Gemeindechefs wehren sich gegen Stigmatisierung als Umweltsünder.

Im Zuge des viel diskutierten "Gletscherzusammenschlusses Pitztal/Ötztal" haben am Dienstag, den 19. November, die Pitztaler Gemeindechefs und der Pitztaler Tourismusverband zu einer gemeinsamen Pressekonferenz gebeten.

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In einer emotionalen Stellungnahme wurde ein Bekenntnis der Tiroler Landesregierung zum Koalitionsabkommen gefordert und den Projektgegnern unbegründeter Populismus vorgeworfen. Veit Schumacher, Redakteur des Bergsportblogs airFreshing.com war für ALPIN vor Ort.

Bis zu 1,5 Meter Neuschnee sind im hinteren Pitztal gefallen. Doch Ruhe kehrt deshalb noch längst nicht ein in den vier Gemeinden Arzl i. P., Wenns, Jerzens und St. Leonhard. Zu sehr schwappten in der jüngsten Vergangenheit die Wogen der Entrüstung in das rund 30 Kilometer lange Tal hinein, als die tatsächlichen Ausmaße der geplanten Zusammenlegung der beiden Skigebiete von Pitztal und Ötztal in der breiten Öffentlichkeit bekannt wurden. 

Hinweis des Deutschen Alpenvereins auf die Petition gegen den Zusammenschluss auf Facebook:

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Befeuert wurde diese Entrüstung durch eine mittlerweile von 150.000 Menschen unterschriebene Petition und schwere Vorwürfe seitens verschiedener Umweltschutzverbände sowie der Alpenvereine in Deutschland, Österreich und Südtirol, die massive Eingriffe in eine schützenswerte Gletscherlandschaft befürchten. 

So gerät das ambitionierte Bauprojekt bereits während der Planungsphase gewaltig in Schieflage und droht aufgrund des enormen öffentlichen Drucks noch vor dem ersten Spatenstich zu platzen.

Auf der Pressekonferenz (von rechts): Karl Raich, Bürgermeister Jerzens und Planungsverbandsobmann, Josef Knabl, Bürgermeister Arzl im Pitztal, Elmar Haid, Bürgermeister St. Leonhard im Pitztal, Walter Schöpf, Bürgermeister Wenns, Rainer Schultes, Obmann Tourismusverband Pitztal.

| © TVB Pitztal

Ein absolutes Worst-Case-Szenario, wenn man dem Planungsverband Pitztal Glauben schenkt. Elmar Haid, Bürgermeister der Standortgemeinde St. Leonhard i. P., verwies zudem noch einmal auf die Notwendigkeit eines regionalwirtschaftlichen Impulses für eine der strukturschwächsten Regionen Tirols. Demnach verzeichnet das Pitztal seit 2009 einen Rückgang der Talbevölkerung um -0,5 Prozent, was laut Karl Raich, Bürgermeister von Jerzens, vor allem auf das mangelnde Angebot an lokalen Arbeitsplätzen zurückzuführen sei. 

Lest hier, wie der Österreichische Alpenverein das Vorhaben sieht.

Rainer Schultes, Obmann des TVB Pitztal: Im Pitztal herrsche "rund acht Monate im Jahr tiefster Winter", die Menschen könnten "nicht alleine vom sanften Tourismus leben".

| © Veit Schumacher

Der seit 2013 zu beobachtende Negativtrend mache sich aber auch in der Bettenauslastung bemerkbar. Dadurch würde in den Tourismusbetrieben ein Investitionsstau entstehen, der mit weniger Aufträgen für lokales Gewerbe und Handwerk einhergehe. Alles Entwicklungen, die die Tiroler Landesregierung im Jahr 2016 dazu veranlasste ein "Regionales Wirtschaftsförderungsprogramm" (RWP) für das Pitztal zu verabschieden. 

So ist "der gesamte Projektbereich bereits seit 2005 mit einer raumordnungstechnischen Widmung des Landes Tirol für eine skitechnische Erweiterung freigegeben", fügt Walter Schöpf, Bürgermeister von Wenns, hinzu. Die Bewilligung entscheidet schlussendlich ein rechtsstaatliches Behördenverfahren, das voraussichtlich im Januar 2020 zu einem Ergebnis kommen wird.

Aus diesen Gründen und vor allem wegen der "populistischen Fehlinformationen gegen die Bevölkerung des Tales und der verzerrenden Informationspolitik der Gegenaktivisten" stellen sich die Pitztaler Bürgermeister geschlossen hinter das Bauvorhaben und fordern für die Zukunft eine neutralere Berichterstattung seitens der nationalen wie auch der internationalen Medien. 

So stellt der Österreichische Alpenverein die Dimension des Vorhabens in einem Facebook-Post dar:

Insbesondere dem Mitinitiator der Online-Petition, Dr. Gerd Estermann, werden populistische Verzerrungen vorgeworfen, die "den Nährboden für internationale Falschmeldungen von Gipfelsprengungen und dergleichen bilden". Zugleich verweist Elmar Haid auf den immensen Aufwand, den die Pitztaler jedes Jahr betreiben, um die vorhandene Infrastruktur instand zu halten und die zum Großteil unberührten Naturlandschaften zu schützen.

