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Tourenbuch

Hochtour: Hochkönig

07.05.2007 10:18:55
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Das Wochenende bringt viel Sonne und sommerliche Temperaturen", sagt die Stimme im Radio. Axel blickt von seiner Zeitungslektüre auf. "Was meinst du, sollen wir am Wochenende auf den Hochkönig gehen, über den Klettersteig durch die Teufelslöcher und dann über den Gletscher zum Matrashaus?" Mich braucht man so was nicht zweimal fragen. Allein schon daran zu denken, lässt mein Herz vor Freude hüpfen.
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Die ebenso wilden wie skurrilen Teufelslöcher. Foto: Demel
Am nächsten Morgen ist von der Sonne indes reichlich wenig zu sehen. "Macht nichts, bis wir im Gebirge sind, hat es sicher aufgerissen", sagt Axel. Ich finde Männer, die Optimisten sind, toll. Drinnen allerdings ist es noch nebeliger als draußen.

"Na ja, im Osten kommt das Wetter eben immer ein wenig später. Und zum Gehen ist es ohnehin feiner, wenn es nicht so heiß ist." Wo er Recht hat, hat Axel Recht. Frohgemut biegen wir in den lauschigen Waldweg ein. Ein glucksendes Bächlein fließt uns entgegen, in den Bäumen zwitschern die Vögel und die Luft riecht so richtig gut. Wir stoßen auf einen Forstweg, der sich in breiten Serpentinen bergauf schlängelt.

Ich schwitze dennoch nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass die Sonne nicht scheint. Unser erstes Zwischenziel heißt Bertgenhütte, gute 800 Höhenmeter über Hinterthal und in zwei Stunden zu erreichen. Die Bertgenhütte ist nur ein mentales Zwischenziel, denn als unbewirtschaftete Selbstversorgerhütte gibt sie nicht viel her. Doch Etappen sind wichtig, wenn man einen langen Weg vor sich hat.

Wir haben derweil den Wald unter uns gelassen und steigen eine Alm hoch. Ich kann das Bimmeln der Kuhglocken hören, doch sehen kann ich in dem weißen Nebel nichts. Ich konzentriere mich aufs Gehen. Dann ist auch die Alm zu Ende, der Weg wird nun steiniger, steiler, holpriger. Gut so, wir gewinnen an Höhe. Es dauert nicht lange, und wir durchqueren erste Firnfelder. Über dem Schnee ist die Luft viel frischer als zwischen den Latschen.
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Unvermittelt endet der Weg in einem riesigen Schneekar. Markierungen sind nicht mehr zu sehen, Spuren ebenso wenig, schließlich ist in dieser Saison noch niemand von dieser Seite zum Hochkönig hochgestiegen. Es macht Spaß, im Schnee zu stapfen. Nach einer Viertelstunde wird es allerdings arg steil. In uns keimen Zweifel auf, ob wir noch immer richtig sind. Wir kramen den Führer aus dem Rucksack und lesen: "Im Schneekar zuerst unter den Lammköpfen, dann quer durchs Geröll zur Flanke des Klammecks." Aha.

Das sagenumwobene Firnfeld der Übergossen Alm zum Matrahaus. Foto: Demel
Wir steigen das Schneekar wieder ab, ich an seiner rechten Kante, Axel an seiner linken. "Ich hab’s", rufe ich, als ich im Nebel auf einem Felsen eine Markierung erspähe. Zwanzig Minuten später erreichen wir die winzige Bertgenhütte.

Zeit für eine Brotzeit. Wir setzen uns in die Hütte. Draußen steigen die Nebelfetzen hoch. "Gleich reißt es auf", prophezeie ich. Als wir weitermarschieren, fängt es an zu nieseln. "Wenn der Nebel zerreißt, dann nieselt es manchmal leicht", erkläre ich Axel. Wir queren ein großes Schneefeld. Dann noch eins. Unten rauscht der Bach. Felsen. Der Weg windet sich. Dann wieder Schnee. Wir steigen ohne Spur hoch, diesmal von Anfang an rechts und links verteilt. An meiner Karseite türmen sich die Felsen immer wilder.

