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Tourenbuch

Klettertour: Wilde Leck

04.08.2010 10:03:13
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An der Ötztaler Seite der Stubaier Alpen ragt ein eleganter Zapfen empor: die Wilde Leck. Ihr schneidiger Ostgrat ist eine der schönsten Urgesteinsklettereien weit und breit - also: packen, losfahren und genießen. Bernd Ritschel berichtet über eine spannende Tour zum Gipfel der Wilden Leck.
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Die letzten Meter auf den Gendarm sind steil: Risse, Platten, kleine Absätze. Dennoch ergibt sich jeder Schritt von selbst. Dann wird die Kante messerscharf. Tief beeindruckt, kommt mir ein "Wow!" über meine Lippen. Ich klettere an einer zu Stein gewordenen überdimensionalen Speerspitze. Erleichtert klinke ich die alte Bandschlinge am höchsten Punkt. Jetzt muss ich nur noch hinunter. Zwei schnelle Züge und auf Reibung antreten.


Für eine Fotogalerie zur Wilden Leck klicken Sie auf das Bild oder auf diesen Link.

Voller Elan hänge ich mich in die Arme. Unten erwarten meine Füße den nächsten Tritt. Aber da ist nichts, gar nichts, nur gähnende Leere. Ich kratze, zapple, taste. Langsam werde ich unruhig und ziehe mich mit Armkraft wieder hinauf. Tief atmend stelle ich mich auf den letzten guten Tritt und blicke hinunter. Das gibt es doch nicht. Das Spiel wiederholt sich zwei weitere Male.

Meine Selbstsicherheit weicht einer Mischung aus Frustration und Aggression. Das kann doch wohl nicht wahr sein, das Licht ist gut und der nächste Gratabsatz dürfte perfekt sein für meine geplanten Fotos, und ich hänge hier am Gendarm und komme nicht hinunter. Mein einziger Trost: Wenigstens können Andi und Chris- tian mein unkoordiniertes Zappeln nicht sehen.

Auf ein Neues. Diesmal aber mit System. Ich nutze den absolut tiefsten Griff und spreize mein rechtes Bein schräg nach hinten weg, um einen kleinen Felskopf am bereits wieder ansteigenden Grat zu ertasten. Und da ist sie, die Lösung. Schnell klettere ich am Grat weiter, werfe den Rucksack ab und baue Stand. Erleichtert schreie ich "Nachkommen!" in die klare Herbstluft. Es ist windstill, fast wolkenlos und einmalig schön hier oben.

Amberger Hütte, halb vier Uhr morgens.

In den meisten alpinen Reportagen liest man an dieser Stelle: "Dann klingelte der Wecker und riss uns aus dem Schlaf …", oder so ähnlich. Bei Bergfotografen läuft auch diesbezüglich vieles anders. Zum einen bin ich meist eh schon wach, bevor's klingelt, zum anderen wecke ich meist auch meine Begleiter früher als abgesprochen, um nur ja den Sonnenaufgang nicht zu verpassen.

Anschließend versuche ich über meine grenzenlose Vorfreude und ein gutes Frühstück die Stimmung wieder zu heben. So auch heute. Wir trinken ein paar Schlucke Tee, Andi bekommt seinen geliebten Kaffee, wir essen einen Apfel, ein Brot. Voller Erwartung schleichen wir wenig später aus dem Gastraum, treten hinaus in die kalte Luft der sternklaren Oktobernacht.

Uns fröstelt, es hat den ersten kräftigen Nachtfrost. Aber das Frösteln kommt nicht allein von der Temperatur, es hat auch mit der Anspannung und mit den Erwartungen an das heutige Ziel zu tun. Erst wenn meine Beine wieder ihre Arbeit tun, mein Körper im Schritt seinen Rhythmus gefunden hat, dann wird aus Anspannung wieder Energie, gebündelt im Vorwärtsdrang, genährt von Begeisterung.


Für eine Fotogalerie zur Wilden Leck klicken Sie auf das Bild oder auf diesen Link.

Über eine Stunde steigen wir mit Stirnlampen in völliger Dunkelheit auf. Erst flach durch die lange Sulze, dann die steilen Moränenhänge hinauf zur dünner werdenden Zunge des Sulztalferners. Weit unten folgen die tanzenden Lichter von zwei Stirnlampen, auch sie werden zur Wilden Leck unterwegs sein.

Ein unsichtbarer Eisfilm hat sich über Nacht auf alle Steine und das krustige, apere Gletschereis gelegt. Wir mühen uns, balancieren, schieben mit den Stöcken. Es ist ein alpiner Eiertanz. Aber keiner von uns hat Lust, die Steigeisen anzulegen. Zuletzt umrunden wir die steilen Ausläufer des Wilde-Leck-Ostgrates.

