Kürzere Tage und längere Nächte haben Konsequenzen für die Tourenplanung. Und eröffnen eine völlig neue Erlebniswelt, viel Rücksicht auf die Natur vorausgesetzt! Wir sagen euch, worauf ihr bei eurer Nachttour achten müsst.

Sollte man in der Dunkelheit noch zu einer Tour aufbrechen? Warum nicht? Denn nachts ist alles anders.

Grundsätzlich funktioniert dann die menschliche Biologie anders als am Tag: Der Melatonin-Spiegel steigt und sorgt dafür, dass Körperkerntemperatur, Blutdruck und Muskelspannung sinken. Und natürlich die Konzentrationsfähigkeit: Klar, der Körper bereitet sich ja auf den Schlaf vor. 

Spiel der Geister: Nachts offenbaren sich wunderbare Effekte, die man tagsüber so nicht erlebt.

| © Birgit Gelder

Die Wissenschaft teilt Menschen in früh- und spätaktive Typen ein. Die "Lerchen"sind eher morgens fit, "Eulen" hingegen bringen auch noch später am Abend Leistung. 

Die sprichwörtliche innere Uhr ist übrigens nicht nur ein abstrakter Begriff. Man hat sie lokalisiert – der Taktgeber für den individuellen biologischen Rhythmus liegt wenige Zentimeter hinter der Nasenwurzel. Dort wird gesteuert, wann wir müde oder fit sind oder wie die Stimmungslage ist. Zum Beispiel ist man zwischen vier und fünf Uhr am unglücklichsten. 

Sport in der Nacht ist theoretisch kein Problem für den Körper. Er sollte allerdings eher im moderaten Ausdauerbereich stattfinden. Vollgas und Höchstleistungen sind nachts nicht angesagt, weil sie zu sehr aufputschen. Gemäßigte Anstrengung hingegen baut Stress ab. 

Angepasste Tourenplanung

Wer im Herbst auf Tour geht, kann mit verringertem Gewitterrisiko rechnen. Andererseits sollte er die verkürzte Tageslichtzeit berücksichtigen. Anfang Oktober ist es noch gut elfeinhalb Stunden hell. Am Ende des Monats schon eineinhalb Stunden weniger. Wobei in zehn Stunden Tageslicht noch viel möglich ist. 

Wird es dunkel, gibt es im Herbst schnell Bodenfrost.

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Natürlich sollte man eine Stirnlampe dabei haben, die im Zweifelsfall vor Benutzung aufgeladen wurde, wenn das gute Stück zuvor den Sommer über in der Schublade geschlummert hat. Denn ohne Licht abzusteigen, kann sogar dann zum echten Problem werden, wenn man die Tour kennt! Schließlich sieht manches bei Dunkelheit anders aus. Zudem schätzt man bisweilen Distanzen oder den Wegverlauf nicht richtig ein. 

Zwar weiß man, dass sich das Auge relativ gut an die Dunkelheit anpassen kann, aber man sieht im Dunkeln unschärfer und weniger Farben. Denn die Stäbchen, unsere Sinneszellen für das Dunkelsehen, sind nicht so gut für Schärfe und Farben ausgelegt. Die Umstellung auf das Sehen bei Nacht ist individuell recht unterschiedlich. Rund eine Viertelstunde braucht das Auge, bis es sich auf die schlechteren Lichtverhältnisse eingestellt hat.

Nach 30 Minuten hat es die maximale Dunkelsehkraft erreicht. Praktischerweise wird es in unseren Breiten abends nicht schlagartig dunkel, sodass die Augen genügend Zeit für die Umgewöhnung haben. Sinnvoll ist deshalb auch eine Rotlicht– Funktion an der eigenen Stirnlampe. Denn das meist grelle, weiße Licht macht sonst die Anpassung wieder zunichte. 

Rotes Licht hingegen stört die Augen nicht. Ein Hinweis für Brillenträger: Nachts verstärkt sich die Kurzsichtigkeit – ein Thema vor allem beim Autofahren! Aber auch in den Bergen: Schwierige Stellen können für Brillenträger so noch kniffliger werden.