Undenkbar, dass hier ein Weg sein soll. Der Regen wird immer heftiger. Die Sicht ist gleich null. Was tun wir hier überhaupt? Wir irren auf der Suche nach einem rotweißen Zeichen umher und sind bis auf die Knochen durchnässt. Auf den Wetterbericht ist auch kein Verlass.

"Was meinst du?", fragt Axel. "Und du?", frage ich zurück. "Nun gut", sagt er. "Einverstanden", antworte ich. Hand in Hand stapfen wir das Schneekar runter.Die nächsten sieben Tage sind durchgehend sonnig und hochsommerlich warm.

Steil türmt sich das Gemäuer über dem Schneekar auf.
Ein gewaltiges Hoch baut sich über Mitteleuropa auf. Am nächsten Samstag ist der frühe Juni-Himmel ungetrübt klar. Hochkönig, wir kommen! Am Bach entlang, durch den Wald, über die Alm, durchs Schneekar hinauf zur Bertgenhütte - der Weg ist uns vertraut, das Panorama dazu ist indes ganz neu. Endlich sehen wir die ganze Pracht des mächtigen Hochkönig- Stocks.

Und immer wieder wandert der Blick hinauf zu den Teufelslöchern, zwei riesigen Toren am Grat des Felsmassivs. Dahinter tiefblauer Himmel. Da müssen wir durch, um auf den Gletscher der Übergossenen Alm zu gelangen.

Wie schön das Leben doch ist. Eine Handvoll Sonnenstrahlen, ein Paar Bergschuhe, eine Brotzeit im Rucksack und schon gehört mir die Welt. Wir gelangen an die Stelle, an der wir vor einer Woche aufgegeben haben. Nun sind die Markierungen gut zu sehen, die Sonne der vergangenen Tage hat den Schnee weggeleckt, in einem fröhlichen Zickzack locken uns die rotweißen Zeichen immer höher hinauf durch das Kar.

Immer steiler türmt sich die honiggelbe Wand über uns auf. Die Schneefelder blinken, die Sonne knallt uns in den Nacken, hin und wieder streift uns ein frisches Lüftchen. Meine Laune könnte besser nicht sein.
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Der Wandfuß ist erreicht. 800 Höhenmeter Klettersteig liegen nun vor uns. Jemandem wie mir, die den Fels liebt, läuft bei dieser Vorstellung das Wasser im Mund zusammen. Meine Ungeduld muss ich noch ein wenig zügeln, mir knurrt der Magen. Es ist eine jener Erkenntnisse, welche die Erfahrung immer wieder bestätigt: Nirgendwo schmeckt ein Speckbrot so gut wie am Berg. Ein Schluck frisches Schmelzwasser dazu - eine Delikatesse. Da pfeif’ ich auf jeden Gourmettempel.

Elegant nimmt der Klettersteig seinen ersten Aufschwung. Wir steigen eine breite Rinne hoch, dann scheren wir rechts aus und umrunden in einem System von Rippen und Rinnen einen großen Bauch. Die Rippen sind ausgesetzt. Das mag ich, denn dann kribbelt es ein wenig im Magen. Die Rinnen sind voller Schnee. Das mag ich gar nicht, denn wer hier rutscht, ist weg vom Fenster.

Nun führt der Steig wieder gerade hoch, über sonnenwarmen Fels. Perfekt. Der Blick ins Tal wird immer tiefer, immer weiter. Ganz schön viel, was man in ein paar Stunden so steigen kann. Abrupt bleibt Axel vor mir stehen. Ich schaue ihm über die Schulter und weiß warum. Vor uns liegt eine Mischung aus Band und steiler Rinne unter einer Schneedecke.

