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ALPIN-Tourenbuch

Klettertour: Totenkirchl

16.08.2006 09:09:23
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Nicht weit vor den Toren Münchens steht mit dem Wilden Kaiser ein kleines, aber feines Gebirge, in dem so manches Kapitel Klettergeschichte geschrieben wurde. Einige Seiten dieser Chronik füllt auch das Totenkirchl - noch heute ein Klettergipfel par excellence.
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Die kleine Kapelle von Hinterbärenband.
Wer jemals von Kufstein über die Sparchener Stiege hinauf ins Kaisertal gewandert ist, wird schwerlich den Eindruck vergessen, den das beim Pfandlhof sich öffnende Tal hinterlässt. Inmitten grüner Bergwiesen stehen da vereinzelt ein paar Höfe, darüber in tiefem Grün bis in den Hintergrund des Tales rauschende Bergwälder. Ein bisschen wie in Kanada ist es hier, so unberührt und pur wirkt die Natur, obwohl an schönen Sommertagen - besonders am Wochenende - ganze Heerscharen von Ausflüglern und Wanderern durch das Tal marschieren.

Ein Idyll wie es romantischer nicht sein könnte. Eine Etage höher leuchten in hellstem Grau die wilden Zinnen der kaiserlichen Klettergipfel. Spätestens an der Kleinen Kapelle von Hinterbärenbad (s. kleines Bild oben) bekommen Kletterer feuchte Hände. Was da im Talschluss herumsteht, hat seit jeher die Begierden der Kraxler entfacht: vor allem die jäh emporfahrenden Wände der Kleinen Halt und wie ein Spiegelbild dazu die mauerglatte Westwand des Totenkirchl.
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In Hinterbärenbad ist der griffige Kaiserkalk schon in greifbare Nähe gerückt und so muss man zwangsläufig den Kopf schon ein bisschen in den Nacken legen, um die Gipfel, Wände und Grate zu überblicken.

Das Totenkirchl - dessen Besteigung übrigens noch Mitte des 19. Jahrhunderts selbst von den wagemutigsten Gämsenjägern für absolut unmöglich gehalten wurde - bietet auch für Sportkletterer und alpine Genussspechte eine ganze Menge lohnender Routen. Die abgelegenste aller Seiten des Totenkirchl dürfte gewiss die Südseite sein, die nur durch zwei extrem lange und obendrein nicht ungefährliche Zustiege erreicht werden kann.

Totenkirchl und Fleischbank.
Durch die von Georg Winkler 1886 erstmals durchstiegene wilde Schlucht auf der Westseite werden sich die Kletterer heute kaum mehr verirren, denn allzu regelmäßig fegt hier der Steinschlag durch den engen Schlund herab. Und auch der Weg durch das Schneeloch ist eine - immerhin interessante, weil ungewöhnliche - Tour für sich, die aber als Zustieg für die wenigen Seillängen der an sich sehr schönen, aber eben auch sehr kurzen Südwand-Routen kaum lohnt.

Aus der Not haben die Kletterer eine Tugend gemacht. Warum nicht eine Südwandroute oder den Südostgrat (V-) mit einem Zustieg kombinieren, der für sich schon eine Kletterroute darstellt. So werden heute die Christakante (V/A0) am Christaturm oder der Nordgrat (III) an der Fleischbank recht gern mit dem Kirchl-Südostgrat, der Südwand (IV) oder -verschneidung (V-) kombiniert.
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Da stimmt dann das Verhältnis von Zustiegszeit und Klettermetern wieder und mit der klassischen Schneeloch-Umrahmung in Verbindung mit dem Abstieg über den Führerweg ist dann schnell ein ganzer Klettertag ausgefüllt, an dessen Ende das Radler auf der Hüttenterrasse des Stripsenjochhauses besonders schnell durch die durstige Kehle rinnt.

