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Tourenbuch

Klettertour: Mont Aiguille

26.04.2010 10:16:30
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Der Mont Aiguille südlich von Grenoble ist ein besonderer Berg: unnahbar, elegant und gekrönt von einer Blumenwiese. Die findet nur, wer das Gipfelplateau dieses Tafelberges erreicht. Und das ist kein Spaziergang.
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Ein einfacheres Wegstück in der Wand. Ausgesetzt ist es trotzdem.
Mich beeindrucken viele Berge, die steilen, die hohen, die schroffen. Einige Berge ziehen mich aber ganz besonders in ihren Bann wie das Matterhorn mit seiner einzigartigen Form.

Von einem anderen Berg, der mir mittlerweile ans Herz gewachsen ist, hatte ich lange nichts gehört – bis ich ihn das erste Mal gesehen habe, auf einer Reise von Grenoble gen Süden.

Rechter Hand erscheint auf der Höhe von Clelles ein riesiger Klotz, ein Quader im Bergpanorama des Vercors. Ein Tafelberg, und das mitten in den Alpen. Er blieb mir so im Gedächtnis, dass ich anfing zu recherchieren.

Ein Blick auf die Karte verriet den Namen: Mont Aiguille. Einen Führer fand ich nicht, aber einige Informationen im Internet. Der Gipfel lässt sich nur kletternderweise besteigen. Der leichteste Anstieg bewegt sich im III. Schwierigkeitsgrad.

Doch damit nicht genug, der Berg schrieb sogar Geschichte. Seine Erstbesteigung zählt zu den ganz frühen Aktivitäten des Alpinismus. Bereits 1492 befahl Karl VIII. einer Söldnertruppe, den Berg zu bezwingen.

Immerhin galt der sogenannte „Mons Inaccessibilis“ durch die 300 Meter hohen, steil abfallenden Felswände als unbesteigbar.

An diesem einzigartigen Berg führte mich mein Weg in diesem Sommer wieder vorbei. Mitsamt Familie und einer Beschreibung der Normalroute in der Tasche. Das Wetter war schlecht auf der Hinfahrt gen Süden.

Doch das darauf einsetzende Hoch hielt an und so planten wir einen Besteigungsversuch auf der Rückreise. Gesagt, getan: Frühmorgens zogen wir los: zwei bepackte Erwachsene und zwei so halbwegs motivierte Kinder.
Zur Bildergalerie Tourenbuch Mont Aiguille klicken Sie auf das Bild.
In Serpentinen schlängelt sich der Weg durch den Wald hinauf zum Col de l’Aupet. Für die Kinder ein langweiliger Fußweg. Aber es war kaum zu glauben: keine Streiterei, kein Jammern, sondern schönstes Wetter und gute Laune. Für ein Ziel: die Besteigung dieses abweisenden Felsklotzes.

Letztes Hindernis: Eine schmale Rinne vor dem Gipfel.
Offensichtlich hatten unsere Geschichten über den Berg auch die Neugier der Kinder geweckt. In der Beschreibung hieß es, dass man an einem großen Haken einsteigen solle. Ich hatte mich schon lange gefragt, wie man den denn finden solle.

Am Fels angelangt und mit offenen Augen unterwegs, war der große Haken am Einstieg dann aber eindeutig auszumachen, und so zogen wir unsere Gurte an. In leichter Kletterei kamen wir drei Seillängen zügig voran. Die danach beginnenden Stahlseile erleichterten das Vorankommen und trugen zur Abwechslung bei.

Wir hatten schon zuvor einige Klettersteige und leichte Klettertouren mit den Kindern absolviert. Daher wussten wir, was wir ihnen zutrauen konnten. Wir lagen gut in der Zeit und waren zum Glück die Ersten am Einstieg.

Denn als wir das Ausstiegscouloir erreichten, wurde mir klar, was mit der im Führer prophezeiten Steinschlaggefahr am Normalweg gemeint ist. Geradewegs zieht die Ausstiegsrinne fast 100 Meter hinauf, bei "nicht immer festem Gestein".

Das Gipfelplateau auf das uns die enge Rinne etwas später entlässt, ist 700 Meter lang. Die oft beschriebene Blumenwiese hat sich jetzt im September in eine goldene Grasfläche verwandelt. Wir umarmen die Kinder und gratulieren ihnen.

Es war für jeden von uns eine Erstbesteigung. Für die Kinder eine ganz besondere: Sie hatten beide noch nie so viele Höhenmeter zurückgelegt (1100 Hm). Die Motivation reichte sogar noch für den höchsten Punkt an der Nordostkante des Plateaus.

Geschafft: die letzte Abseilstelle am Abstieg.
Dort hielten wir die Kinder fest, damit sie 300 Meter senkrecht nach unten blicken konnten. Wer auf dem Mont Aiguille steht, muss irgendwie hinunter. Es gibt einen Extra- Abstieg. Mit den Kindern am kurzen Seil ging es zuerst im steilen Schrofengelände bergab bis zur ersten Abseilstelle.

Ich seilte voraus, während der Papa mit beiden Kindern gemeinsam abseilte. Auch eine neue Erfahrung, die aber gut funktionierte. Und so standen wir nach zwei Abseillängen fast wieder am Einstieg des Berges.

Auf dem "langweiligen" Abstieg durch den Wald malten sich die Kinder schon aus, was für eine Sorte sie denn wählen würden, bei dem dicken Extra- Eis, das für diese tolle Leistung versprochen war.

Text und Fotos: Birgit Gelder

Aus ALPIN 12/09 (Text gekürzt)
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