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Tourenbuch

Skitour: Berner Oberland

23.11.2011 09:44:29
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Es ist ein komisches Wetter, das nicht weiß, was es will. Dafür wissen wir, was wir wollen, steigen in die Bahn zum Jungfraujoch und gehen viel zu schnell durch den Stollen, müssen hundert Schritte weiter schon nach Luft schnappen. Die Luft ist dünn, das Licht grell, die Pupillen ziehen sich zu einem winzig kleinen Punkt zusammen.
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Wir halbieren die Geschwindigkeit und setzen die Sonnenbrillen auf. Man hat ein Drücken auf der Brust, dieses etwas bange Gefühl, nicht genug Luft einatmen zu können für den anderthalbstündigen Spaziergang zur Mönchsjochhütte hinauf. Die liegt ideal und ermöglicht dem Körper, sich in der ersten Nacht zu akklimatisieren und ein paar zusätzliche rote Blutkörperchen zu bilden, statt sich gleich in die alpinistischen Anstrengungen zu stürzen. Uns steht nämlich ein ziemlich ehrgeiziges Programm bevor.

Und siehe da: In der Nacht glitzern die Sterne am Himmel, als ob sie lächeln wollten, und am Morgen sieht man kein Wölkchen. Wir fahren ab zum Jungfraufirn. Das Wetter ist uns gnädig. Bald scheint die Sonne. Eine Hangtraverse auf hartem Schnee.

Unser Freund Hans hat schlecht geschlafen, er hat keinen Schnauf, schlechte Moral und ein dünnes Nervenkostüm. Im steilsten Stück verliert er prompt ein Fell. Weil wir angeseilt gehen, muss die ganze Seilschaft warten. Dann will Hans Pause machen. "Geht leider nicht", sagt der Bergführer freundlich. Hans sagt: "Ich kann nicht mehr." Der Bergführer ermuntert ihn: "Doch doch, du kannst noch lange." Hans ist ein kräftiger Bursche, doch der Schlafmangel mit allen Konsequenzen halbiert seine Kräfte.

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Heute ist Hans dran, morgen ich, übermorgen ein anderer. Jeder hat seine Krisen. Im Rottalsattel ziehen wir die Ski aus und die Steigeisen an. Wir steigen längs der Sicherungsstangen auf. Die Eisen kratzen im steilen Fels. Bei jedem Schritt merkt man, dass die Luft weniger Sauerstoff enthält als im Unterland.

Unter dem Aletschhorn fließen Ewigschneefäld (im Vordergrund),und Aletschfirn ineinander und vereinigen sich zum Großen Aletschgletscher.
Die Steigung nimmt ab, wir betreten den Jungfrau-Gipfel. Ein paar Minuten herrscht Gipfelglück und eine fast animalische Gier nach Essen und Trinken. Niemand sagt ein Wort, man hört nur Schlürfen und Schmatzen und Oh und Ah. Von der Abfahrt über den brüchigen Harschdeckel mag niemand schwärmen, wir sind froh, heil und ohne verdrehtes Knie unten anzukommen.

Wir fahren gletscherauswärts zur Konkordiahütte. Den Schlusspunkt bilden die 499 Eisenstufen vom Gletscher hinauf zur Hütte. Die Köpfe sind heiß von der Gletschersonne. Auf dem Tisch liegt eine Alpinisten-Zeitschrift, darin steht eine Geschichte über Anderl Heckmair. Er sagte einst: "Wer lange raucht, lebt lang." Und: "Alkohol, mäßig genossen, schadet auch in größeren Mengen nicht." Er musste es wissen, denn er ist 98 Jahre alt geworden.

Die Ski haben unten am Gletscher übernachtet. Wir ziehen die Felle auf, gehen zuerst zurück in Richtung Jungfraujoch, dann rechts hinauf. Es ist klirrend kalt, ein eisiger Wind pfeift. Man weiß nicht, wie man sich richtig anziehen soll, und am Seil kann man nicht immer wieder anhalten.

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Hinten im Gletschertal thront das Gross Fiescherhorn. An seinem Fuß gleißen steile Flanken. Aus der Ferne sehen wir die ersten Bergsteiger klein wie Ameisen in die Sonne hinaufsteigen. Gestern war es Hans, heute ist die Reihe an mir: Ich verliere ein Fell. Die ganze Seilschaft muss warten. Es ist mir peinlich. Ich fluche. Jeder hat dann und wann sein kleines Drama.

Der Aufstieg.
Die Sonne brennt jetzt gnadenlos. Wir kommen an den Steilhang, ziehen uns aus bis auf die letzte Schicht. Eine neue Variante ist heute angesagt: Wir ziehen die Steigeisen an, schnallen Ski und Stöcke auf den Rucksack und steigen mit dem Eispickel in die Höhe. Hier oben ist die Ökonomie der Bewegung gefragt, Schritt um Schritt, langsam und regelmäßig, ohne außer Atem zu geraten.

