Die Zuschrift einer ALPIN-Leserin nahmen wir zum Anlass, mit Euch über den Gipfelgruß "Berg Heil" zu diskutieren.

Wie umgehen mit "Berg heil"? Der Gipfelgruß wirkt heute aus der Zeit gefallen. Andere, nicht deutschsprachige Bergsteigernationen wie Frankreich oder Italien kommen ohne einen markigen Gipfelgruß aus, dort gratuliert man sich ganz einfach zur erbrachten Leistung.

Auf der anderen Seite hat der Gruß "Berg heil" seinen Ursprung weit vor dem Nationalsozialismus. Als erster soll ihn der Wiener Bergsteiger August von Böhm 1881 auf dem Olperer seinen Weggefährten zugerufen haben.

Gehört "Berg heil" in die alpine Mottenkiste - wie Wadlstrumpf und Kniebundhose? (Aufnahme von 1935).

| © Imago / Arkivi

Für viele ist "Berg heil" nicht der Ausdruck einer völkischen – oder überhaupt irgendeiner – politischen Gesinnung, sondern schlicht der Freude, es auf den Gipfel geschafft zu haben;

eine Bergsteiger-Eigenheit, Eingrenzung eines gemeinsamen Interesses, so wie sich Motorradfahrer grüßen, wenn sie sich begegnen – oder eben auch Angler und Jäger, die sich für ihr Petri- und Waidmannsheil im Übrigen bisher keiner größeren Debatte stellen müssen.

Wie also sollen es Bergsteiger mit dem "Berg heil" halten? Aus Tradition weitergrüßen oder besser verzichten?

Und muss dann nicht alles Politische runter vom Berg – also auch das "Berg frei" der Naturfreunde, die ihren Gipfelgruß 1900 als Schlachtruf im Kampf um freien Zugang zu den Alpen etablierten und ihn noch heute mitunter als Verteidigung ihrer Rechte verstehen.

Und führt das nicht zu guter Letzt zur Frage: Wie sinnvoll ist es, gerade in aufgeheizten Zeiten, Politik und Sport strikt auseinanderzuhalten?

Leser-Reaktion auf Foto in ALPIN

Ausschlaggebend, ein Kontrovers zum Thema "Berg Heil" zu machen, war die Zuschrift einer Leserin. In unserer Dezember-Ausgabe haben wir ein Foto von einem Autoschlüssel abgedruckt, der am Berg verloren wurde und nun in der Kassette des Gipfelbuchs am Schottinger/Kleinen Schützabzuholen sei. 

Der Hinweis stieß auf viel Resonanz – allerdings nicht nur auf positive: Denn abfotografiert war der Schlüssel auf einer Seite des Gipfelbuchs, auf der deutlich "Berg heil!" zu lesen war. 

Von Martina F. erreichte uns dazu folgender Leserbrief:

Dieses Foto aus ALPIN 12/2019 hat die Diskussion ausgelöst.

| © ALPIN

Liebe Zeitschrift Alpin, Ich habe eure neueste Ausgabe vom Dezember zum ersten Mal und wirklich gerne gelesen. Allerdings muss ich sagen, dass in dem Aufruf zum Schlüsselfinder der deutlich erkennbare Schriftzug "Berg heil" doch besser nicht Tausende Male weitergeleitet werden sollte. In Zeiten, in denen rechtsextreme Bedrohungen und ungesunder Nationalismus sehr deutlich zunehmen, ist dieser völkisch-nationale Spruch aus uralten Zeiten, hier schlimmerweise auch noch in der entsprechenden Schrift, (obwohl der Rest der Nachricht ja sehr deutlich anders geschrieben wurde), es einfach nicht wert, überall zu erscheinen. 

Er ist nicht verboten, aber in diesem Schriftzug wirkt er schon sehr gewollt und an andere Heil-Sprüche erinnernd. Die Nachricht finde ich gut, aber den Schriftzug hätte ich nicht unreflektiert darin abgebildet. Wir brauchen derzeit nichts, was an die sehr ähnlichen Sprüche zu Zeiten des Nationalsozialismus erinnert!

Auch innerhalb der Redaktion haben wir daraufhin fleißig diskutiert: Wie umgehen mit dem Gipfelgruß "Berg heil"? Daraus ist die Idee enstanden, die Diskussion im Rahmen eines ALPIN-Kontrovers öffentlich zu führen.

"Einfach mal locker machen"

Auch wenn wir dieses Mal keine konkrete Frage zur Abstimmung gestellt haben, lässt sich doch ein eindeutiges Stimmungbild aus den abgegebenen Kommentaren ableiten.

Die überwiegende Mehrheit unserer User stößt sich nicht an "Berg Heil!" und wird diesen traditionellen Gipfelgruß auch weiterhin verwenden - ohne politische oder gar ideologische Hintergedanken, so wurde vielfach extra betont, sondern in erster Linie als "Anerkennung für die Leistung meiner Bergkameraden", wie es beispielsweise Bastian Manuel formulierte, oder weil der Gruß daran erinnert, es "heil" auf den Gipfel geschafft zu haben.

Aber es gibt auch andere Stimmen. "Natürlich würde ich allen anderen Bersteiger*Innen gestatten ihre persönliche Begrüßungsformel zu wählen, aber "Berg Heil" muss es nun wirklich nicht mehr sein!" Nach Ansicht von Martin Hinkel erinnere der Gruß doch an eine Zeit, "an die wir uns eigentlich nicht erinnern wollen, jedenfalls nicht an das, was so viel Unglück und Leid über die Menschheit gebracht hat."

