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Tourenbuch

Hochtour: Dent Blanche

29.04.2010 09:22:05
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Der Dent Blanche ist ein Bild von einem Berg, eine von mächtigen Gletschern umfl ossene Felsklippe mit vier Graten in die Haupthimmelsrichtungen. Mindestens einen davon sollte man in seinem Tourenbuch vermerken dürfen - in der Regel wird es der Normalweg über den Südgrat sein.
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Majestät mit Gefolge: der Deant Blanche (Mitte) zwischen Grand Cornier und Dent d'Herens.
Dresden 2008: „An zwei Tagen wird sich alles um die Zukunft des Bergsports drehen“, so der Präsident des DAV, Dr. Heinz Röhle, in seinem Grußwort zur großen Standortbestimmung des Deutschen Alpenvereins, Berg.Schau! 2008.

Auch ich bin eingeladen und freue mich, viele bekannte (und weniger bekannte) Gesichter aus der Welt des Bergsports zu sehen. Auf diversen Foren wird debattiert und diskutiert.

Besonders hitzig geht es dabei - man muss schon sagen: wie immer - um den Einsatz von Bohrhaken. Sollen bestehende Linien und Klassiker saniert werden, und wenn ja, wie? Und – auch in diesem Fall: wie immer – wird einiges zu Papier gebracht von dem, was Spitzenalpinisten und Spitzenfunktionäre an hehren Zielen für die Zukunft des Alpinismus für sinnvoll und richtungsweisend halten.

Im Falle des Einsatzes von Bohrhaken in klassischen Routen sind sich dabei im Prinzip alle schon seit Jahren einig: Der Einsatz von Bohrhaken sollte begrenzt werden und sich auf den Ersatz bestehender alter oder maroder geschlagener Haken beschränken. Der Charakter einer Tour sollte im Wesentlichen erhalten bleiben. Soweit Berg. Schau! 2008 in Dresden...

Drei Wochen später treffe ich mich mit meinem Freund Stefan in Ferpecle im Wallis. Endlos kommt mir die Fahrt von Sion in das Val d’Herens hinauf vor, eine Kehre nach der anderen quält sich mein Kleinwagen das Tal hinauf. Auf 1766 Meter ist Feierabend mit dem PS-getriebenen Aufstieg, ab hier geht's ausschließlich zu Fuß weiter.

Und dieser Weg wird definitiv weit angesichts unseres Ziels, des 4357 Meter hohen Dent Blanche, eines der großen Viertausenders im Bannkreis von Zermatt. Und selbst unser heutiges Ziel, die Cabane de la Dent Blanche, liegt mit 3507 Metern deutlich oberhalb der Kategorie „gemütlicher Hüttenaufstieg“.

Langsam und stetig, ein Schritt nach dem anderen, Stefan voraus und ich hinterher, tappen wir den Pfad hinauf. Angesichts der ungeheuren Ausmaße der Umgebung kommt uns unsere Art der Fortbewegung lächerlich vor.

Nur der Verstand treibt uns weiter, denn er weiß, es geht voran. Und so ist es ja dann auch: Erst kommen die Gletscher in Sicht – der Glacier du Mont Mine und der Glacier du Ferpecle - dann verschwinden die Bäume und anschließend wird das Grün der alpinen Matten durch das Grau-Braun von Schutt und Eis ersetzt. Wobei Letzteres sicherlich verstärkt wird durch das Einsetzen von Regen.

Die letzten zwei Stunden unseres insgesamt sechsstündigen Aufstiegs vergehen im sturen „Tapp-Tapp“ der Stiefel. Wie eine Maschine funktioniert der Körper, eine Pause mögen wir uns nicht mehr gönnen.

Blick auf den Südgrat.
Die Cabane de la Dent Blanche überrascht durch ihre Gemütlichkeit und eine freundliche Hüttenwirtin, die sogar Deutsch spricht (was angesichts ihrer Herkunft – eben aus Deutschland – nicht verwunderlich ist, in der französischen Schweiz jedoch auffällt). Auf der Hütte selbst steht auch ein Modell des Berges, sodass man ihn zumindest en miniature schon mal genauer in Augenschein nehmen kann.