Im Sattel lassen wir Skiausrüstung und Rucksack zurück und gehen mit Steigeisen und Pickel zum Gipfel des Gross Fiescherhorns. Man sieht die Jungfrau, auf der wir gestern waren. Jetzt sind wir schon ein wenig stolz. Auch Mönch, Eiger und Finsteraarhorn sind frei, der Rest des Panoramas liegt unter den Wolken. Im Sattel schnallen wir die Ski an, fahren ab. Der Nebel steigt zu uns hoch, und das ist ein wenig unheimlich.

Jeder bietet die höchste Konzentration auf, um möglichst vorsichtig durch ein Labyrinth von Gletscherspalten und gewaltigen Eisschlünden abzufahren, die in allen Blautönen schimmern. Manche Öffnungen sehen aus wie ein Flugzeug- Hangar, andere erinnern an geöffnete Haimäuler. Wenn uns die Haie nur nicht fressen. Es geht fast flach hinaus zur Finsteraarhornhütte.

Der kombinierte Nordwestgrat aus dem Hugisattel zum Gipfel des Finsteraarhorns ist eine der technischen Schlüsselstellen der Tour.
Ein letzter kleiner Hang ohne Spalten, drei Minuten Wedel-Glückseligkeit, und wir sind in der Mulde unter der Finsteraarhornhütte. Sie bietet mit ihrer modernen, schnörkellosen Holzarchitektur und den grose Fenstern einen einladenden Anblick. Ein paar fidele Gäste, die heute noch auf keinem richtigen Berg waren, haben noch genug Energie, ein ziemlich lautes Festchen zu veranstalten.

Nach Tagen wie dem heutigen stelle ich bloß noch den Rucksack in eine freie Ecke, berühre möglichst nichts mehr. Den Pyjama hatte ich ja schon den ganzen Tag an und die Gesange von der Feier höre ich hochstens eine Minute lang. Dann umfangen mich Träume von langen Abfahrten durch stiebenden Tiefschnee.

Finsteraarhornhutte. Ringsum ist uberall schlechtes Wetter und wir sind auf einer Zitadelle des Sonnenscheins und des blauen Himmels! Etwa um sechs Uhr morgens brechen wir auf. Die Vorgänger haben eine viel zu steile Spur in den Hang gelegt. Ich fluche und merke, dass auch ich älter werde. Die Atemstöße pfeifen, niemand sagt ein Wort, alle machen Schritt um Schritt, jeder hat seine Welt im Kopf. Nebel steigt herauf, feines Schneetreiben setzt ein.

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Adieu Sonnenzitadelle! Man sieht nicht mehr hinauf zum Hugisattel. Ich denke schon, im Sattel kehren wir um, weil das Wetter schlecht wird. Doch der Bergfuhrer lässt sich nicht beirren. Skidepot, Steigeisen an die Fuse, vor uns liegt die bisher anspruchsvollste Kletterei am blockigen Grat. Das Gestein ist fest und griffig, dazwischen Firnschnee, hie und da sieht man hinunter in die unheimliche Ostwand. Wir gehen am Seil. Jeder denkt nur an den nachsten Griff, an den nachsten Tritt.

Der Abstieg am Finteraarhorn.
Die Eispickel schlagen an den Fels und klingen hell wie Glocken. Der Aufstieg scheint endlos, der Gipfel ist nicht zu sehen, der Nebel verdichtet sich immer wieder, der Wind treibt einem Schneekornchen ins Gesicht, die wie Nadeln stechen. Da wird es plötzlich hell, der Nebel gibt den Gipfel frei, der jetzt leuchtend sichtbar wird. Wir haben wieder das unglaublichste Glück, stehen uber dem Nebelmeer. Unsagliches Blau strahlt vom Himmel. Noch ein paar Schritte, und wir stehen auf dem Gipfel, immerhin auf dem hochsten Berner, und kein Berg ringsum ist sonst zu sehen!

Dadurch bekommt er etwas Absolutes, etwas Unvergleichliches. Und wir stehen oben! Kein Panorama, keine Gipfelnamen sind zu erklaren. So schweigen alle und umarmen sich, bis uns nach kurzer Zeit die Kälte in die Beine kriecht. Als wir uns an den Abstieg machen, kommt wieder Nebel auf und verhüllt den Traum, der bloß ein paar Minuten lang angedauert hat. Doch diese kleine Ewigkeit wird keiner von uns jemals vergessen.

Text: Dres Balmer
Fotos: Röbo Bösch

Aus ALPIN 03/07 (Text gekürzt)
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