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Beliebtes alpines Gesellschaftsspiel
Als wir frühmorgens im Schein der Stirnlampe über Geröllhänge zum Einstieg watscheln, schlafe ich immer noch leicht. Ein albernes Lied - es ist immerhin nicht Boney M., aber wenig fehlt - summt in mir, ich werde es einfach nicht los.Glücklicherweise wird es hin und wieder von knappen Beratschlagungen zur Routenwahl unterbrochen: Viele Möglichkeiten ziehen gegen den Arbengrat hinauf, und so überholt man sich mit den anderen Seilschaften ständig. Das ehrenwerte Ziel dieses beliebten alpinen Gesellschaftsspiels, als Erste am Einstieg zu stehen, verfehlen wir wegen eines Verhauers knapp.
Am Arbengrat.
Heute Nachmittag noch die Blumen gießen
Der Fels fühlt sich gut an, ist wie vereinbart schön griffig und gerade ausreichend ausgesetzt, um noch Spaß zu machen. Unsere Route könnte logischer nicht sein: Man folgt dem Grat bis zum Gipfel.Wir gehen gemeinsam am Seil und klettern uns wieder zielstrebig an die Spitze, bis auf dreiviertel Höhe von hinten ein mittvierziger Bergführer mit zwei Gästen im Schlepptau angerast kommt, so, als müsste er heute Nachmittag noch nach Hause, die Blumen gießen und danach die 1500 Höhenmeter zur Weisshornhütte aufsteigen. Muss er vielleicht auch. Wir haben keine Chance, das Tempo auch nur mitzuhalten, aber immerhin wird er uns nicht bremsen.
Zuletzt werden die Steigeisen montiert, über ein kurzes Stück Firngrat balanciert und schon stehen wir auf dem Obergabelhorn, 4063 Meter über dem Meer.
Definitiv kein Spaziergang
Die Aussicht ist, wie man sich unschwer vorstellen kann, reichlich überladen. Immerhin tauchen einige Gipfel in ungewohnter Perspektive auf, so die Dent Blanche, die es uns antut: weiblich, keck, reizvoll, sie soll als nächste drankommen.
Die grausig jähe Firnwand über dem Obergabelhorngletscher
Die Prozedur ist tatsächlich länger, komplizierter und schwieriger, als wir es uns vorgestellt hatten. Zudem herrscht vereinzelter Gegenverkehr und entsprechendes Kommando- und Seilwirrwarr, aber irgendwie scheinen die Schutzengel(innen) heute eine Schwäche für uns Bergsteiger(innen) zu haben. Niemand stürzt ins Leere der 450 Meter hohen und 55 Grad steilen Nordwand, so sehr diese sich auch um entsprechende Anziehung bemüht.
Noch vor dem Grand Gendarme, einem finster dreinblickenden Gratturm, glauben wir die Schwierigkeiten endlich hinter uns. Das werden wir heute noch einige Male glauben. Doch irgendwann sind sie dann wirklich vorbei und keine Minute später trauern wir ihnen bereits nach - auch das eine häufige alpine Psychopathologie.
Eingeklemmt zwischen Befriedigung und Radlermass
Nach einigen letzten Spalten, hart am Gletscherrand - wie lange wohl noch? - empfängt uns die 3198 Meter hoch gelegene Rothornhütte. Oder besser, sie empfängt uns nicht, sie steht einfach da, und auch die auf der Terrasse verweilenden Gäste lässt unser Gipfelglück und Freudelächeln kalt.Bergsteigen ist eben eine Individualsportart, vor allem in der Kampfdisziplin um die 4000er. Und abgesehen davon ist man cool, hat alles im Griff und braucht keine fremden Tipps. Doch als eine Bergsteigerin nach den Verhältnissen am Gipfelgrat fragt, spitzen sich auch die coolen Ohren, plötzlich wird gehorcht und aufgeschnappt. Zu Ohren der coolen Artgenossen wird die Schilderung etwas ausgeschmückt, dann lassen sie uns in Ruhe.
Wir lehnen an der Mauer der Hütte und genießen die Pause, eingeklemmt zwischen Befriedigung und Radlermass. Der Abstieg über 1600 knieschindende Höhenmeter soll und kann noch warten. Der Turbo-Bergführer steht bestimmt schon in seinen Rabatten.
Text und Fotos: Marco Volken
Aus ALPIN 7/2004
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