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Im Ergebnis bedeutete dieses frühe Aufstehen, dass wir unsere geplante Route, den Südwestpfeiler des Berges, nicht klettern konnten, schlichtweg weil wir viel zu früh am Einstieg waren und drei Stunden bei eisigen Verhältnissen auf die Sonne hätten warten müssen.
So wurde es der Normalweg mit gefühlten drei Hundertschaften weiterer Aspiranten. Und jetzt ruft Freund Boris an und fragt, ob ich nicht Lust hätte, den Rothorngrat am Zinalrothorn zu klettern. Nein, Lust habe ich eigentlich keine.
Aber eine Chance wollte ich den Viertausendern dann doch noch einräumen. Zumal die Beschreibungen von Boris wirklich verlockend klangen: "Schönster Kletterviertausender der Schweiz", "bombenfester Gneis" - so lobte er den 4221 Meter hohen Berg im Wallis in den höchsten Tönen.
An unserem Treffpunkt – dem schon fast legendär netten und zudem preisgünstigen Zeltplatz zwischen Randa und Täsch im Mattertal - wartete dann die nächste Überraschung: Boris kam nicht alleine, sondern hatte noch seinen Freund Ben mitgebracht.
Viel Zeit zum Kennenlernen blieb allerdings nicht, denn kaum hatten wir uns die Hand geschüttelt, stiegen wir in die Bahn nach Zermatt ein und begannen mit dem Aufstieg zur Rothornhütte. Keine Seilbahn und kein Lift verkürzt hier die knackige Höhendifferenz von über 1600 Höhenmetern bis zur Unterkunft, alles will - einzigartig für Zermatt - ehrlich nach oben geschleppt werden.
Langsam und jeder in seinem Rhythmus stapften wir so einer hinter dem anderen bergauf, nur unterbrochen von einem kurzen "Blasenpflaster-Stopp" oberhalb des Berggasthauses Trift auf halber Strecke. Und von dort sieht man gemeinerweise sowohl den Berg (wunderbar) als auch die Hütte (weniger wunderbar).
Selbst das Matterhorn lugt ein ganz klein wenig über einige Vorberge hinweg, wie ein Appetithäppchen lässt es die Vorfreude auf den morgigen Tag wachsen. Wir machen noch einen Ausrüstungscheck und stellen klassischerweise fest, dass wir viel zu viel dabei haben. Dieselbe Maßnahme im Tal hätte uns so manches Trainingskilo erspart. Aber was soll's, jetzt lassen wir es eben auf der Hütte.
Am nächsten Morgen weckt mich der Wecker mit dem üblichen Gefühl: Es ist viel zu früh und eigentlich bin ich doch gerade erst eingeschlafen. Mit uns stehen noch drei andere Seilschaften auf, die sich schlaftrunken im Licht der Stirnlampen ihre Klamotten überstreifen und anschließend zum Frühstück torkeln.
Milch macht müde Männer munter - und so gibt's ein Glas noch zu dem obligaten Schüsselchen Müsli dazu. Es kann losgehen: Pünktlich um 4.00 Uhr stapfen wir mit unserer Ausrüstung bepackt in Richtung Zinalrothorn.
Nach einigen Geröllfeldern betreten wir den kleinen Rothorngletscher und steigen anschließend über eine Felsstufe zu P. 3761 auf. Hier trennen sich die Wege:
Während alle anderen Seilschaften zum Normalweg über den Südostgrat an dem sich noch im Dunkeln befindlichen Berg bewegen, steigen wir in das oberste Becken des Triftgletschers ab. Mühsam rumpeln wir zusammen mit einigen Kilo Gestein zum Eis hinunter.
Die Klimaerwärmung hat die Oberfläche des Gletschers deutlich absinken lassen, die letzten Meter bis zum Gletscher haben erst vor wenigen Jahren das Licht des Tages erblickt. Leider gilt dies auch für die gegenüberliegende Rinne hinauf zum Oberrothornjoch, dem eigentlichen Einstieg in die Tour, denn hier beginnen die Schwierigkeiten.