Alles andere als Kaiserwetter unter dem Hochkönig - Nebelsuppe beim ersten Versuch. Foto: Holzknecht
Letztere hat lauter Falten und Risse, als sei sie ganz langsam das Kar hinabgerutscht. Von oben tropft pausenlos Schmelzwasser auf die Decke. Das Ergebnis ist ein Mix aus Eis und faulem Schnee. Die Alternativen sind entweder abrutschen oder durchbrechen. Auf beides bin ich nicht sonderlich scharf.

Wir stehen eine Weile schweigend und schauen. Beide versuchen wir, eine Linie zu finden, wie es vielleicht gelingen könnte, das Schlamassel zu durchqueren. Hätten wir doch bloß unsere Steigeisen dabei.

"Ich probier’s", sagt Axel. Er steigt in das Kar ab und setzt einen Fuß auf die Schneedecke. Mit einem dumpfen Geräusch bricht der Schnee und rutscht bergab. Nächster Versuch. Diesmal hält die Schneedecke. Unendlich langsam schiebt sich Axel Schritt um Schritt weiter. Als er in die Nähe der Risse kommt, beginnt mein Herz heftig zu klopfen. Lass ihm nichts passieren, flüstere ich. Noch ein paar Schritte und er ist drüber. Puh, geschafft.

Ich folge seinen Spuren. Richtig gut hat er das gemacht. Stolz steigen wir weiter. Zum Glück folgt wieder eine astreine Felspassage. "Das Schlimmste haben wir wohl hinter uns", sage ich. "Ich hoffe", murmelt Axel. Als Mann ist er ein wenig realistischer als ich.
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Tatsächlich stehen wir bereits wieder vor der nächsten Schneerinne. Sie ist noch steiler als die vorhergehende, doch der Firn ist fest. Auch hat uns unser Erfolgserlebnis von vorhin Selbstvertrauen und Mut eingeflößt. Die nächste Schneepassage müssen wir umklettern. Schön griffig, denke ich mir. Grrratsch, der Stein unter meinem Fuß bricht aus. Mein Herz setzt kurz aus. Dann beginnt es zu rasen. Ruhig, ganz ruhig.

Und weiter. Hinauf. Weg von hier. Genau betrachtet, ist der Fels eine einzige brüchige Mogelpackung. Ich konzentriere mich wie ein Luchs. Oben muss ich mich kurz hinsetzen. Ich warte, bis sich mein Atem beruhigt hat.

Spurensuche im Schneekar unter den Teufelslöchern...wir finden nicht einmal den Einstieg.
Einen Weg zurück gibt es nicht mehr, denn da abzuklettern wäre Wahnsinn. Hoffentlich kommen wir oben durch. Teufelslöcher, so eine Schnapsidee. Wieso kann ich nicht einfach zum Baden fahren, Federball spielen und danach ein Eis schlecken? Als wir zwei Stunden später erschöpft und mit denkbar dünnem Nervenkostüm durch die Teufelslöcher steigen und vor uns den Gletscher der Übergossenen Alm sehen, bin ich dann aber doch stolz.

Wann hat man heutzutage schon Gelegenheit, sich richtig zu fürchten? Wo sonst erfährt man auf so eindrückliche Art und Weise, wie klein und ohnmächtig man ist? Und wodurch sonst schärft sich einem derart der Blick für die einzigartige Schönheit der kleinen und großen Dinge des Alltags?

Der Weg über die Übergossene Alm ist purer Genuss. Ein Blick so weit das Auge reicht, vor uns das Achteck des Matrashauses, hinter uns die Angst. Als wir nach dem Abendessen vor die Hütte treten und zusehen, wie das letzte Licht des Sommerhimmels verglimmt, bin ich der glücklichste Mensch auf Erden.

Am nächsten Morgen steigen wir den Normalweg zum Arthurhaus ab. Weitläufiges, kupiertes, unschwieriges Gelände, ideal um die ganze Pracht der Landschaft in uns aufzusaugen. Unten nimmt ein Autofahrer uns mit zurück nach Hinterthal. Wir sitzen auf der Rücksitzbank im Wagen, schauen aus dem Fenster hinauf zu den Teufelslöchern und grinsen.

Text: Sabine Holzknecht

Aus ALPIN 03/2006
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