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Der Fels in den ersten Seillängen ist noch feucht und wegen der reichlich vorhandenen Botanik auch schmierig - aber so leicht lassen wir uns nicht abschrecken! Die erste Kantenschulter erreichen wir flott; doch dann suchen wir dank einer verwirrenden Routenbeschreibung zu weit links der Kante vergeblich nach dem richtigen Weg und verlieren in brüchigem Fels eine kostbare Stunde. Erst als wir den Aufschwung schließlich direkt erklettern, steckt dort tatsächlich ein Haken! Wir sind richtig! In einer Mischung aus Wut und Erleichterung stürmen wir weiter.
Unter einem Klemmblock bleibe ich fast stecken…
Bald gehen wir im Latschendickicht der zweiten Kantenschulter auf Tauchstation. Volker bahnt sich schnell seinen Weg - mein Rucksack nimmt dagegen intensiven Kontakt mit den Ästen auf. Von seinem Standplatz oberhalb der Latschen sieht Volker zunächst nur, dass unter ihm im Grünzeug etwas zuckt, aber sehr langsam vorwärts kommt. Endlich taucht ein roter Helm auf, dann meine heftig rudernden Arme und zu guter Letzt auch der ganze "Rest". Hier prägen wir den Begriff "Mugo-Climbing" (mugo = ital. Latsche).
Die imposante 1600-Meter-Kante an den Nordabstürzen des Monte Agnèr in der östlichen Pala
Erstbegehung 1932? Alle Achtung!
Um 16.00 Uhr kommen wir, mittlerweile schon recht ausgedörrt, an einen perfekten Biwakplatz. Vor uns ragt der 200-Meter-Aufschwung in die Höhe. Den sollten wir ja wohl vor Einbruch der Dunkelheit noch schaffen?!Nach 50 Metern ist zwar das Seil aus, aber Volker hat noch keinen Stand. Also sichere ich noch aufmerksamer als sonst. Kurz darauf ertönt das erlösende "Staaand!". Der Pfeiler, unser nächstes Ziel, steht zwar klar vor uns, und der Weg dorthin scheint immerhin kletterbar, aber sind wir auch richtig?
Ein Großteil der harten Kletterarbeit ist getan.
Vom kleinen Pfeiler weg wird es dann richtig schwer und verdammt luftig. Wann wurde diese Nordkante doch gleich erstbegangen? 1932? Alle Achtung! Auch wenn Gilberti und Soravito früher vermutlich nicht direkt über die Platte, sondern rechts durch den anstrengend aussehenden Riss geklettert sind, eine beachtliche Leistung!
Müsliriegel und Toastbrot ergänzen sich zu einem köstlichen Mahl
Nach weiteren fünf Seillängen je 50 m fragen wir uns leicht erstaunt, wer sich wohl erlaubt hat, den stolzen Abschluss-Aufschwung so eigenmächtig zu "halbieren"? Allmählich fängt es an zu dämmern. Uns ist klar, dass die Biwakschachtel noch weit ist und die Nacht verdammt lang wird, wenn wir sie nicht vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Dann endlich lassen die Schwierigkeiten deutlich nach. Im III. Grad stürmt Volker voran, legt ein paar Zwischensicherungen, und ich renne aus Leibeskräften hinter ihm her.20.30 Uhr: Endlich auf dem breiten Band unterhalb des Gipfels! Schnell nehmen wir die Seile auf, ziehen die Schuhe an und rennen weiter. Für das kleine Rinnsal am Rand des Schneefelds nehmen wir uns noch einmal alle Zeit der Welt und füllen die Trinkflaschen. Dann flitzen wir umso schneller weiter, und um 21.00 Uhr fallen wir uns am Bivacco Biasin glücklich in die Arme. Hier erst können wir den herrlichen Rundblick genießen. Über den Wolken … Je ein Müsliriegel und ein paar von freundlichen Vorgängern zurückgelassene Scheiben Toastbrot ergänzen sich zu einem köstlichen Mahl. Unsere Trinkflaschen sind schnell wieder leer, und so werde ich in der Nacht zweimal von Wadenkrämpfen geweckt. Aber sonst ist dieses Matratzenlager eine Wohltat.
Schlüssel verloren
Blick vom Bivacco Biasin bei Einbruch der Nacht
Im Rifugio Scarpa will ich vor dieser letzten Etappe erst einmal etwas trinken. Volker gibt mir das Päckchen, in dem Geld, AV-Ausweise und ein paar weitere Kleinigkeiten stecken. Ich finde die Preise aber übertrieben hoch, trinke lieber etwas Leitungswasser und gebe ihm das Geldheftchen schnell wieder zurück, denn ich habe eine Begabung dafür, wichtige Dinge zu verlieren oder unauffindbar zu verstauen. Volkers Frage "Und wo ist der Autoschlüssel?" macht mich daher erst einmal nervös. Ich suche ihn überall - vergeblich. Doch dann erinnere ich mich, dass ich ihn ja gar nicht hatte. Er steckte in Volkers Hosentasche, und darin ist jetzt nur noch ein Loch …
Sollte also jemand bei seiner Begehung der Agnèr-Nordkante unseren VW-Schlüssel finden, erhält er bei Zusendung als Finderlohn drei Routentopos seiner Wahl.
Text und Fotos: Nicole Luzar
Aus ALPIN 12/2004
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