren es 41 Tote bei 1,24 Mio. Mitgliedern.

Das Risiko für DAV-Mitglieder, beim Bergsport tödlich zu verunfallen, war vor fast 70 Jahren also etwa elfmal höher als heute. Zur Veranschaulichung des aktuellen Bergsportrisikos (auf Basis der Zahlen von 2018/19): Ein*e Bergsportler*in müsste rund 228 Jahre jeden Tag eine Wanderung unternehmen, bis sie statistisch gesehen erstmals eine Verletzung erleidet.

Die Gründe für das mittlerweile geringe Bergsportrisiko sind vielfältig: Mehr Wissen und Können in der Bergsportszene, bessere Wetterberichte, bessere Ausrüstung und bessere Tourenplanung gehören sicherlich dazu.

Mehr Unfälle und Notfälle an Klettersteigen und beim Mountainbiken

Ob Bergwandern, Alpinklettern, Sportklettern, Skitourengehen, Pisten- und Variantenskifahren oder Hochtourengehen - bei den meisten Bergsportdisziplinen ging die Anzahl der gemeldeten Unfälle und Notfälle zurück. Nicht so beim Klettersteiggehen und Mountainbiken: 

Bei Erstgenanntem gab es im Berichtszeitraum 69 Meldungen mit drei tödlichen Ausgängen, während es ein Jahr zuvor 33 Meldungen und zwei Tote waren. Beim Mountainbiken wurden 2020 insgesamt 65 Vorfälle mit einem tödlichen Ausgang gemeldet, während es ein Jahr zuvor 38 Meldungen mit ebenfalls einem Todesfall waren.

An Klettersteigen waren die Unfälle und Notfälle in den Jahren zuvor konstant rückläufig. Ob die aktuellen Zahlen eine Trendumkehr einläuten, ist allerdings ungewiss. Sicher ist hingegen, welche Ursache hinter den Unfällen und Notfällen steckt: Überforderung. 

Dem entspricht, dass die Mehrzahl der Vorfälle aus sehr schwierigen Klettersteigen gemeldet werden und dabei Blockierungen ("Ich komme nicht mehr vor und zurück!") doppelt so häufig (54%) vorliegen wie Stürze (24%). Klettersteige werden also womöglich unterschätzt. Dafür spricht auch, dass vermehrt überforderte Kinder und Jugendliche aus Klettersteigen gerettet werden müssen. 

Beim Mountainbiken sind zwei Dinge sehr bemerkenswert. Erstens ist der Anteil der Unfälle und Notfälle mit E-Bikes mit 12% überraschend gering. Es sind vor allem die Bikeparks, aus denen vermehrt Vorfälle gemeldet werden - und nicht die Trails. 

Zweitens hat es keine Kollisionen zwischen Wandernden und Mountainbiker*innen gegeben - übrigens nicht nur in 2020 nicht, sondern in 20 Jahren nicht. Falls es also hier und da Konflikte zwischen diesen Fraktionen geben mag: Unfälle spielen dabei keine Rolle.

2 Kommentare

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Heisltschick

Bergsteigen ist Nächstenliebe. Wer vom Berg fällt, macht schon keinem Geimpften keinen Intensivplatz streitig...

Rex Kramer

Wer sich - ängstlich - zu Hause einschließt, kann nicht am Berg umkommen. Wenn sich alle - gehorsam - in Isolation begeben, kann *der* *Bergsportler* durchschnittlich unendlich viele Jahre nicht auf den Berg gehen, ohne - statistisch gesehen - je einen Bergunfall zu erleiden. Aber der Schnitter holt sich seine Ernte doch. Für unsere Gesellschaften sind Krankheit und Tod noch immer die großen narzisstischen Kränkungen, die entweder tabuisiert oder übergrell an die Wand gemalt werden müssen. Wir sind eine Gesellschaft von Hypochondern mit Vollkaskomentalität. Ohne jede Resilienz gegenüber den Risiken des Lebens. Aus Angst vor dem Tod verzichten wir aufs Leben. Für ein trügerisches Gefühl von Sicherheit sind wir bereit, Freiheit und Selbstbestimmtheit zu opfern. Wir erleben eine zivilisatorische Degeneration.