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Gestern hatte Heike noch gesagt: "Ich bin noch nie in eine Spalte gefallen." Und hat gleich auf Holz geklopft: "So was sagt man nicht, so fordert man das Unheil heraus." Heike kennt sich aus, sie arbeitet in Schottland als "Mountaineering Instructor" und hat gerade mehrere Erstbegehungen in Grönland gemacht.
Aber es liegt ungewöhnlich viel Schnee in diesen letzten Juli-Tagen, die Spalten sind kaum auszumachen. Das Wetterhorn - im Schatten des Eiger gelegen und 3701 Meter hoch - ist eine beliebte Tour, der SAC-Führer stuft die Normalroute als "ziemlich schwierig" ein.
Weil keine Bahn zum Einstieg führt, sollte man sich zwei bis drei Tage Zeit nehmen. Wir sind gestern von Grindelwald mit dem Bus zur Haltestelle „Abzweig Gleckstein" gefahren. Der Weg hinauf zur Glecksteinhütte ist eine freundliche Wanderung über 700 Höhenmeter. Schon bald blickt man auf den stark zerklüfteten Oberen Grindelwaldgletscher, der noch erstaunlich weit ins Tal hinabreicht.
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Wer an heißen Tagen Erfrischung sucht, bekommt diese an einem kleinen Wasserfall, der sich direkt auf den Pfad ergießt. Und dann der Eiger! Zum Greifen nah streckt er uns seine Ostflanke entgegen. Entspannt erreichen wir die Glecksteinhütte. Wer jetzt noch nicht ausgelastet ist, kann zu den drei (leichten) Klettergärten gehen, die sich in der Nähe befinden.
Wir haben für heute genug, verstauen unsere Sachen im Lager und betrachten schweigend den Sonnenuntergang. Viel Schlaf bleibt uns nicht, um drei Uhr wollen wir raus.
PIEPPIEP PIEPPIEP - gnadenlos reißt uns der Wecker aus unseren Träumen. Wir genießen ein ungewöhnlich gutes Hütten- Frühstück und stapfen dann los. Es ist eine sternenklare Nacht, die Milchstraße spannt sich wie ein breites, leuchtendes Band über den Himmel. Vor uns tänzeln die Lichtkegel unserer Stirnlampen. Nach einer Stunde erreichen wir den kleinen, aber mit Spalten durchsetzten Chrinnengletscher.
Mit Steigeisen und Seil geht's weiter, hinter uns färbt die Morgensonne die weiten Firnhänge des Schreckhorns rosa ein. Nach dem Gletscher folgen wir rechts einem Firnfeld, dann einem breiten Sporn mit griffigem Gneis. Am Ende des Sporns liegt der so genannte Frühstücksplatz.
Nach weiteren 200 Höhenmetern auf glattem, splittrigem Kalk kommt eine der kniffligen Stellen des Aufstiegs: die Querung eines kleinen, aber lawinengefährdeten Couloirs zum Willsgrätli. Da die Passage besonders bei Vereisung heikel ist, wurden diverse Sicherungsstangen angebracht. Wir kommen problemlos rüber und gönnen uns eine kleine Rast mit Brot und Salami.
Vor uns breitet sich ein traumhaftes Panorama mit Firnhängen, Gletschern, Felsen und Gipfeln aus, rechts der gewaltige Eiger. Tja, der wäre auch mal was! Der Grat hinauf zum Wettersattel ist der reine Genuss. Da die Felsen zum Teil zugeschneit sind, behalten wir die Steigeisen an. Eine knapp zehn Meter lange Stelle ist sogar komplett vereist - Eisklettern im Hochsommer!
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Schließlich erreichen wir den Sattel, nun liegt der Gipfel zum Greifen nah. Die Sonne hat den Schnee schon kräftig aufgeweicht, bis zu den Knien versinken wir. Eine Wühlerei ist das, aber es ist ja nicht mehr weit! Immer weiter, weiter!