Ebenso klar soll auch kommuniziert werden, dass im gesamten Pitztal eine breite politische Zustimmung zum Vorhaben der Skigebietsbetreiber vorliege.

Diese Infografik mit den geplanten neuen Anlagen des Skigebiets soll die Argumentation der Pitztaler Gemeindeschefs stützen.

"Wir können nicht allein vom sanften Tourismus leben"

Gerade einmal 64 Hektar an Flächen werden für die geplanten Skipisten benötigt, von denen 58 Hektar auf Gletschern entstehen und lediglich rund 0,6 Prozent der gesamten Gletscherfläche von St. Leonhard und Sölden entsprechen soll. Einzig der zu erwartende Anstieg des Durchgangsverkehr von rund 9 bis 14 Prozent bereitet Josef Knabl, Bürgermeister von Arzl i. P., ein wenig Sorgen. 

Dieser soll sich aber auch ohne den Gletscherzusammenschluss auf sechs Prozent beziffern und vor allem durch die Einheimischen selbst versursacht werden. Deshalb sieht Knabl die "Gletscherehe" weniger als Belastung für seine Gemeinde, sondern eher "als Anstoß für ein noch stärkeres ÖPNV-Angebot" und die Entwicklung einer entsprechenden Mobilitätsinfrastruktur.

Mit den Worten: "Wir können nicht allein vom sanften Tourismus leben", beendete Rainer Schultes, Obmann des TVB Pitztal, die Pressekonferenz. Nicht ohne noch einmal auf die Tatsache aufmerksam zu machen, dass im Pitztal rund acht Monate im Jahr tiefster Winter herrsche und man nicht immer nur von öffentlichen Fördermitteln abhängig sein wolle. 

Stellungnahme des Tiroler Landeshauptmanns Günther Platter (ÖVP) auf Facebook:

Daher sieht er in dem Gletscherzusammenschluss eine Chance, auf die man mehr als 30 Jahre gewartet habe. In diesem Zusammenhang ist ihm vor allem die polarisierende Kommunikation verschiedener Aktivisten ein Dorn im Auge, die sich seiner Meinung nach vor allem gegen die Menschen im Pitztal richte und einen immensen Schaden verursache.

Text von Veit Schumacher

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9 Kommentare

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Philipp Radtke auf Facebook

Von dem Schaden durch massive Stornierungen für die Hoteliers und das Tal, die letzte Saison entstanden sind, weil einer wichtigsten Lifte für den Skibetrieb gesperrt wurde, weil illegal Teile eine Bergrückens gesprengt wurden ist natürlich nicht die Rede. Nicht überraschend.

Hermann Taber auf Facebook

Also wer die WAHRHEIT ausspricht ist populistisch ? Also Ihr seid die Perfekten Naturzerstörer und NUR GELDGEIL das man aber NICHT ESSEN KANN !!!!!! Schämt Euch für solch zerstörerischen Pläne ! Wir Touristen werden sie mit Urlaubsboykott in Österreich beantworten :-( Das ist ein Schuß in EUER eigenes Knie

Raphael Brenner auf Facebook

... irgendwann werdens auch noch merken, dass sie ihr (..., Kraftausdruck entfernt, d. Red.) Geld net fressen können!!!!
...aber da ist's wahrscheinlich dann leider schon zu spät!!!

Bäumler

Ich denke Tirol hat genug sehr viele große Skigebiete und der Markt ist gesättigt.

olliS.

Ganz ehrlich, warum die ganze Aufregung ? Bei den steigenden Preisen (Ausrüstung, Unterkünfte, Liftpreise, etc.) für den lieben schönen Sport im Schnee, werden in ein paar Jahren nur noch die Erfolgreichen und Wohlhabenden ihre Spuren in den Schnee wedeln können. Das werden sicher keine Massen mehr sein. Und: lernen junge Menschen fern der Alpen heute noch Skifahren ? Wohl kaum. Mag also sein, dass trotz Klimawandel tatsächlich weiterhin Schnee fällt, es wird trotzdem leer werden.

Walter Neururer auf Facebook

Eine Naturzerstörung in diesem Ausmaß - heutzutage einfach nicht zu glauben

Jones Beyer auf Facebook

Getroffene Hunde bellen - wie diese scheinbaren G'schaftlhuber. Kein Gedanke an die Bewahrung der wertvollen Natur. Dagegen wird sicher schon ausgeklüngelt, wer welchen Bauauftrag bekommen sollte und wer Geschäftsführer oder Gesellschafter werden könnte...

Schwebekopf

Ganz ehrlich, wie viel des Profits aus dem Skigebiet käme denn tatsächlich bei der einheimischen Bevölkerung an? Eine goldene Nase verdienen sich doch allenfalls Hoteliers und Eigentümer von Liftanlagen. Die Gastromitarbeiter/innen werden doch weiter am Hungertuch nagen, deshalb macht es doch auch jetzt schon keiner der Einheimischer mehr, sondern Gastarbeiter aus Osteuropa. Und dafür sollen wir diese einmalige Hochgebirgslandschaft endgültig zerstören? Nein!

Patricia Grein auf Facebook

Es wird passieren :-(