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Tourenbuch

Wandertour: Walserweg

21.08.2009 10:06:21
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Rund 1000 Jahre ist es her, dass sich ein germanisches Volk im Oberwallis ansiedelte und mit viel Geschick die ehemals raue Gebirgslandschaft in ein im wahrsten Sinne des Wortes Milch und Brot gebendes Kulturland verwandelte. Dieses Volk nannte man die Walser.
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Rast und Ruhe auf dem Weg zur Alp San Giacomo.
Wir, meine Freundin Birgit und ich, wollen weder friedlich die Alpen erobern noch uns entlang der insgesamt rund 850 Kilmeter langen Kolonisationsroute der Walser ansiedeln, die ausgehend vom Oberwallis (des so genannten Goms) entlang der Südseite des Monte Rosa ins Tessin und über Graubünden und Liechtenstein bis nach Vorarlberg verlief.

Aber wir wollen ein wenig auf Spurensuche gehen und dem Weg der Walser zwischen dem kleinen Örtchen Binn südlich von Fiesch und Airolo folgen. Das Binntal, so stellt sich schnell heraus, ist geradezu ideal, um mit dem Abenteuer Walserweg zu beginnen.

Der Ort selbst und die kleinen Weiler, zuhinterst Fäld, sind typische Streusiedlungen der Walser mit ihren braun gebrannten Holzhäusern, den üppig wuchernden Blumenkästen und den weit herunter gezogenen Holzdächern. Wobei mich persönlich die riesigen, bis zwei Meter im Durchschnitt messenden, kreisrunden Steinteller unterhalb der Heuschober am meisten beeindrucken.
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Unzählige, oft tonnenschwere Platten sind mühevoll zu einem Wanderweg der Sonderklasse geschichtet worden, auch das ein Erbe aus uralten Siedlungstagen. Die Binntalhütte, unser Tagesziel, ist, obwohl auch aus Stein gebaut, hingegen deutlich moderner.

Sie liegt auf einer von glitzernden Wasserläufen durchzogenen weiten Ebene, gegenüber liegt das bereits von Neuschnee überzuckerte Bietschhorn. Herzlich werden wir von zwei älteren Damen empfangen und wir können auf der gemütlichen Terrasse unsere müden Beine bei einem Glas Rivella und dem Bietschhorn nicht unähnlich geformter Schweizer Schokolade ausstrecken.

Unterhalb des Biwak Costi blitzt ein Seeauge - blau und ziemlich frisch.
Nach rund einer Stunde des Wanderns erreichen wir die Alpe Forno, die sich, sicherlich auch uralt, in ihrem Aussehen von Almen im Binntal total unterscheidet. Die Gebäude sind aus Stein und selbst das Dach besteht aus mühsam übereinander gelegten Gneisplatten. Wir können kaum glauben, dass diese Gebäude auch von den Walsern errichtet wurden. Nachfragen oder überprüfen können wir es allerdings nicht, denn die Alm ist jetzt - Mitte September - bereits verlassen.

Nur noch die flächendeckend den Weiterweg zum Pass Scatta Minoia bedeckenden Kuhfladen zeugen vom sommerlichen Alpbetrieb. So liegt eine melancholische Stimmung über der Landschaft.
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"Wie in Schottland" sagt Birgit und dieser Eindruck verstärkt sich noch, als wir während des Abstiegs zum Rif. Margaroli in dichten Nebel geraten. Etwas gedrückt erreichen wir das Rifugio, nach dem Nebel lockt pure Gemütlichkeit.

Leider müssen wir genauso wie an der Alpe Forno feststellen, dass die Hütte bereits nicht mehr bewirtschaftet ist. Was zur Folge hat, dass wir unser Biwakzelt auspacken und einen prächtigen Platz oberhalb der Hütte nützen.