Doch je näher wir kommen, desto sorgenvoller betrachten wir das steile und dick verschneite Aufstiegscouloir, in dem sich der Neuschnee noch nicht gesetzt hat. Darüber erhebt sich auch noch eine weit ausladende Wechte. Sieht gar nicht gut aus. 100 Meter unterhalb des Gipfels, am Rande des Couloirs, müssen wir erkennen: bis hierher und nicht weiter!
Schade, aber bei diesem nassen, schweren Schnee fällt uns die Entscheidung leicht. Zumal wir auch von hier aus einen grandiosen Blick genießen. Und welch traumhafte Stille, wir sind ganz allein, keine Menschenseele weit und breit.
Wir steigen wieder in den Wettersattel ab und folgen einer langen Firnmulde. Der Weg führt - in sicherer Entfernung - an einem mächtigen Hängegletscher vorbei, der an einer steilen Felswand jäh abbricht. Das blaue Eis glitzert in der Sonne.
Was für eine Hitze, sie zehrt an unseren Kräften. Wir haben jeder nur einen Liter Wasser dabei, wie dumm! Viel zu wenig für diese Tour. Mit etwas mulmigem Gefühl bewegen wir uns über den Gletscher.
Spaltenreich soll er laut Führer sein - aber wo sind die Spalten bloß? Der Schnee hat alles zugedeckt. Und dann ist Heike plötzlich weg. Ein wenig ärgert sie der kleine Sturz in die Spalte schon, aber es ist ihr erster nach zehn intensiven Jahren in den Bergen.
Das ist doch ein guter Schnitt. Und heute soll es auch bei dem einen Flug bleiben. Mit sicherem Auge sucht sie den Weg über die flachen - aber durchwegs spaltenreichen - Gletscherhänge. In dieser etwas prekären Situation bin ich froh, eine so erfahrene Partnerin vor mir zu wissen.
Heike - eine Freundin aus Studienzeiten - hat es ohnehin richtig gemacht: Hat ihren Job an der Universität von Stirling als Dozentin für Public Relations und Medienwissenschaften geschmissen und die Ausbildung zum schottischen "Mountaineering Instructor" gemacht.
Ihre neue Heimat kennt sie mittlerweile wie ihre Westentasche, die 284 Munros hat sie allesamt bestiegen (Munros sind die schottischen Gipfel über ca. 900 Meter). Gelegentlich leitet sie noch Seminare über das "Abc der Pressemitteilung", ansonsten gibt sie Kletterkurse und führt durch die endlosen Highlands (www.schottenrock.uk).
Endlich sind wir dem Dossensattel ganz nah, von dort aus ist es nur noch ein Katzensprung zur Dossenhütte. Wir halten uns dicht am Rand des Couloirs, arbeiten uns durch den knietiefen Schnee hinauf. Bei guten Bedingungen könnte man seilfrei gehen, aber keine fünf Meter von uns entfernt löst sich immer wieder der nasse, schwere Schnee, der sich zu kleinen Lawinen auswächst.
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Und dann haben wir es geschafft, erhaschen den ersten Blick auf die Dossenhütte. Der Mund ist trocken, die Zunge klebt am Gaumen. Nur noch eine halbe Stunde, dann hat die Quälerei ein Ende. Der viele Schnee ermöglicht uns einen freundlichen Abstieg: Ohne große Mühe rutschen wir runter und werden von vielen fragenden Gesichtern begrüßt.
"Wo kommt ihr her? Wart ihr auf dem Wetterhorn?" "Wie waren die Bedingungen?" - "Passabel", entgegnen wir und grinsen uns an. Knapp zwölf Stunden haben wir gebraucht, laut Führer sind es rund zehn; aber der viele Schnee und die Hitze haben ihren Tribut gefordert. Bei weniger Schnee wäre alles viel leichter gewesen - aber auch längst nicht so spannend.
Text und Fotos: Dirk von Nayhauß
Aus ALPIN 04/08
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