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Als sie am Silvrettastausee die Räder ausladen, fängt es zu regnen an. An der Kurve ins Ochsental gießt es, was runtergeht. Da die Hagelkörner größer werden als Erbsen, spannt Paul den Biwaksack über Lenker und Sättel und lässt Eva zuerst hineinkriechen. "Siehst du", triumphiert er, "wie nützlich die Räder sind."
Um halb zehn ist Schluss
Als es zu dämmern beginnt, ist noch immer keine Hütte in Sicht. Die Wiesbadener gehört zu jenen tückischen Unterkünften, die jede vernünftige Zeitkalkulation zunichte machen, weil sie erst im letzten Moment vor einem stehen. Eva ist so froh, als Paul sie umarmt. "Na also", denkt er insgeheim.Kurz vor neun ist's, Stefan wartet in einer kleinen Gruppe jüngerer Bergsteiger. "Alle nur mäßig fit", überlegt Paul, "die hängen mich nicht ab … vor Eva!" In der Stube ist noch Trubel. Aber auch höchste Zeit für die "last order". Um 21.30 Uhr ist Schluss. Kaum zu glauben.
Ein mächtiger Brocken. Blick auf den Piz Buin von Norden
Loses Rollen im blühenden Almrausch
Aufbruch kurz nach sieben, auf dem hart gefrorenen Schnee. Davon gebe es genug, meint Stefan, da brauche man auf dem Normalweg wirklich keine Steigeisen. Nur das Seil.Der Piz Buin muss sich über Nacht in Bewegung gesetzt haben, so klein und entfernt wirkt er jetzt. Winzig kleine Seilschaften ziehen schon auf dem Eis dahin. Der direkte Weg, erklärt Stefan beim Anseilstopp, verläuft über einen Felskamm und sei nur was für Fortgeschrittene. "Wir gehen einen gemütlichen Bogen übers Eis."
Gleich muss sie fallen, die 3300-Meter-Marke
Verschneite Spaltenlinien zickzacken nach links und rechts, kaum merklich, dass Stefan achtsamer geht. Die Gruppe folgt brav am Seil, Paul denkt nicht an Bergung mit loser Rolle, sondern an loses Rollen im blühenden Almrausch, ganz allein mit Eva.
Die Mischung von Fels, Schnee und Geröll ist nicht ohne
Nach zweieinhalb Stunden stehen sie zwischen den Buinen. Kurze Brotzeit am Rucksackdepot, dann geht's endlich hinauf. Erst steil schräg im Schnee, dann in matschigem Schotter.Spannend wird's in den zwei Kaminen, als Stefan seine Gruppe am Bohrhaken sichert - fast ein bisschen übertrieben, aber die Mischung von Fels, Schnee und rutschigem Geröll ist nicht ohne. Schnaufend wuchten sich die Gefährten empor, aber wer Stefan zuhört und die richtigen Griffe erwischt, hat es ganz leicht.
Ist ja auch eher eine Rinne als ein Kamin, so das einhellige Urteil der Gruppe, als alle bei Stefan angelangt sind.
Langsam wird die Sicht besser, zwischen den hohen Wolken und Nebelfetzen tun sich immer mehr Lücken und Löcher auf. Mal spitzt der Silvrettastausee, mal das Tuoital im Süden hindurch.
Ein paar Minuten vollkommenes Glück
Das große Glück auf dem großen Gipfel
Ein paar Minuten lang stehen sie in strahlendem Sonnenschein. Tief unten winzig klein die Hütte, die Fußspur auf dem Gletscher, dahinter der See, die grünen Furchen von Montafon und Paznaun. Im Norden und Nordosten die Skiberge von Galtür und Ischgl, ganz in der Ferne sogar die markante Nase der Zugspitze. Was noch? Weißkugel, Ortler, Palü und die weiße Schlange des Biancograts. Ein paar Minuten vollkommenes Glück, Wärme, Strahlen.
Wie das überraschte Murmeltier am Wegrand
Doch nur ganz kurz, dann hüllt sich der Gipfel wieder in Wolken, bergab steigen Eva und Paul wieder in weißer Watte. Nur gelegentlich erhaschen sie matte Blicke auf die Gletscher. Brotzeitpause am Rucksackdepot, dann der lange Rückweg über die Spalten.
Einsamkeit am Gipfelkreuz? Nicht auf dem großen Piz Buin!
Und die Abfahrt? Die war so rasant, dass sie manchmal schieben mussten, um sich nicht zu überschlagen … so wie das überraschte Murmeltier am Wegrand in wilder Schreck-Flucht. Wäre doch ein tolles Ziel für nächstes Jahr, überlegt Eva laut: das Fluchthorn. Das ist sogar noch ein bisschen höher.
Text und Fotos: Hugo S. Erben
Aus ALPIN 11/2004
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