Ueli Steck gehört zu den erfolgreichsten Alpinisten und ist bekannt für seine Speed-Begehungen. Die Grundlagen für seinen Erfolg legt er unter anderem beim Trailrunning - für ihn eine Spielart des Bergsteigens, wie er im ALPIN-Interview verrät.

Ueli, du bist einer der erfolgreichsten Alpinisten der Gegenwart. Viele wissen nicht, dass du auch sehr engagiert beim Trailrunning unterwegs bist. Wie ist es dazu gekommen?

Am Anfang war für mich das Laufen reines Training. Bergläufe sind das effizienteste Ausdauertraining fürs Bergsteigen. Es hat mir immer viel Spaß gemacht. Trotzdem bin ich ein Lauf-Anfänger. Das ist spannend für mich, da ich noch schnell Fortschritte erziele. Beim Bergsteigen habe ich meine Leistungsgrenze ziemlich erreicht.

Siehst du im Trailrunning eine eigene Disziplin des Alpinismus?

Ja! Mittlerweile ist Trailrunning für mich eine Spielart des Bergsteigens. Ob ich einen schönen langen Lauf mache oder Bergsteigen gehe, hat für mich denselben Stellenwert. Früher wäre ich nie bei guten Bedingungen in den Bergen laufen gegangen.

Heute gehe ich durchaus laufen, auch wenn es in der Eiger-Nordwand gute Verhältnisse hat. Ich bin überzeugt, dass das Trailrunning das Bergsteigen in ein neues Zeitalter bringt!

Kannst du da noch Grenzen definieren? Wo fängt Trailrunning an, wo endet es und wo beginnt Speed-Bergsteigen?

Nein, klare Grenzen kann ich da nicht definieren. Braucht man auch nicht. Wenn man von Grindelwald zur Eiger-Nordwand läuft, dann die Eiger-Nordwand klettert und vom Gipfel wieder ins Tal läuft: Ist das dann Bergsteigen oder Trailrunning? Noch schwieriger wird eine solche Definition, wenn wir von Chamonix in Laufschuhen auf den Montblanc laufen und wieder zurück.

Trailrunning: Ueli Steck im Interview

Ueli Steck beim Trailrunning.

| © ALPIN EXTRA

Was kannst du – außer der Stärkung der Kondition – vom Trailrunning fürs (Speed-)Bergsteigen übernehmen?

Ich glaube, es ist die Einstellung, konsequent mit wenig Material, Bekleidung und Verpflegung auszukommen. Mit Kilian Jornet bin ich im November die Eiger-Nordwand geklettert. Er nimmt 0,5 Liter zu trinken und einen, maximal zwei Energieriegel für zehn Stunden Höchstanstrengung mit. Das reicht völlig.

Du warst nicht nur am Eiger, sondern schon mehrfach mit der Trailrun-Ikone Kilian Jornet unterwegs. Was kannst du als Spitzen-Alpinist von Kilian lernen?

Ich glaube, wir können viel voneinander profitieren. Das ist aber letztlich nicht der Punkt. Wir verstehen uns super. Mit Kilian zu laufen ist genial. Obschon es immer ziemlich streng ist … Kilian ist ein sehr innovativer Typ, seine Ideen sind sehr inspirierend.

Er hat mich gelehrt, dass ich meine Kräfte exakt einteile und nicht Vollgas loslaufe, um dann nach zwei Stunden total platt zu sein. Und was ich auch noch von ihm gelernt habe: 50 Kilometer kann man jeden Tag laufen, da wird "man" nicht müde …

Wie viel Zeit bist du in einem Trainingsmonat als Trailrunner unterwegs?

Mein Training wechselt stetig. Es kommt auf die anstehenden Projekte an: Ist die Unternehmung eher ausdauer- oder kletterlastig? Im Moment bereite ich mich auf eine Expedition mit David Göttler zur Shisha Pangma vor. Derzeit laufe ich so 100 Kilometer und 8000 Höhenmeter pro Woche, mache zwei bis drei Mal die Woche Krafttraining und gehe etwa 15 Stunden klettern.

Du bist Event-Botschafter des Eiger Ultra Trail. Über die 101 Kilometer lange Königs-Distanz des Events sagst du: "Ich glaube für mich wäre der Eiger Ultra Trail härter als die Eiger-Nordwand solo." Siehst du das tatsächlich so?

Ich glaube schon. 100 Kilometer zu laufen (nicht wandern!) ist verdammt weit! Es ist faszinierend, wie schnell die Jungs und Mädels unterwegs sind. Echt beeindruckend.

Du hast 2015 den 55 Kilometer langen OCC-Lauf im Rahmen des Ultra-Trail-du-Mont-Blanc-Wochenendes gefinished. Immerhin als 22. im Ziel. Sieht man dich in Zukunft öfter bei Trailrunning-Wettkämpfen?

Trailrunning: Ueli Steck im Interview

Trailrunning ist für Ueli Steck längst nicht mehr nur Training fürs Bergsteigen.

| © ALPIN EXTRA

Es macht mir Spaß und ich habe viel Potenzial, mich zu verbessern. Das ist motivierend. Ich werde aber sicher nie ein Spitzen-Läufer werden. Aber das ist auch egal. Ich freue mich, an diesen Läufen teilzunehmen.

Dieses Jahr möchte ich, wenn alles planmäßig läuft, den Eiger Ultra Trail mit 101 Kilometern laufen. Und wieder den OCC. Und wenn ich mal genügend Quali-Punkte habe, ist der Ultra Trail du Mont Blanc ein Traum von mir. (170 Kilometer und 10.000 Höhenmeter, Anm. d. Red.)

Der Trend geht ja immer mehr zu leicht und schnell. Hat das nicht auch Grenzen? Ist es nicht gefährlich, wenn "normale" Bergsteiger oder Trailrunner versuchen, Jungs wie dir oder Kilian nachzueifern und mit Laufschuhen und Shorts auf den Montblanc zu rennen?

Die Leute wollen immer alles gleich machen, ohne etwas zu investieren. Kilian trainiert seit er ein Kind ist. Logisch ist das für ihn kein Problem. Ich finde, heutzutage vergessen viele ihre Eigenverantwortung. Letztlich kann jeder in Turnschuhen auf den Montblanc laufen, aber du musst dir bewusst sein, dass du die Konsequenzen dafür trägst!

Es ist wie beim Soloklettern ohne Seil. Jeder kann das machen, aber wenn du runterfällst, trägst nur du selbst die Verantwortung dafür. Niemand anderer. Daher musst du dir bei deinen Unternehmungen des Risikos bewusst sein und deine persönlichen Fähigkeiten richtig einschätzen können.

Dieses Interview ist Teil des "ALPIN-EXTRA: Trailrunning" im Heft 05/2016. Das EXTRA umfasst darüber hinaus einen Ausrüstungs-Check, allgemeine Informationen zum Trailrunning sowie ein Kurzportrait der TopTen- und Einsteigerevents. Das Heft kann man hier in unserem Web-Shop bestellen.

Text von Holger Rupprecht

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