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Temperaturunterschiede

Neben der schwierigeren Orientierung im Dunkeln spielen auch veränderte klimatische Bedingungen im Herbst eine Rolle. Sebastian Nachbar, Einsatzleiter der Bergwacht in Ruhpolding weiß, wie drastisch sich Temperaturen nach dem Sonnenuntergang verändern können: "Am Tag kann es rund 20 Grad warm sein. Verschwindet die Sonne dann hinter dem Horizont, sinkt die Termperatur rasch um 15 bis 20 Grad", erklärt er. 

Viele unter 30-Jährige haben noch nie die Milchstraße gesehen.

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Nasse Stellen oder Gras auf Wegen und Pfaden könnten da durchaus gefrieren und sich mit einer dünnen Eisschicht oder Reif überziehen. Je nach Gelände stelle das ein erhebliches Absturzrisiko dar, so Nachbar.

Schon ein verstauchter Knöchel, im Sommer lästig, könne zum ernsthaften Problem werden. Daher gehören für Nachbar neben Mobiltelefon und GPS-Gerät auch eine isolierende Jacke, ein Wechselhemd sowie ein leichter Biwaksack gegen das Auskühlen ins Gepäck. Der Bergwachtmann weiter: "Auch die Rettung gestaltet sich dann schwieriger." 

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Zwar gebe es Hubschrauber mit Nachtflugausrüstung. Die seien aber nicht so bergnah stationiert und bräuchten deutlich länger zum Unfallort. Und selbst wenn der Heli starte, berge eine Rettung im steilen Waldgelände ein großes Risiko für die Retter. "Da wird dann abgewogen, ob die Rettung aus der Luft noch sinnvoll ist oder nicht", weiß er. Entscheide man sich dagegen, werde zu Fuß abgestiegen. 

"Das dauert und ist für die Verunfallten deutlich unkomfortabler." Neben den Risiken, die eine nächtliche Tour mit sich bringen kann, hat die Dunkelheit aber auch ihre erlebnisreichen Besonderheiten. Die Luft ist klarer, der Sternenhimmel besser sichtbar. Und die Ruhe oder ein Sonnenaufgang auf einem Gipfel haben etwas Entspannendes.

Eine Umfrage ergab, dass fast die Hälfte der unter 30-jährigen Deutschen noch nie die Milchstraße gesehen hat. Das verwundert kaum. Denn allein in deutschen Großstädten ist es heutzutage nachts zehnmal heller als noch vor 150 Jahren. So können die Stille und die Dunkelheit eines nächtlichen Ausflugs für viele zu einer neuen, möglicherweise sogar heilsamen Erfahrung werden.

Tierwelt schonen

Das weiß auch Henning Werth, Gebietsbetreuer Allgäuer Hochalpen beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V.: "Nächtliche Aktivitäten nehmen spürbar zu", bemerkt er. Technisch ausgefeilte Stirnlampen, überfüllte Wanderrouten und die (sozialen) Medien mit Fotos wunderschöner Sonnenunter- oder aufgänge in den Bergen führten zu verändertem Verhalten.

Mit höchster Sensibilität lassen sich in der Dunkelheit nachtaktive Tiere beobachten.

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"Andererseits ist es in manchen Gebieten definitiv fatal für die Tiere, wenn es dort zu nächtlichen oder frühmorgendlichen Störungen kommt", erklärt er. Wahrscheinlich würde sich jeder gestört fühlen, wenn Fremde durchs eigene Schlaf- oder Esszimmer wanderten. Auch Tiere bräuchten ungestörte Ruhezeiten. Daher rät er, "auf den Wegen zu bleiben, sich so leise wie möglich zu verhalten und auch die Stirnlampen so reduziert wie möglich zu benutzen." Oft reiche die kleinste Stufe und manchmal gehe es auch ohne Licht.

"Wer das Gebiet kennt, weiß, wo sich Wildtiere aufhalten und sollte diese Bereiche dann unbedingt meiden", so Werth. Häufig sei das die sogenannte Krummholzzone, also der Übergangsbereich zu baumlosen Regionen. Gerade im Herbst benötigten Arten, die nicht ins Tal ziehen, genügend Energie für den Winter: 

Eine ausgeprägte und ungestörte Nahrungsaufnahme sei hier besonders wichtig, so der Biologe. Konkrete Verhaltensregeln ließen sich vor Ort erst formulieren, nachdem eine gemeindeübergreifende Raumkonzeption zur Besucherlenkung erarbeitet worden sei – tags wie nachts.

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