Über den Hinteren Daunkopf kommt das erste Licht. Obwohl alle Beschreibungen und auch die Worte des Hüttenwirtes uns den südlichen Zustieg über den steilen Seitenarm des Sulztalferners empfehlen, bleiben wir im Moränengeröll.

Am rechten (orografisch linken) Rand der steilen Eiszunge wollen wir eisfrei den oberen Gletscherkessel erreichen. Es wird blockig, sandig, staubig, vor allem wird der Untergrund labil. Wir gehen auf Reibung über glatte Platten, schleichen über loses Geröll, klettern über erst unlängst geborstene Blöcke. Am Frühstücksplatz erreichen uns die ersten Sonnenstrahlen.

Im Traumfels

Gierig greife ich wenig später den ersten Fels und nehme das Erlebnis, endlich wieder raues Urgestein anfassen zu können, mit allen Poren auf. Der Alpinismus hat mich wieder - ich bin restlos angetan von der Felsqualität. Wir klettern über eine Rampe hinauf zum Grat. Von tief unter uns leuchtet in monochromem Grau und Blau das apere Eis des Sulztalferners herauf. Vor dem berühmten Gendarm seilen wir uns an, hängen Schlingen über die Schulter, bauen Stand.

Nachdem ich im vierten Anlauf endlich den Spreizschritt weg vom Gendarm geschafft habe, beginnt eine wahre Foto-Orgie. Mein Standplatz ist ein riesiger ebener Block, groß genug, um zwei Zelte darauf aufzubauen. Ich bin dankbar, hier zu sein, und sauge die Szenerie auf wie ein trockener Schwamm das Wasser. Diese hochalpinen Impressionen sind meine Energiequelle für den Alltag. Dann taucht ein roter Helm auf. Endlich, ich brenne auf diese Bilder. Andi erreicht die Spitze des Gendarm und wird gleich mit dem Abklettern beginnen.

Er ist einen Kopf kleiner als ich. Na ja, fast. Dennoch stellt sich mir sofort die Frage, wie er da wohl wieder runterkommen wird. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen hoffe ich auf diverse "Hänger" von ihm und dementsprechend viel Zeit zum Fotografieren. Oben angekommen, reicht sein begeistertes Grinsen von Ohr zu Ohr. Auf seine Frage, wie er da runterkommen soll, sage ich nur: "Das geht schon, kein Problem, musst dich nur ein wenig langmachen."

Das Gefühl vom Hochgebirge

Aber verdammt noch mal, er kommt tatsächlich auf den ersten Versuch hinunter. Als Letzter klettert Christian die Passage. Nun gut, mit seinen zwei Metern Körpergröße ist so eine Stelle auch wirklich keine Kunst. Dann folgt eine Traumseillänge nach der anderen. Wir klettern und klettern immer weiter über Granitplatten à la Yosemite, wir spreizen durch perfekte Verschneidungen, wie es sie auch in den Aiguilles von Chamonix gibt. Ganz oben wird der Granit sogar rostrot wie am Grand Capucin.


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Nie hätten wir so einen Fels, so eine Linie hier in den Stubaier Alpen erwartet. Der Gipfel ist blockig und wild, so wie die ganze Wilde Leck. Wir erreichen ihn voller Freude, die Route hätte in unseren Augen auch zehn Seillängen mehr haben können. Und da ist es wieder: das Gefühl vom Hochgebirge, von Alpinismus. Lang ist es her, dass ich es zuletzt spürte und erleben durfte.

Alpine Erlebnisse gehen tiefer als jene beim Sportklettern, halten länger als beim Biken, sind zeitloser als jene beim Joggen. Es sind Gefühle und Erinnerungen von hoher Wertbeständigkeit. Zumindest für mich. Einen wesentlichen Beitrag zum Erlebniswert leisten dann immer die alpinen Abstiege. Sozusagen als "finales Zuckerl". So auch an der Wilden Leck.

Wir müssen in wildem Hin und Her im zweiten Schwierigkeitsgrad durch die Südwand abklettern. Der Fels ist trocken, die Sicht gut, das Wetter perfekt. Der Abstieg zur Hütte ist anschließend einfach nur lang. Später schlendern wir barfuß über die Terrasse der Amberger Hütte. Als uns dann noch Lydia Gstrein, die Wirtin, fragt: "Habt's Hunger, mögt's Spiegelei mit Speck?", endet der Tag so, wie er begonnen hat: grandios...

Text & Fotos: Bernd Ritschel

Aus ALPIN 07/10
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Seite 2: Info: Wilde Leck


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