Auch für User Ronni ist der Gruß "nicht unpolitisch"; er kommt daher zum Schluß, dass Traditionen zwar prinzipiell gut seien, "aber man muss immer wieder neu über sie nachdenken und sich überlegen, was erhaltenswert ist und was eher nicht."

Alle User-Kommentare findet Ihr unterhalb des Artikels!

Den ungekürzten Kontrovers-Artikel findet Ihr in ALPIN 02/2020.

73 Kommentare

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Johannes

Also ich persönlich finde es sehr schade, das alles was bei uns Tradition hat und schon lange vor Zeiten des Nationalsozialismus entstanden ist in Frage gestellt wird.
Und ich verstehe auch nicht wieso wir solche Sachen immer in Frage stellen, während es den Rest der Welt nicht interessiert. Und ich persönlich finde es völlig albern mit irgendwelchen Abgewandelten Formen es zu ersetzen.
Ich werde auch weiterhin am Gipfel mit meinen Kumpels den erfolgreichen Aufstieg mit Berg heil beglückwünschen.

Giulia Cioccolata


heil
/hei´l/
Adjektiv
1.
nicht verletzt, nicht versehrt
"heile Glieder haben"
2.
wieder gesund, wieder geheilt
"das Knie, die Wunde ist inzwischen heil"


Heil
/Hei´l/
Substantiv, Neutrum [das]
1.
jemandes Wohlergehen, Glück; etwas, was jemandem das ersehnte Gute bringt
"eine Heil bringende Wirkung"
2.
RELIGION
Erlösung von Sünden und ewige Seligkeit
"das ewige Heil"

Josef

Sehr geehrte Redaktion,
überrascht war ich, im Heft 2/2020 eine Abhandlung über den „alten Bergsteigergruß“ zu entnehmen. Ich schließe mich all jenen Menschen an, denen es alle Nackenhaare aufstellt oder auch die Kehle trocken werden lässt, wenn jene Rufe laut über die Gipfel hallen. Seit Jahren spreche ich mit meinen Berg- und Skitourenfreunden über mein Unwohlsein, wenn beinahe alle, die da glücklich oben stehen, ihr Berg ... rufen. Ich fand in meiner oft offen ausgesprochenen Ablehnung eher wenig Verständnis, gibt es ja auch ein Petri- und ein Weidmanns-… Gewohnheitsbild oder Gewohnheitsrecht? Ich bin, weil AUCH dort beheimatet, des Öfteren in Südtirol unterwegs. Wie muss es in den Ohren der Italiener und auch anderer Berggeher klingen, wenn oben alle glücklich „heil“ rufen? Obendrein, wir haben ja nicht den Berg besiegt, uns vielleicht. In Anbetracht des immer lauter werdenden Rechtsaußen-Volks wünsche ich mir von allen, denen eine demokratische Grundordnung lieb und teuer ist, die stille Akzeptanz jener Grußworte ernsthaft zu überdenken. Den Liebhabern der Berge wünsche ich ein gesundes, unfallfreies Jahr! Viele Grüße, Josef

Alma

Sagt man nicht auch Petri Heil und Waidmanns Heil, ohne an Rechtsaußen zu denken?

Andre Schreiber auf Facebook

In der Sächsischen Schweiz haben kommunistisch angehauchte DDR-Bergsteiger das traditionelle "Berg Heil" durch ein "Berg Frei" ersetzen wollen. Dieser Gruß wurde im Gipfelbuch konsequent durchgestrichen und in "Berg Heil" korrigiert. Das hatte nichts mit rechtem Gedankengut, sondern mit Bergsteigertradition zu tun.

Jörg Ohlhoff auf Facebook

Typisch deutsch, über alles mögliche muss diskutiert werden.. und am besten gleich in die rechte politische Ecke geschoben werden ... wir Gebirgsjäger sagen "Berg Heil" und dabei bleibt es auch ... an die Leserbriefschreiberin der gute Tipp , am besten daheim zu bleiben bei so viel rechtsradikalem Gedankengut in freier Wildbahn.

Christian Simunic auf Facebook

Es steht doch schon im Artikel selbst.. der Gruss war schon weit vor dem Nationalsozialismus verbreitet. Also völlig legitim und soll beibehalten werden. Wo sind wir eigentlich?

Tobias Boschek auf Facebook

Jeder der längere Zeit im Zillertal unterwegs war, wird mitbekommen, dass Einheimische hier auch "Heil" oder "Heile" als Begrüßung benutzen.... Find ich jetzt auch nicht schlimm... Aber der Deutsche regt sich gern über Sachen auf, die der Welt am A... vorbei gehen....

Daniel Haug auf Facebook

Ich sehe da relativ wenig Interpretationsspielraum.
Aber falls ich das falsch einschätze, hier meine Meinung:
der Ausdruck "heil" ist für mich als Gruß aus der deutschen Geschichte heraus so vorbelastet, dass ich ihn definitiv nicht nutzen möchte.
Damit möchte ich Bergsteigern und Kletterern, die diesen Ausdruck verwenden keinesfalls Nähe zur Ideologie des Nationalsozialismuses unterstellen aber ich finde die schon lange auch etablierte Variante "Berg frei" akzeptabler und werde diese konsequent für mich anwenden.

Astrid Eder auf Facebook

Irgendwo "heil" anzukommen, eine krankheit "auszuheilen", den "heiland" im glauben zu finden, etc. - all dies ist eindeutig positiv, auch im modernen sprachgebrauch. dass dieses "heil" auch in ns-zeiten vorangestellt wurde, sollte m.m.n. den aktuellen gebrauch nicht auf eine weise beeinflussen, dass im grunde positives ins negative gezogen wird. was würden dazu jene tiroler sagen, die sich jeden tag "heil!" (oder "heile!") wünschen bzw. sich auf diese art grüßen?

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