Zimmer mit guter Aussicht auf dem Weg zur Capanna Cristallina.
Aus meiner Sicht ein uneingeschränkt idyllisches Fleckchen Erde, welches das Tütenessen zum Festmahl und die Nacht im Schlafsack zum Himmelbett werden lässt. Die nächste Etappe ist, so stellt sich heraus, voller Kontraste. Üppig grün geht es vom Rifugio Margaroli zum Passo del Nefelgiu hinauf.

Auf der anderen Seite dagegen finden wir eine bunte Gesteinsvielfalt vor, andere würden es Schotter nennen. Aber dieser Schutt hat es in sich, nicht zufällig gilt die Gegend als sehr reich an Mineralien. Im Binntal und seiner weiteren Umgebung wurden und werden einige sonst nirgendwo in den Alpen vorkommende Mineralien gefunden, auch Aquamarine.

Wir finden allerdings keine und wandern so im doppelten Wortsinn unbeschwert hinunter zum Stausee von Morasco, früher Muraschgsee genannt. Über den Griespass kehren wir wieder zurück in die Schweiz, wo wir durch das vom Rückzug der Gletscher geprägte Val Corno die Grieshütte ansteuern.
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Aber keine Schweizer Flagge weht über der Hütte, auch hier ist schon Winterschlaf. Warum eigentlich, denn aus unserer Sicht gibt es kaum eine schönere Wanderzeit als Mitte September.

Das Wetter ist beständig und es sind immer noch genügend Wanderer unterwegs. Was soll's, wir genießen in trauter Zweisamkeit die heimelige Gemütlichkeit des offenen Winterraums der Grieshütte.

Eine kleine Pause tut immer gut.
Heute geht's zur Capanna Cristallina, und - Kunstpause - diese ist sogar noch bewirtschaftet! Wir packen unsere sieben Sachen und wandern gegen die aufgehende Sonne zum Passo Giacomo. Ein vom Nebel gezeichneter Strahlenkranz umgibt die gezackte Silhouette des Piz Grandinagia.

Ein bezaubernder Anblick, gegenüber flaniert das Finsteraarhorn in zartem Babyrosa. Nach rund einer Stunde Aufstieg erreichen wir den Pass, an dem sich nicht nur viele verschiedene Wege treffen, sondern leider auch sämtliche Überlandleitungen der heimischen Stromwirtschaft. Von den am Passo Giacomo startenden Wegen ist nur einer weiß-blau-weiß markiert, unser Pfad zum Passo Grandinagia.

Birgit Weiss noch nichts von der Bedeutung dieses Farbwechsels, aber nach rund einer Viertelstunde endet der Weg an einer abgerutschten Moränenflanke, 50 Höhenmeter weiter unten liegt die nächste Markierung im Schutt. Ich versuche zu erklären: "Das Blau-Weiß bedeutet alpinistisch anspruchsvoller Weg. Das geht jetzt ein wenig über Geröll, weiter oben wird';s aber bestimmt besser."

Im September sind mache Hütten zu - ein Zelt tut's auch.
Birgit schaut nach oben und meint nur: "Vergiss es!". Stattdessen wandern wir weiter in Richtung Airolo und machen dabei noch einen Abstecher ins kleine Val Cavagnolo. Dort finden wir einen traumhaften Biwakplatz neben den Ruinen einer verfallenen Alm, deren Mauerreste bereits von Moos überwuchert sind und in deren Ritzen die Eidechsen Versteck spielen.

Einst zogen die Walser aus, um an der Grenze des Möglichen einen Lebensraum zu erschließen. Mittlerweile erobert die Natur zurück, was der Mensch mühsam den Hochlagen der Alpen abgerungen hat. Übrig geblieben sind Spuren, die die Leistung der Walser erahnen lassen.

Nur - 1000 Jahre Siedlungsgeschichte sind schließlich nichts angesichts der Dimensionen der Zeit und des Gebirges.

Text und Fotos: Ralf Gantzhorn

Aus ALPIN 12/07 (Text gekürzt)
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