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So sitzt es da, in der Wüste aus Fels und Geröll, zwischen Kleinem und Großem Bielenhorn im Schweizer Kanton Uri. In dem Moment, als ich es erstmals erblickte, das Kleine Kamel, standen auf seinem Rücken statt des braungebrannten Lawrence-von-Arabien-Verschnitts 26 Bergführer.
Und zwar im Einheitsdress mit weißem Helm, schwarzer Jacke und roter Hose. Und dem ganzen anderen Zeug, das Bergführer eben so tragen. Das Kleine Kamel ist nämlich ein Berg, der genau so aussieht, wie er heißt.
Und ich dachte mir: „Da musst du hoch.“ Der Reiz des Wunsches besteht in der Schwierigkeit seiner Erfüllung. Gerade bei alpinistischen Zielen. Vor allem, wenn sie sich sowieso in Grenzen halten, die bergsteigerischen Kenntnisse. So wie bei mir.
Hier zu sehen: die Route über den Westpfeiler.
Worauf ich mich dabei einlassen sollte, wusste ich nicht. Die Tourenplanung war mühsam. Routenbeschreibungen gab es kaum. Aber der Wirt auf der Sidelenhütte, er half uns, nahm sich Zeit für unsere Fragen:
Wo am besten einsteigen? Welchen Routenverlauf wählen? Welche Sicherungsmittel einpacken? Der Westpfeiler, sagte er, würde eher selten begangen. Topo könne er keines anbieten, aber die Standplätze, die seien gebohrt. Ob er sein Wissen per Fernblick von der Hüttenterrasse aus bezog?
Der Blick durchs Fernglas offenbart schließlich zweifelsfrei, wie das blanke Metall der Bohr haken die Sonnenstrahlen zurückwirft zu den Liegestühlen neben der Hüttentür.
Und wie es dasteht, das Kleine Kamel, das jetzt seiner Dimension nach eher einen anderen Namen verdient hätte. „Größtes Wüstenschiff der Welt“ oder so. Respekt zog durch unsere Poren und drang durch die Fasern unserer Muskeln wie kühlendes Allgäuer-Latschenkiefer-Balsam.
So beschwerlich der Zustieg zum Wandfuß war, so schön war die erste Seillänge: Plaisirkletterei in bestem Gestein. Zügig kamen wir voran, kämpften uns die Wand des Kamels empor wie Läuse in der filzigen Mähne der Tiere, denen der Gesteinshaufen über uns seinen Namen verdankt.
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Auf dem Weg nach ganz oben. In der zweiten Seillänge führte die Route geradeaus weiter, immer der Nase nach hoch, so hatten sie die Erstbegeher erschlossen. Logisch eigentlich, und gar nicht so schwer.
Schorsch hielt sich aber rechts, keine Ahnung, wieso. Ein schlechtes Gefühl überkam mich. Ein Quergang lag da vor uns, heikel führte er über moosige Platten. Eine völlig neue Routenvariante, erschlossen von einem, der noch nie Hand an einen Griff jenseits der ersten Umlenkung gelegt hatte.
„King Swing“ sollte sie heißen. Wegen dem, was mich noch erwartete, aber das wusste ich noch nicht. Die Luft unter den Füßen war das Schlimmste. Dass alpine Klettereien eine Portion Stehvermögen und Moral verlangen, war klar – wie groß diese sein muss, weniger.
Geschafft! Endlich am Gipfel
Eines Sturzes in Fixpunkte, die kurz vorher selbst noch gependelt hatten, und zwar an Schorschls Gurt. Vergebens: Die Hände öffneten sich gegen meinen Willen. Meine Knochen gingen auf Talfahrt, mein Magen tat das Gegenteil. Was für ein Pendel.
Die Route hatte ihren Namen: King Swing. Ich war fertig. Als ich wieder klar denken konnte, war ich gerade dabei, ein wenig zu verschnaufen. Ich schöpfte wieder Mut, als ich am Horizont die Berggipfel erblickte.
Das Lächeln kehrte zurück. Und die Hoffnung. Weit war es nicht mehr. Wir kletterten weiter. Die letzte Seillänge auf den markanten Höcker des Kleinen Kamels entpuppte sich als die schwerste. Leicht überhängend ging es per Piaztechnik durch Risse und an Schuppen dem Gipfel entgegen.
Ein Griff, ein Zug, ich war endlich oben. Auf der Nase des Kleinen Kamels. Jenes Gipfelglück stellte sich ein, von dem ich so oft gelesen hatte. In den Geschichten, in denen unerschrockene Männer Wind und Wetter trotzten und mit dem großen, kalten Bergriesen rangen, der keinen zweibeinigen Wicht auf seinem Haupt duldete.
So einer war ich jetzt also auch. So ein Bergbezwinger. Gänsehaut lief mir den Rücken hinunter. Entspannt war ich nicht – und so locker wie die 26 Bergführer aus der Werbung schon gar nicht.
Ich wollte mich an den Abgrund stellen, nach unten schauen, Ruhe und Tiefe genießen. Ich konnte es nicht. Hatte einfach die Hosen voll. Ich drehte mich um, kehrte dem gähnenden Loch vor mir den Rücken zu und setzte mich auf ein sicheres Gipfelplateau.
Die Aussicht über die Walliser Berge war traumhaft. Dort drüben in der Ferne stand das Matterhorn, diese Ikone der Alpenrepublik, dieses Sexsymbol des Alpinismus. Zusammen mit der Brotzeit war es das perfekte Gipfelglück: das Geburtstagsgeschenk von meinem Freund und Vorsteiger Schorsch.
Er hatte die Brotzeit schließlich als eigenen Höcker auf den Gipfel des Kleinen Kamels geschleppt. Und mich obendrein noch souverän hinaufgeführt. Gute Bergfreunde muss man eben haben...
Text: Olav Schmid
Fotos: Baschi Bender
Aus ALPIN 01/10
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