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Tourenbuch

Klettertour: Kleine Zinne - Gelbe Kante

21.08.2009 10:12:36
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Langsam schlendern wir den weg vom Parkplatz in richtung Rifugio Lavaredo. Von der Südseite sehen die von Norden so markanten Zinnen aus wie ganz normale Dolomitengipfel. Das ist gerade auch das Problem. Die Gelbe Kante an der Kleinen Zinne haben wir uns für heute ausgeguckt. Eine klassische Tour im sechsten Grad. Ausgesetzt soll sie sein. Schön, das mag ich. Irgendwo weit oben soll ein extrem exponierter Quergang sein. Sagt der Führer. Nur: Wo ist die Gelbe Kante?
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Klettern an der Gelben Kante - steil, aber genussvoll.
Die Routen auf der Nordseite kennt man von zahlreichen Führern und Magazinen. Aber hier auf der Südseite ist alles etwas schwieriger. "Fragen wir doch an der Hütte", sagt Birgit. "Nee, die finden wir auch so", antworte ich. Das ist mir zu peinlich. Zu fragen wo die Gelbe Kante ist!

Die erklären uns dann für total bescheuert. Da such ich lieber. Birgit ist da weniger zimperlich, denkt 'Typisch Mann!' und marschiert kurz entschlossen in die Hütte und erkundigt sich. Ergebnis: Wir stehen direkt davor. Birgit schaut mich mitleidig an.

Der Weg zum Einstieg ist dann, wenn man es weiß, kurz und einfach. Wir sind, ich kann es fast nicht glauben, die einzigen. Das passiert wohl auch nicht so häufig, immerhin ist das Wetter für heute stabil angesagt. Laut Führer wartet die erste Schlüsselstelle gleich am Ende der zweiten Seillänge. "Wird schon nicht so wild werden."

Sorgfältig binden wir uns ein und kontrollieren nochmal, ob auch alles Material am richtigen Ort hängt. Dann steige ich ein. Die ersten Meter gehen gut, wenngleich man merkt, dass schon ein paar Leute vorher da waren.
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Die erste Seillänge war gewissermaßen zum Warmklettern, jetzt aber wird es ernst. Schon bald stehe ich an der vermeintlichen 6er- Stelle. Ohlala, das sieht aber kernig aus! Zudem ist es mächtig abgeschmiert, hier haben wohl schon Generationen herumgebastelt.

Mit etwas Gewürge und Geziehe komme ich schließlich über die Stelle und stehe auf dem Kopf eines markanten Pfeilers. Ein toller Standplatz! Schnell kommt Birgit nach und die folgenden, wieder leichteren Seillängen steigen wir in Wechselführung.

Wunderbar im Morgenlicht anzuschauen: die Drei Zinnen.
Die Standplätze bestehen durchwegs aus zwei oder drei geschlagenen Haken, aber es gibt immer eine gute Möglichkeit, die Standplätze mit einem oder zwei Keilen zu verbessern. Eine Art von Absicherung, die ich eigentlich ganz gerne mag. Solange man Keile gut legen kann, finde ich das ausreichend.

Nach einigen Seillängen steilt das Gelände wieder auf und vom Topo-Studium wissen wir, dass es jetzt schwieriger wird. Irgendwann finde ich mich in einem verdammt steilen 5er-Wandl wieder - und brüchig ist es hier auch noch.
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So ganz wohl fühle ich mich jetzt nicht in meiner Haut, zumal die letzte Sicherung schon gefährlich weit unter mir ist. Plötzlich lacht mich die Gewindestange eines Bohrhakens an. Offensichtlich ging es hier schon mal dem einen oder anderen vor mir genauso. Obwohl die Lasche fehlt, bin ich ganz froh darüber. Schnell einen Klemmkeil umgedreht, den Metallkonus etwas vorgeschoben und das ganze über den Gewindestift gelegt. Nicht 100-prozentig, aber immerhin.

Rast unter dem Vorgipfel der Kleinen Zinne.
Oberhalb vom nächsten Stand wartet die Schlüsselseillänge. Sie ist mit UIAA VI bewertet. Wir schauen uns die Sache mit Argusaugen an. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder man klettert die Verschneidung gerade rauf bis unter ein kleines Dach und quert von da nach links.

Oder ich steige nach etwa der Hälfte der Verschneidung schon nach links weg. Leider kann man in beiden Fällen nicht erkennen, was einen nach der Linksquerung erwartet. Ich will die Entscheidung erst "vor Ort" treffen und klettere los. Die erste Möglichkeit nach links zu queren ist zwar extrem ausgesetzt und steil, schaut aber recht griffig aus. Ich entscheide mich für diese Möglichkeit.

Nach dem kurzen Linksquergang komme ich ums Eck. Wenn man hier irgendetwas fallen lässt, landet es einige hundert Meter weiter unten im Schuttkar. Luft unter den Sohlen hat man reichlich.

Das Wändchen, das uns zum nächsten Standplatz leitet, ist Klettergenuss pur. Ausreichend abgesichert, griffig und extrem ausgesetzt. Von Erzählungen weiß ich, dass Freunde an dieser Stelle einmal von einem Gewitter überrascht worden sind. Innerhalb kürzester Zeit lag plötzlich Schnee auf den Felsen.
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So wurde für sie aus einer vermeintlich harmlosen Klettertour plötzlich ein ernsthaftes Unternehmen. Aber auch das gehört zum alpinen Klettern dazu und man muss auch mit solchen Situationen zurecht kommen.

Wir haben Glück. Die Sonne scheint und die Temperaturen sind ideal. Es dauert nicht mehr lange und wir sitzen auf dem Gipfel der Kleinen Zinne. Von hier oben beobachten wir das geschäftige Treiben auf den Wegen rund um die Drei Zinnen. Genießen, dass wir ganz alleine hier oben sind.

Die Gelbe Kante.
Aber auf die Kleine Zinne führt halt kein leichter Anstieg. Der Abstieg ist gut markiert, man muss einige Male abseilen und gelangt dann in das Kar zwischen Kleiner und Großer Zinne. Im Schotter geht es dann ziemlich schnell zurück zum Wanderweg.

Wir nehmen nicht den direkten Weg zurück zum Parkplatz am Rifugio Auronzo, sondern laufen noch auf dem Weg auf der Nordseite um die Zinnen herum, um uns schon einmal die Touren für die nächsten Tage anzusehen. Schließlich sagt der Wetterbericht nach wie vor stabiles Hochdruckwetter ohne Gewitterneigung für die nächsten Tage vorher. Das wollen wir ausnützen!

Text: Olaf Perwitzschky
Fotos: Birgit Gelder

Aus ALPIN 01/08
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