Vier Grate stützen den Koloss, jeder nach einer der vier Himmelsrichtungen ausgerichtet. Die Cabane de la Dent Blanche ist Startpunkt für zwei der allesamt lohnenden und äußerst interessanten Linien: den West- oder Ferpeclegrat (mit IV+ bewertet) und den Südgrat, der den Normalweg darstellt und mit Kletterstellen im oberen III. Grad auch nicht geschenkt ist.

Wir wissen noch nicht genau, was wir eigentlich vorhaben, und wollen uns morgen nach dem Frühstück von Lust und Laune treiben lassen. Diverse Digitaluhren und Handys wecken uns im stickigen Matratzenlager, der Blick in den funkelnden Sternenhimmel verspricht aber einen schönen Tag.

„Ferpecle-Grat?“, nuschle ich müde in mein Müsli, Seilpartner Stefan nickt wortlos in seinen Kaffee. Eine halbe Stunde später machen wir uns in Richtung Westgrat auf. Überraschenderweise folgen uns jedoch noch drei andere Seilschaften durch das gerade im Zustieg äußerst brüchige Gelände.

Vorsichtig queren wir durch eine Felsflanke und erreichen ein großes, vom Südgrat herabziehendes Schneefeld. Ganz oben, winzig klein, sehen wir eine Seilschaft wie zwei Glühwürmchen passieren, während unter uns die nachfolgenden Kletterer den halben Berg abzubrechen scheinen. Just in diesem Moment löst sich vom gegenüberliegenden Ferpecle-Grat auch noch eine Steinlawine. Stefan guckt mich an … die Entscheidung ist klar: Auf ins Licht und zum Südgrat!

Eine halbe Stunde später stehen wir oben auf der Firnschneide des Grates, während gegenüber die aufgehende Sonne das Matterhorn wachküsst. Grell-orange leuchtet die Nordwand des „Hörnli“, meine Gedanken kreisen andauernd um ähnlich geformte Schokolade.
Zur Bildergalerie Tourenbuch Dent Blanche klicken Sie auf das Bild.
Wir machen Pause und genießen das umliegende Panorama. Neben dem Matterhorn ragt der von Eisbalkonen gekrönte Dent d’Herens in den Himmel, ganz im Westen erkennt man die gezackte Montblanc-Gruppe und im Osten macht der Monte Rosa seinem Namen alle Ehre.

„Brauchen wir das Seil?“, reißt mich Stefan aus meinen Betrachtungen umliegender Viertausender. „Nein, noch nicht“, antworte ich und so geht's in die felsigen Passagen der Route. Mehrere Gendarmen wollen überklettert werden, was angesichts des festen Gneis der pure Genuss ist.

Richtungweisend in den schwereren Passagen sind dabei durchgängig Bohrhaken, alle 25 Meter treffen wir sogar auf richtige Standplätze mit Ketten – was für ein Luxus. Die alten Eisenstangen, die man wohl früher zum Abseilen benutzt hat, sind auch noch im Fels.

Die Schlüsselstelle am Südgrat, die Umgehung des Großen Gendarmen, ähnelt einer Sportkletterroute in Südfrankreich, nur dass dort die Schwierigkeiten meist oberhalb des dritten Grades liegen. Bei bestem Wetter erreichen wir den höchsten Punkt.

Nach der Rückkehr vom Dent Blanche: Dehnen und Dösen in der Sonne.
Zehn bis zwölf andere Bergsteiger sind mit uns am Gipfel, darunter auch der Sohn der Hüttenwirtin. Er ist Bergführer und hat gerade zwei Kunden zum Ziel ihrer Träume geführt. Ich frage ihn nach den Bohrhaken, da diese ja den ursprünglichen Charakter der Tour deutlich verändert hätten.

Seine Antwort ist ziemlich eindeutig: Was die Herren Funktionäre im Alpenverein beschließen würden, sei ihm ziemlich egal. Ihm gehe es um Sicherheit für ihn und seine Klienten. Und schließliche solle der Dent Blanche ja ein attraktives Ziel sein.

Dies alles lasse sich eben durch den Einsatz von Bohrhaken deutlich steigern. In diesem Sinne werde er in den nächsten Tagen die Zustiege sowohl zum Ferpecle-Grat als auch für den Normalweg mit Katzenaugen ausstatten.

Die Zukunft des Alpinismus wird – so viel ist für mich nach diesem Gespräch klar – nicht in Dresden (und auch an keinem anderen grünen Tisch) entschieden.

Text und Fotos: Ralf Gantzhorn

Aus ALPIN 11/09
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