Die Westwand des Totenkirchls.
Dieses ist auch der günstigste Ausgangspunkt für alle Touren am Totenkirchl, egal ob man dazu den halben Berg umrunden muss oder sozusagen direkt vor der Hüttentür in einen der zahlreichen Kamine auf der Nordseite einsteigt. Wer gerne ein ganz besonderes Ambiente schätzt, weicht auf das Hans-Berger-Haus im hintersten Kaisertal aus. Die Zustiege zum Totenkirchl sind von dort zwar um eine bis eineinhalb Stunden länger, dafür ist man zu Gast in einer sehr speziellen, weil persönlichen Hütten-Atmosphäre.

Zurück zum Totenkirchl. Wir waren an der Nordseite angelangt, wo mit den zahlreichen Kaminen eine Vielzahl herrlicher Kletterrouten vor allem in den mittleren Schwierigkeitsbereichen anzutreffen ist. In dieser geballten Anhäufung wird der alpin orientierte Genusskletterer nur sehr selten ein größere Menge an potenziellen Traumrouten auf einem Fleck antreffen. Zudem ist die Felsqualität an der Nordseite des Totenkirchl selbst für Kaiser-Verhältnisse ganz außergewöhnlich gut. Mit dem III. Schwierigkeitsgrad leitet an dieser Seite der Führerweg als Normalroute auf des Kirchl.
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Kletterer sind also unter sich am höchsten Punkt, denn Wanderer haben hier keinen Auftrag. Der Führerweg birgt auch die übliche Abstiegsroute und ist mittlerweile recht üppig mit Abseilhaken versehen, was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass der Abstieg wegen der Komplexität der Route schon seine Zeit braucht. So mancher hat diese letzte Etappe seiner Kirchl-Tour schon unterschätzt und wurde am Ende mit einem sommerlichen Gewitter samt Hagel- und Graupelschauer konfroniert. Planen Sie also genug Zeit für den Abstieg ein.

Kamine im Norden des Totenkirchls.
Zu den lohnendsten alpinen Routen an der Nordseite zählen vor allem der Stöger-Gschwendtner-Kamin (IV) mit seinem eisenfesten Fels, der nicht minder griffige Schneiderkamin (V) und die elegante Linie des Heroldweges (IV+). Diese ehemals klassischen Touren sind in den letzten beiden Jahrzehnten etwas aus der Mode gekommen - zu einer Zeit, da das alpine Klettern nicht nur im Kaiser, sondern überhaupt schwer ins Hintertreffen geriet.

Mittlerweile sind die gängigsten Wege am Kirchl saniert und mit zuverlässigen Bohrhaken ausgestattet, was sich in den Klettererkreisen schnell herumgesprochen hat. Der Umkehrschwung ist eingetreten und so hallen aus den verschiedensten Routen wieder regelmäßig die Seilkommandos.

Dazu hat natürlich auch die Popularität des Sportkletterns beigetragen. Direkt unter dem Sockel des Totenkirchl hat Toni Niedermühlbichler federführend am Wildangerwandl ein Plaisirzentrum mit herrlichen Zwei- bis Vier-Seillängen-Routen an rauen, wasserzerfressenen Platten eingerichtet, das weit und breit seinesgleichen sucht. Peter Hundegger and Friends haben im Bereich des Stripsenjochhauses dem Totenkirchl-Fels ein schönes Sportklettergebiet mit mittelschweren Zwei-Seillängen-Routen eingebohrt, das mittlerweile nicht ohne Grund bestens besucht ist.
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Nun - haben Sie Lust bekommen auf das Totenkirchl? Dann nichts wie los - denn jetzt, da Sie das Heft in Händen halten, bricht die beste Zeit für eine Besteigung an. So ganz allmählich dürfte auch der letzte Schnee verschwunden sein und selbst die Kamine auf der Nordseite sollten langsam abtrocknen. Es liegt also an Ihnen - suchen Sie sich Ihre persönliche Lieblingsroute aus.

Aus ALPIN 07/2006 (Text gekürzt)
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