Ein dunkler, brüchiger Schlund tut sich vor uns auf und wir sind froh, keine anderen Seilschaften sowohl über als auch unter uns zu haben. So kann jeder einzeln die heiklen Passagen klettern und den losen Schutt ohne Gefahr für das Leib und Wohl anderer den Weg der Schwerkraft folgen lassen.
Mit Erreichen des Grats ist jedoch Schluss mit dem Bruch. Ich kann es zunächst gar nicht glauben, aber Boris' Grinsen und das stets bombensichere Gefühl in meinen Händen und unter meinen Füßen, sprechen eine eindeutige Sprache:
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Der Grat ist ein Traum, ein Tanz in steilem Fels, wie ich ihn in dieser einzigartigen, atemberaubenden Landschaft noch nie erlebt habe. Seilfrei turnen wir über den festen Gneis dem Gipfel entgegen, als die Sonne aufgeht und einen Gipfel nach dem anderen wach küsst:
Zuerst natürlich den am Horizont aufragenden Montblanc, dann jedoch die unmittelbar gegenüber liegenden Zauberberge von Matterhorn, Obergabelhorn und Dent Blanche. Besonders letzterer hat es mir angetan, ein " nomen est omen"; riesiger Zahn, nur dass jetzt im Spätsommer die dunklen Partien das Weiß deutlich in den Hintergrund gedrängt haben.
Ein ums andere Mal halten wir inne und schauen auf die sich stetig wandelnden Farbenspiele zwischen Wolken und Licht einerseits und Fels und Eis andererseits. Dann klettern wir wieder ein Stück weiter.
Ausschließlich über den Grat kraxeln, springen, spreizen und hangeln wir uns über kleine Türmchen und Zinnen, an festen Kanten entlang oder durch handliche Risse.
Der Begriff Himmelsleiter bekommt für mich eine völlig neue Dimension. Selbst einen kleinen Jodler meine ich aus der Kehle unseres norddeutschen Trios zu vernehmen, so verzückt sind wir. Vor der Schlüsselstelle, einer ziemlich glatten Platte im IV. Schwierigkeitsgrad, seilen wir uns dann doch noch kurz an. Sicherheit geht vor, zumal einige Stellen noch vereist sind.
Wir erreichen die sogenannte Gabel, einen markanten Einschnitt, wo der Normalweg über den Südostgrat auf unseren Südwestgrat stößt. Von dort folgen wir weiter dem Grat und turnen hinauf bis zur Kanzel, dem Vorgipfel des Zinalrothorns.
Um diese zu umgehen nutzt man ein enorm ausgesetztes Band auf deren Ostseite, für mich die vielleicht typischste und sicherlich auch eine der einprägsamsten Stellen der gesamten Tour:
Leicht in Rücklage schubbert man um einen großen Felsblock herum, sich an einigen riesigen, Bierhenkel-großen Griffen festhaltend. Im Falle eines Griffausbruchs ginge es 400 Meter senkrecht nach unten. Aber der Fels ist eben fest am Zinalrothorn, grandioser Gneis, dem man - sicherlich mit dem obligatorischen Bauchkribbeln - sein Leben anvertrauen mag.
Unter dem Gipfelkreuz gibt es dementsprechend drei zufriedene Gesichter. Das Zinalrothorn hat mich geheilt - es wird wohl nicht mein letzter Viertausender gewesen sein.
Für weitere Ziele muss ich mich nur umschauen: Dent Blanche, Obergabelhorn, Matterhorn und vor allen Dingen das Weisshorn lassen grüßen. Sie sind alle aus dem gleichen Material aufgebaut, wie Boris mir versichert.
Solider Gneis, der einst dem afrikanischen Urkontinent angehörte und jetzt zur Freude aller Bergsteiger auf das alte Europa aufgeschoben wurde. Es lebe die Plattentektonik!
Text und Fotos: Ralf Gantzhorn
Aus ALPIN 06/08
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