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Auf der Suche nach einer weniger frequentierten Alternative wird Thomas an der Westseite der Zugspitze fündig: "Wir übernachten auf der Wiener-Neustädter-Hütte. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es viele Leute anmacht in aller Herrgottsfrüh erst 800 Meter hoch zu kraxeln, bevor es am Jubelgrat so richtig zur Sache geht!" Bergeinsamkeit muss man sich rund um die Zugspitze eben verdienen.
Blech- und Betonwüste am Fuße der Zugspitze
Der Großparkplatz am Eibsee holt uns an einem schönen Freitagnachmittag auf den Boden der Tatsachen zurück. So schnell wie möglich entfliehen wir der Blech- und Betonwüste am Fuße der Zugspitze und sind auf dem gesamten Anstieg zur Wiener-Neustädter-Hütte mutterseelenallein. Seltsam eigentlich, denn der Hüttenanstieg steht den anderen Bergwegen im Wetterstein in nichts nach. Je höher man kommt, desto beeindruckender sind die Tiefblicke auf den Ehrwalder Talkessel und den darüber thronenden Daniel. Kurze ausgesetzte, mit Drahtseilen versicherte Passagen stimmen auf das Programm des nächsten Tages ein.
Der so genannte Stopselzieher - der steilste Teil des morgigen Aufstiegs - scheint in der direkten Draufsicht nahezu senkrecht zu sein. "Und da müssen wir morgen früh wirklich hinauf?" Etwaige Bedenken werden von einem unwiderstehlichen Bratwurstduft abgelenkt, heute ist wirklich Barbecue-Abend auf der Wiener-Neustädter-Hütte. Bis Mitternacht labt man sich am schönsten Grillplatz der Nördlichen Kalkalpen.
Im Zweifel steht Verzicht vor Übermut.
Um fünf Uhr in der Frühe stellt sich heraus, dass wir vier als einzige die Zugspitzbesteigung und daran anschließend den Jubiläumsgrat in Angriff nehmen wollen. Noch in der Dämmerung steigen wir in den Stopselzieher ein, wo uns eiskalte Stahlseile und glattpolierter Kalk erwarten. Die Passage ist lange nicht so steil wie vermutet und auch der weitere Anstieg hinauf zur Zugspitze ist viel angenehmer als gedacht. Erste Sonnenstrahlen streicheln die höher aufragenden Felstürme und kurze Zeit später auch uns. In ihrer ganzen Pracht steigt die Sonne über die westliche Umrahmung des Zugspitzplattes.Um kurz vor acht Uhr erreichen wir die Terrasse des Münchner Hauses, wo bereits geschäftiges Treiben herrscht. Während sich verschlafene und fröstelnde Bergsteiger Klettergurte anziehen, haben wir die Betriebstemperatur längst erreicht. Nur Stefan ist schwer am Grübeln: "Ich habe jetzt schon weiche Oberschenkel. Und im Führer sind sechs bis neun Stunden für den Grat angegeben!" Hin- und hergerissen steht er am goldenen Gipfelkreuz. Es hilft alles nichts, die Entscheidung muss jetzt fallen! Im Zweifel steht Verzicht vor Übermut. Es ist eine alpinistische Leistung, nicht um jeden Preis am begehrten Ziel festzuhalten. Stefan entscheidet sich für den Abstieg, die Wanderung über Knorrhütte und Reintal.
Die Karawane der Spätaufsteher
Der Jubiläumsgrat, manche nennen ihn Jubelgrat, oder - wie er offiziell heißt: Jubiläumsweg. Ausgesetzte Gratstellen und abwechslungsreiche Kletterpassagen nehmen jetzt die Konzentration voll und ganz in Anspruch. Schaurig-schöne Tiefblicke auf den knapp 700 Meter unterhalb gelegenen Höllentalferner bestätigen die richtige Wahl der Aufstiegsroute.Der Klimawandel hat auch hier seine Spuren hinterlassen. Der Minigletscher weist eine erstaunlich zerrissene Oberfläche auf. Einer Ameisenstraße gleich sucht sich die Karawane der Spätaufsteher einen Weg durch das kalte Spaltenlabyrinth.
Beim Anstieg zur Inneren Höllentalspitze wird klar, wie anspruchsvoll der Weg in der kalten Jahreszeit sein muss. Unzählige Kratzspuren von Steigeisen zeugen davon, dass mutige Winterbegeher auf den glatten Felsplatten mühsam nach sicherem Halt suchten.
Ein geomorphologischer Säugling
Im Sommer hingegen stellen gerade diese leichteren Kletterpassagen eine Abwechslung in der nicht enden wollenden - und gerade deswegen so eindrucksvollen - Gratüberschreitung dar. Die Karabiner des Klettersteigsets bleiben unbenutzt und an der Höllengrathütte zieht Thomas seinen Hüftgurt wieder aus. "Die Vollkarspitze wird schon nicht so schwer sein!" In der davor liegenden Scharte wird er sogleich eines Besseren belehrt. Über dem Freund ragt eine glatte, fast senkrechte Wandstufe in den Himmel, die in unserem alten AV-Führer mit keinem Wort erwähnt wird.Denn dieser Steilaufschwung ist ein geomorphologischer Säugling. Bei zwei gewaltigen Felsstürzen im Winter 2000/2001 und gleich darauf im Herbst 2001 brach der komplette Nordgipfel der Vollkarspitze ins Mathaisenkar ab. 50 Meter Drahtseilsicherung wurden vollständig zerstört. Lange Zeit war die Stelle für Normalbergsteiger unpassierbar. Schließlich wurde wieder ein Drahtseil installiert und im Sommer 2002 wurden dann zusätzlich Eisenstifte in den Fels geschlagen, um die Passage etwas zu entschärfen.
Während Christian ungesichert die glatte Felspartie hinauf klettert, legt Thomas seinen Gurt wieder an. Eine vernünftige Entscheidung, denn die mittlerweile vier Stunden dauernde Gratüberschreitung macht sich in seinen Armen und Beinen langsam bemerkbar.
Aufhören, wenn es am schönsten ist!
Hinter der Vollkarspitze geht es ein Stück bergab und wieder einen Aufschwung hinauf. Hört das denn gar nicht mehr auf? Vor uns liegt der nächste Gipfel im Gratverlauf und Christian hat die nächsten Steigspuren schon ausgeguckt.Doch keine 50 Meter weiter zeigt ein Schild das Ende des Jubiläumsgrats an. Der von Christian entdeckte Wegverlauf führt bereits rüber zum Hochblassen. Aber nicht einmal ein Draufgänger wie er kommt auf die Idee, den Blassengrat auch noch dranzuhängen. Bekanntlich soll man ja aufhören, wenn es am schönsten ist!
Wir legen eine kurze Rast an der Grieskarscharte ein, dann geht es noch einmal richtig zur Sache. Der steile Abstieg ins Mathaisenkar gibt den geschlauchten Oberschenkeln den Rest. Am Karboden plumpst Thomas auf den ersten grünen Wiesenfleck und reißt die dampfenden Bergschuhe von den heißen Füßen.
Wäre da nicht die Aussicht auf ein kühles Weißbier an der Höllentalangerhütte - er säße sicher heute noch da.
Am darauffolgenden Tag beschließen wir die dreitägige Wettersteinrunde mit der Route von der Höllentalangerhütte über die Riffelscharte Richtung Eibsee.
Text und Fotos: Michael Pröttel
Aus ALPIN 01/2005
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