"Im Alpinismus geht es mittlerweile viel um mediale Darstellung"

Interview mit Profi-Alpinist Michi Wohlleben

ALPIN-Volontärin Lubika Brechtel traf Profi-Kletterer und Bergführer Michi Wohlleben zum Gespräch. Michi wurde in der Bergsportszene bekannt durch die Überschreitung des Wettersteingrats in 40 Stunden, der ersten Wintergesamtüberschreitung der Drei Zinnen und die Wiederholung anspruchvoller Kletterrouten wie der Speed Intégrale (9a). Ein Gespräch über Michis Projekt am Alpstein, seinen Blick auf den Alpinismus und die Grenzen zwischen Athleten- und Influencertum.

Michi beim Projektieren an der Dreifaltigkeit im Alpstein.
© Michi Wohlleben

ALPIN: Nach einigen großen Projekten der letzten Jahre ist es ruhig um dich geworden. Wie kommt’s? Und, was hast du gemacht?

Ruhiger ist es nur in meiner Kommunikation nach außen geworden. Ich war weiterhin viel unterwegs. Insgesamt kletterte ich vier fordernde Projekte innerhalb von sechs Monaten: Die erste harte Tour war 2020 Beat Kammerlanders Silbergeier (8b+), die ich rotpunkt beging.

Im Herbst knackte ich mit Korra Pesce (Anm. d. Red. Profi-Alpinist Korra Pesce kam im Frühjahr 2022 unter dramatischen Umständen am Cerro Torre ums Leben) "Amore Supercombo" am Piz Badile. Das war die erste Wiederholung der Route. Eine mega Tour: Man folgt einer krass dünnen Linie aus Eis.

Im Dezember 2020 knackte ich Egidius (M7+/WI6+), eine starke Erstbegehung von Dani Arnold und Roger Schäli. Und im Februar 2021 wiederholte ich als Zweiter "Come on baby". Parallel begann ich, berufsbegleitend Physiotherapie zu studieren. Mit Studium, Training, Führen und Familie ist die Woche dann schon relativ voll (lacht).

<p>Michi gelang die erste Wiederholung von Egidius, einer Mixed-Tour in der Nordwand des Gross Ruchen (3137 m) in den Glarner Alpen.</p>

Michi gelang die erste Wiederholung von Egidius, einer Mixed-Tour in der Nordwand des Gross Ruchen (3137 m) in den Glarner Alpen.

© Michi Wohlleben

ALPIN: War für 2022 etwas geplant?

Ja, für 2022 hatte ich gemeinsam mit meinem Seilpartner Lukas Hinterberger ein großes Projekt geplant, wir sind aber gescheitert. Das ist extrem mühsam: Du bereitest dich auf ein Projekt vor, es floppt und natürlich hängt man das dann nicht an die große Glocke.

Dazu kommt: Die Vorbereitung auf Projekte ist oft so spezifisch, dass man nicht einfach etwas anderes angehen kann, wenn der ursprüngliche Plan nicht aufgeht.

ALPIN: Du bist Profi seit du 16 Jahre alt bist. Hat sich dein Blick auf den Alpinismus über die Jahre verändert?

Ja! Nach meinen Beobachtungen geht es im Alpinismus mittlerweile viel um mediale Darstellung. Sobald du mit spektakulären Bildern an die Öffentlichkeit gehst – unabhängig vom Erfolg deines Projekts – denken alle: "Ja, der Wohlleben ist noch am Start“ (lacht). Ich mache das in Absprache mit meinen Sponsoren anders. Ich versuche, mich auf den Sport zu konzentrieren. Wenn ich Leistung bringe, wird es kommuniziert, und wenn nicht, dann wird es nicht kommuniziert.

<p>Zum richtigen Zeitpunkt unterwegs: Nur einen Tag nach Michis Begehung von "Come on baby" brach das Eis der Route aus der Wand.</p>

Zum richtigen Zeitpunkt unterwegs: Nur einen Tag nach Michis Begehung von "Come on baby" brach das Eis der Route aus der Wand.

© Rainer Eder

Natürlich gibt es den ein oder anderen Sponsor, dem das nicht so gefällt, der gerne hätte, dass mindestens ein Post pro Monat kommt. Aber das bin nicht ich, ich bin kein Influencer. Ich finde unglaublich, wie stark die Grenzen in letzter Zeit verschwimmen zwischen dem Influencertum und dem Athletentum. Letztendlich bestimmt nicht mehr die Leistung der Profis, sondern die Klickzahlen und Likes, was interessiert und was wichtig ist.

Es geht mir nicht darum zu sagen, dass andere etwas falsch machen und ich richtig. Das ist einfach die normale Entwicklung heutzutage, dass du als Athlet mit Sponsoren und Medien interagieren musst und dabei auch Projekte machst, die du vielleicht früher so nicht gemacht hättest. Und das ist überhaupt nicht schlimm. Nur habe ich für mich festgestellt, dass ich das nicht kann. Ich stehe dann nicht hinter dem Projekt.

Wo bleibt da das Herz? Gefährliche und schwierige Sachen kannst du nur angehen, wenn du aus vollem Herzen und voller Überzeugung dabei bist. Egidius, Supercombo, Speed Intégrale, das waren für mich alles Herzensangelegenheiten – und Leistungen an meinem Limit. Und das ist, worauf es mir ankommt. Nicht, wie viel ich posten und was ich wem erzählen kann. Das ist mir letztendlich total egal. Jeder muss für sich seinen Weg finden, oder? Und meiner geht über dieses Gefühl der Sinnhaftigkeit und des Limits. Jeder definiert dieses Limit selbst.

ALPIN: Seit mehreren Jahren projektierst du an der Dreifaltigkeit im Alpstein, in einer Route, die du selbst entdeckt und gebohrt hast. Wieso ausgerechnet diese Wand?

Ja, die Dreifaltigkeit ist auch ein Grund, weshalb man wenig von mir hört (lacht). Fakt ist: Die Tour ist über meinem Limit. Aber ich kann sie schaffen, ich kenne alle Züge, klettere mittlerweile ganze Sequenzen. Aber sie ist so schwer, dass ich Zeit brauche. Entdeckt habe ich sie zufällig, als ich Parzival (8b) rotpunkt beging.

<p>Michi beim Einbohren seiner Tour.</p>

Michi beim Einbohren seiner Tour.

© Michi Wohlleben

Meine Route ist super spezifisch: senkrechte Kletterei, vermutlich um 8c. Ich bin kein 9b-Kletterer, ich muss wirklich alles reinstecken, um die Tour frei durchsteigen zu können. Wenn ich jetzt etwas Ausdauerlastiges anfangen oder auf Expedition nach Pakistan fahren würde, hätte ich nicht mehr diese Spezifität und würde enorm zurückfallen.

Deshalb will ich gerade kein anderes Projekt starten, bevor das abgehakt ist. Ich meine, das ist so eine geile Route: Selbst erstbegangen, geil erstbegangen, fair erstbegangen (lacht). Und da will ich einfach punkten. Bevor ich nicht gepunktet habe, kann ich nichts anderes machen.

ALPIN: Vielen Dank für den spannenden Einblick!

Bilder von Michis Projekten findet ihr in der Slideshow "Michi Wohlleben: Vom Silbergeier zur Dreifaltigkeit":

Text von Lubika Brechtel

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